Dreckige Protestantensau", "Dummschwätzer", "weinerlicher Humanist". Was sich anhört wie Hasstiraden aus Religionskriegen vergangener Jahrhunderte, stammt aus der Feder heutiger Katholiken, die den evangelischen Pfarrer und Liedermacher Clemens Bittlinger bedrohen.
Der "Rockpfarrer", wie er sich selbst auf seiner Homepage nennt, hat ein Lied mit dem Titel "Mensch Benedikt" veröffentlicht, in dem er Fragen an den Papst richtet. Auf diesem Weg unterstellt er dem Oberhaupt der Katholischen Kirche, die Missionsgeschichte zu verklären, durch das Verbot von Kondomen, die Verbreitung von Aids zu fördern und andersgläubige Christen zu schmähen. Zudem setzt er die Katholische Kirche mit "Kampf um Macht" in Verbindung. Nachdem auf rechtskonservativen, katholischen Internetseiten seine E-Mail-Adresse veröffentlich wurde, kam es zu Drohbriefen an Bittlinger. "Einige kann man als Morddrohung verstehen", so der Liedermacher. "Bei Auftritten habe ich heute immer ein dumpfes Gefühl von Bedrohung."
Die Hessische Polizei nimmt die Drohungen gegen den Pfarrer aus dem Odenwald sehr ernst. Ein Konzert Bittlingers in Rimbach, am 10. August wurde verdeckt überwacht, eine verdächtige Postsendung von einer Spezialeinheit geöffnet. "Wie gefährlich die Drohungen tatsächlich sind, ist schwer einzuschätzen", sagt Peter Rauwolf von der Polizei Darmstadt. Besonders pikant: als "Referent für Mission und Ökumene" im Dekanat Darmstadt-Land, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ist Bittlinger dafür zuständig, gute Kontakte zu anderen Kirchen zu pflegen. Dort sieht man aber kein Problem in der musikalischen Nebentätigkeit des Pfarrers: "Ökumene heißt nicht nur kuscheln, sondern auch konstruktive Kritik", so Stephan Krebs von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. "Das Lied ist frech und provokant, aber gut. Nichts anderes als Lindenberg für Honecker geschrieben hat", so Krebs.
Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker, hält das Stück ebenfalls für unproblematisch: "Er hat das Lied aus Sehnsucht nach Gemeinschaft unter den Kirchen geschrieben." Am 4. Oktober bemüht sich Bittlinger wieder darum, Brücken zwischen den Religionen zu bauen. Gemeinsam mit einem Moslem trägt er Gedichte und Lieder vor, die sich auf den Koran und die Bibel beziehen. "Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden", sagt er. Das ganze findet in einer katholischen Kirche statt.
Interreligiöses Konzert Clemens Bittlinger und Gerhard Adulquadir Schabel treten am 4. Oktober um 20 Uhr in der katholischen Pfarrkirche Peter und Paul, Steinstraße 5, in Dieburg auf.


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