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09. Februar 2010
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Schülerstreiks in Frankfurt

Dann eben Musik

In Frankfurt beteiligen sich Schüler an den bundesweiten Demos für mehr Bildung. Sie wollen weg vom Turbo-Abi und fordern kleinere Klassen.
VON SEBASTIAN AMARAL ANDERS UND PETER HANACK

Die beiden Jungs stehen etwas ratlos an einer Ecke der Konstablerwache. "Warum sind wir eigentlich hier?", fragen die Schüler einen Reporter, der gerade in Erwartung der Schülerdemonstration angekommen ist. "Ihr protestiert gegen das dreigliedrige Schulsystem", erklärt er ihnen. "Und gegen G 8 an den Gymnasien." Die beiden nicken bedeutsam. "Und wo kriegen wir Bescheinigungen, dass wir heute hier und nicht im Unterricht waren?"

Zu diesem Zeitpunkt, es ist kurz nach neun Uhr an diesem Mittwochmorgen, ziehen die drei Züge der Schülerdemonstration noch durch Frankfurt. Der eine ist im Dornbusch gestartet, ein anderer im Nordend. Auch aus dem Westen laufen Schüler von acht Uhr an Richtung Römer, wo ein Bühnenlaster für die zentrale Kundgebung bereitsteht. Seit dem frühen Morgen mobilisiert Olaf Matthes dafür unermüdlich. Mit einen Megaphon steht der Student von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend im Pausenhof von Elisabethen- und Fürstenbergerschule. Nach Matthes' Aufruf versammeln sich diejenigen auf dem Hof, die sich heute Demo statt Unterricht in den Stundenplan geschrieben haben.

Unter ihnen ist Jakob Heuke, Schülersprecher der Elisabethenschule. "In der Oberstufe waren viele skeptisch", berichtet der 18-Jährige von der Einstellung seiner Mitschüler gegenüber der Demo. Viele hätten sich gefragt, wer denn überhaupt die Organisatoren der Demo seien. Dass die vor allem aus dem linken Spektrum kommen, hat die Streikbereitschaft nicht unbedingt erhöht. Selbst der Stadtschülerrat hat sich im Vorfeld von dem bundesweiten Streiktag distanziert. "Trotzdem", gibt sich Heuke kämpferisch, "sollte man diese Plattform nutzen, wenn sie einem gebten wird."

Bundesweiter Schülerstreik
70.000 Schüler sind am Mittwoch bundesweit für bessere Bildungschancen auf die Straße statt in den Unterricht gegangen. In Berlin demonstrierten 10.000 Teilnehmer, 1000 hielten die Humboldt-Universität zeitweise besetzt. In Hannover durchbrachen Schüler die Bannmeile vor dem Landtag. In Hamburg beteiligten sich laut Polizei 6000, in Stuttgart 5000. Hessenweit blieben etwa 7000 Schüler dem Unterricht fern.

Die Demonstranten fordern kosten- lose Bildung für alle, Abschaffung des Turbo-Abiturs, mehr Lehrer, kleinere Klassen und die Einführung der Gemeinschaftsschule.
Mit der Verstärkung aus den beiden Schulen wächst der nördliche Demonstrationszug auf rund 300 Schüler an. Hinter einem Musikwagen laufen und tanzen sie in Richtung Innenstadt. Die Sprechchöre wecken Erinnerungen an die Proteste gegen die Studiengebühren. Nur leiser sind sie. Und sie verstummen oft nach wenigen Sekunden. Statt "Bildung für alle, und zwar umsonst!", dröhnt zunehmend Musik aus den Lautsprechern. Noch einmal versucht der junge Mann am Mikrofon einen Sprechchor für mehr Bildungsausgaben zu initiieren. Vergeblich. "Dann machen wir eben mit Musik weiter." Bis zum Römer.

Dort blickt Jochen Nagel, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, bei seiner kämpferischen Ansprache dennoch auf rund 1500 Schüler, wie die Polizei schätzt. Die Veranstalter sprechen gar von 4000 und einer "sehr erfolgreichen Aktion". Das Politische, das zuvor in der Tanz- und Partystimmung bei den friedlichen Demonstrationszügen etwas untergegangen war, kommt bei der Abschlusskundgebung zu seinem Recht.

Banzer gesprächsbereit


So fordert Nagel die Einführung einer sechsjährigen Sekundarstufe 1 in allen Schulformen und ein Ende des "G 8-Experiments". Unterstützung in ihren Forderungen nach kleineren Klassen und gerechten Bildungschancen erhalten die streikenden Schüler nach der Demo auch aus den Fraktionen von SPD, Grünen und Linkspartei. Der geschäftsführende Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) kritisiert am Nachmittag die Streikaktionen, bietet aber zugleich an, die Gespräche mit den Schülervertretungen fortzusetzen.

Am Römer löst sich die Demonstration gegen Mittag langsam auf. Nach einer guten Stunde hat auch die 18-jährige Lisa Stab, die mit ihren Freundinnen aus Hattersheim angereist ist, genug. "Vieles wiederholt sich", findet sie. "Jetzt würde ich gerne noch hören, was ich selbst machen kann, um das Bildungssystem zu verbessern."
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Dokument erstellt am 13.11.2008 um 00:08:02 Uhr
Letzte Änderung am 13.11.2008 um 09:53:35 Uhr
Erscheinungsdatum 13.11.2008 | Ausgabe: S
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