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09. Februar 2010
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Jeder gestaltet ja auch sein privates Zimmer

Ohne eingefrorene Laden-Mieten wird in die Innenstadt kein Leben einziehen, meint Architekt Christoph Mäckler
Herr Mäckler, man hat den Eindruck, für die weitere Diskussion über die Zukunft dieser Stadt ist zumindest schon eine Leitlinie gefunden, das Label Frankfurt 2030. Ist die Debatte im Gang?

Nein, es gibt vielleicht Anstöße, aber noch keine Debatte. Ich muss auch ehrlich sagen: Ich halte von Labels grundsätzlich nichts. Ich habe in den drei Jahrzehnten, in denen ich jetzt in dieser Stadt arbeite, schon so viele Schlagworte gehört, dass ich mich frage, was sich eigentlich verändert hat. Ich finde die Ideen der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main gut, um eine Diskussion in Gang zu bringen. Das Motto "Frankfurt für alle", das im Büro Speer auftaucht, kennt man hingegen schon seit den 70er Jahren.

Egal, wie man das Label für eine Erörterung der Perspektiven nennt. Ist die Zeit für eine Debatte zur Entwicklung günstig?

Zur Person
Der Architekt Christoph Mäckler, 1951 in Frankfurt am Main geboren, meldet sich in entwicklungspolitischen Debatten dieser Stadt immer wieder als Kritiker der Stadtgestaltung zu Wort. Sein eigenes Büro gründete Mäckler 1981. Bis 1996 arbeitete er im Städtebaubeirat Frankfurts mit. In Dortmund ist er seit 1998 Ordentlicher Professor.
Mir sind die ganzen Gutachten über. Ich glaube, es gab mit dem Museumsufer von Hilmar Hoffmann und den neuen Wohnvierteln am Main in den vergangenen Jahren immer wieder hervorragende politische Impulse; konkrete Politik, die zu konkreten Ergebnissen geführt hat. Natürlich kann man immer wieder Wunschzettel zur allgemeinen Entwicklung der Stadt, wie der Region aufstellen, was aber will der Bürger mit diesen Schlagworten? Was uns fehlt, ist das Thema der stadträumlichen Gestaltung unserer Straßen und Plätze.

Es gibt Konkretes. Was halten Sie von einer Internationalen Bauausstellung, die Viele wollen?

Das ist mir zu wenig konkret. Reden wir doch über Inhalte. Es gibt in Frankfurt im Stadtplanungsamt beispielsweise einen Plan zur stadträumlichen Verbesserung der Innenstadt. Warum wird der eigentlich nicht umgesetzt? Dazu braucht man keine Bauausstellung. Natürlich ist es wichtig, mit den Gemeinden in der Region klarzukommen. Deshalb ist die Initiative von Fraport-Chef Wilhelm Bender zur Positionierung der Region ganz hervorragend. So etwas muss es geben und unsere Oberbürgermeisterin versucht ja schon seit Jahren, etwas zu verändern. Dies ist ein politisches Thema von hoher Brisanz. Wir benötigen aber vor allem einen attraktiven, lebenswerten Stadtraum, in dem der Bürger sich wohl fühlt. Nehmen Sie die Aufregung um den Neubau des Historischen Museums, der den Freunden der Altstadt nicht gefällt. Ich verstehe das, aber ich akzeptiere es nicht. Arno Lederer ist ein ausgesprochen sensibler Architekt, der den Stadtraum an dieser Stelle in Ordnung bringen wird.

Auf kommunalpolitischer Ebene wollen immer mehr Bürger immer öfter mitreden. Muss doch keine schlechte Entwicklung sein?

Nein, im Gegenteil, man spricht über Architektur, über Städtebau. Nur sind wir darauf nicht richtig gerüstet. Wenn sich die Bevölkerung nicht äußert, ändert sich auch nichts. Nehmen Sie die Umweltdiskussion damals. Heute sortieren wir brav den Müll.

Was wollen Sie damit sagen: Die Architekten, die Städtebauer sind nicht gerüstet?

In den 70er Jahren hat sich die Disziplin der Stadtplanung von der Architektur getrennt. Heute wissen wir: So geht das nicht. Stadtplanung ist ein organisatorisches Hilfsinstrument, das konkrete stadträumliche Inhalte und architektonisches Gestalten benötigt. Wir müssen Straßen und Plätze stadträumlich entwerfen, sonst entsteht keine Stadt, in der man sich wohl fühlt. Man lässt die Gestaltung der Stadt aber völlig außen vor, oder glaubt dieses Thema mit Stadtmöblierung erledigen zu können.

Die Städte wachsen. Woran sollen sie sich orientieren - städtebaulich wie architektonisch?

Das Instrumentarium der Stadtplanung muss durch Städtebau, die architektonisch-städtebauliche Gestalt, ergänzt werden. Dann erst werden wir wieder gestaltete Städte haben. Und das ist genau das, was die Bevölkerung in Deutschland überall fordert. Wenn einige fordern, wir wollen unsere Altstadt wieder haben, dann ist das auch ein Hilferuf.

Die Frage bleibt: Muss man die Stadt nicht im Ganzen denken, um sie an verschiedenen Plätzen gestalten zu können?

Ich muss die Stadt insgesamt denken. In Europa ist das einfach, weil unsere Städte auf historischen Grundrissen aufgebaut sind. Wenn Sie über das Wachstum der Städte sprechen, sage ich: Wir müssen die Innenstädte erst mal verdichten. Man muss beispielsweise den sozialen Wohnungsbau rund um den Dom, den man früher auf die grüne Wiese gesetzt hätte, durch städtischen Raum ergänzen - mit vernünftigen Läden, Wohnungen und mit einem ausgeprägten Einzelhandel. Dann wird dieser Bereich auch wieder belebt sein. Die Menschen wollen sich wohl fühlen - in ihrem städtischen Raum, wie in ihrem Wohnraum. Der städtische Platz ist das Wohnzimmer der Stadt! Dafür gibt es seit Jahrhunderten Kriterien, die in der Literatur festgehalten sind. Daran müssen wir uns wieder orientieren!

In der Diskussion entsteht immer die Furcht, die Frage nach dem Standort überlagere die Frage nach der sozialen Stadt. Ist das eine Falle?

Es wäre fatal, das Eine gegen das Andere auszuspielen. Ich muss den Stadtraum gestalten, unabhängig von den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Alle Menschen wollen gestaltete Räume haben. Jeder gestaltet ja auch sein privates Wohnzimmer. In der Stadt sorgt der sozialpolitische Aspekt dafür, dass diese Räume lebendig sind. Hier ist politisches Handeln gefragt. So sollten wir beispielsweise Einkaufszentren soweit wie möglich von uns fern halten und dem Einzelhandel die Chance geben, sich in der Stadt entwickeln zu können. Nehmen Sie die Braubachstraße: Dort kann der Einzelhandel bestehen, weil er der Stadt Miete zahlt. In bestimmten Bereichen der Stadt sollten die Erdgeschoss-Mieten eingefroren sein. Nehmen Sie die toten spiegelverglasten Erdgeschosse der Mainzer Landstraße. Die Stadt hat diesen Straßenraum in eine sehr schöne Allee verwandelt, doch ohne Läden mit bezahlbaren Mieten wird da niemals städtisches Leben einziehen. Das Erdgeschoss eines Hauses muss als Teil der Stadt verstanden werden.

Das gilt nicht nur für die Innenstadt. Das gilt für die Stadtteile genauso.

Natürlich. Da muss man an die Erdgeschoss-Mieten ran. Nur so entstehen lebendige Innenstädte und lebendige Stadtteile.

Interview: Matthias Arning


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Dokument erstellt am 25.10.2008 um 00:08:01 Uhr
Erscheinungsdatum 25.10.2008 | Ausgabe: R2NO
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