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Neonazis in Wiesbaden

Mit der Knarre in der Hand

Während Mainz sich aktiv um aussteigewillige Rechtsextreme kümmert, ist das in Wiesbaden kein Thema. Derweil posieren örtliche Neonazis im Internet - mit der Pistole in der Hand.
VON MARIO THURNES

Auf harmlos daher kommenden Internet-Seiten präsentieren sich Wiesbadener Nazis. Etwa auf "Wer kennt wen" (WKW). Dort verfügt Karsten über eine Profilseite. Er gehört WKW-Gruppen wie "Germanische Götterwelt" oder "Deutsch? Ja! Und Stolz drauf" an. Außerdem bietet Karsten Videos der Plattform "You tube" an, in denen sich Hooligans prügeln. Bis vor kurzem war auch ein Foto zu sehen: Karsten posiert auf einem Bundeswehr-Klo mit der Knarre in der Hand. Das Foto liegt der Redaktion vor.

Für das Wiesbadener Bildungswerk Anna Seghers ist Karsten kein Unbekannter. "Er gehört zu einer Gruppe von Wehrdienstleistenden, die Mario Matthes in den vergangenen Monaten für die Szene geworben hat", sagt Seghers-Mitarbeiter Florian Bak. Fast all diese Wiesbadener Nazis sind auf WKW wieder zu finden.

Matthes ist NPD-Funktionär und wurde diesen Monat vom Mainzer Amtsgericht zu elf Monaten Haft auf Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Ein weiterer Prozess wegen einer Prügelei in Wiesbaden steht noch aus. Zwei weitere Aktivisten müssen demnächst vor Gericht. Ein dritter bekannter Vertreter der Szene, Philipp John vom "Nationalen Wohnprojekt" Butzbach, ist aus der Szene ausgestiegen, berichtet Anna Seghers.

Diese Vorfälle haben viele Jugendliche in der Szene aufgeschreckt: "Es ist für sie doch etwas anderes, wenn sie merken - für den Mist kann ich ins Gefängnis einfahren", sagt Bak. Auf der anderen Seite rekrutiere Matthes neue Mitglieder. Ob er die Jugendlichen halten könne, sei offen. Zwar binde er sie mit Aktion und Aufmärschen an sich, langweile sie aber auch schnell mit seiner Vorliebe für das Germanentum.

Keine Beratung


Für Aussteiger aus der Nazi-Szene besteht eine Hürde, berichtet die Sprecherin des Bündnisses gegen Rechts, Manuela Schon: "Es gibt keine sozialpädagogischen Ausstiegsprogramme." Weder in der Stadt noch im Land. Zwar betreut das Landeskriminalamt (LKA) Aussteiger in dem Programm "Ikarus". Bei einem polizeilichen Angebot sei aber die Hemmschwelle zu hoch. Zudem berichtet Schon von einem Jugendlichen, der ausgestiegen ist und danach nicht zum Wehrdienst zugelassen wurde, weil der Militärische Abschirmdienst (MAD) von seiner Biografie erfahren habe.

Ein LKA-Sprecher dementierte, dass Ikarus-Daten weitergegeben würden. Den konkreten Fall kenne er nicht, gehe jedoch davon aus, dass der Jugendliche bereits vorbestraft war. "Dann erfährt natürlich auch der MAD von seiner Vergangenheit." In Wiesbaden gibt es derzeit keine Angebote für ausstiegswillige Nazis, bestätigt das städtische Ordnungsamt. Zu den Gründen war keine Stellungnahme zu erhalten. In Rheinland-Pfalz dagegen berät das Landesjugendamt im Rahmen des Programms "Rauswege". Hilfesuchende können dabei auch anonym bleiben. Ein Sprecher erklärt: "Die Jugendlichen müssen sehen, dass die Demokratie ihre Vorzüge hat - zum Beispiel Verlässlichkeit."
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Dokument erstellt am 18.12.2008 um 17:00:04 Uhr
Letzte Änderung am 19.12.2008 um 14:15:06 Uhr
Erscheinungsdatum 19.12.2008
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