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10. März 2011

Belletristik: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

 Von Von Brigitte Schmitz-Kunkel
Adam in Birgit Vanderbekes neuem Roman macht die Trends der 80er Jahre nicht mit. Die Fernsehserie "Dallas" findet er "ätzend".  Foto: dpa

In ihrem ebenso köstlichen wie lakonischen Roman schickt Birgit Vanderbeke eine Tochter aus gutbürgerlichem Haus zu einem maulfaulen Adam aufs Land. Anders sehen natürlich die Eltern der nervenstarken Ich-Erzählerin.

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Birgit Vanderbeke fackelt nicht lange: „Das lässt sich ändern“ heißt ihr neues Buch, und genau darum geht es auch. Geleitet vom Motto „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“, geht es kopfüber zurück in die achtziger Jahre, um dann von da aus Lob und Ehr des zivilen Widerstands in die Gegenwart fortzuschreiben.

Dass Vanderbeke hier flugs einen Zeitgeistzug etwa in Richtung Stuttgart besteigt, um die neuen Wutbürger abzuholen, darf man ihr nicht unterstellen – seit „Geld oder Leben“ (2003) formuliert sie Kritik am Konsum- oder sonstigem gesellschaftlichem Fehlverhalten. Das kam nicht immer gut an bei den (professionellen) Lesern; beliebtester Vorwurf: Vanderbeke habe die legendär charmante Leichtigkeit ihres früheren Meisterwerks „Alberta empfängt einen Liebhaber“ gegen ein trocken verbissenes Weltverbesserertum getauscht.

Gar nicht wahr: „Das kann man ändern“ klingt wie eine fröhliche Fanfare und liest sich – meistens – auch so. Das liegt vor allem an der sympathisch nervenstarken Ich-Erzählerin, einer „Tochter aus gutem Hause“, die zwar im Buch keinen Namen, wohl aber einen Mann hat. Der heißt Adam, und das passt, denn mit ihm fängt immerzu etwas Neues an. Auch wenn sich die „frischgebackene Linguistin“ Mitte der achtziger Jahre erst einmal fragt, ob dieser maulfaule Typ, der „nach Holz, nach Metall und nach Arbeit“ riecht, ihre Rettung oder ihr Verhängnis sein wird.

Außerhalb der Modetrends

Für die gutbürgerlichen Eltern ist die Antwort natürlich klar, und das beschreibt Birgit Vanderbeke mit einer wunderbar galligen Ironie. Nicht nur die mehr oder weniger subtile Verachtung des Handwerklichen („Das können sie, solche Leute“), sondern auch das bigotte Bildungsbürgertum, das zwar seinen Brecht im Regal und „Die Ballade von der Hanna Cash“ auf Langspielplatte hat, „aber wenn die eigene Tochter einem solche Leute wie Adam Czupek ins Haus schleppt, merkt man, dass Kultur etwas anderes ist als das wirkliche Leben“.

Das aber ficht die junge Frau nicht an. Ihr Leben mit Adam Czupek, der immer schon „draußen“ war, nimmt ebenso turbulent wie romantisch Fahrt auf. Köstlich, wie lakonisch und präzis Vanderbekes Erzählerin die jeweilige Mode am Kragen packt; zum Beispiel die „Zeit, als alle irgendwie links waren“, als Fassbinder tot war „und neuerdings zu den Guten gezählt“ wurde, als man „Dallas“ und die „Rocky Horror Picture Show“ guckte. „Ätzend“ findet das Adam, der Ton Steine Scherben anbetet („Macht kaputt,was euch kaputt macht“) und sich in apokalyptischen Zukunftsvisionen ergeht, weil selbst seine eigene Frau nicht weiß, dass man einen Siphon selber reparieren kann – statt ihn wegzuschmeißen.

Dorfrepublik auf der Streuobstwiese

Bald ist Vanderbekes Heldin auch „draußen“, und während der vitale Adam in den folgenden Jahren die Altbauwohnungen von Studienräten aufmöbelt, entwickelt sich aus seiner Querköpfigkeit ein ganz neues Lebensmodell. Die Familie zieht mangels Alternative zu einer Freundin aufs Land. Wenn Vanderbeke hier das Loblied der Einfachheit singt, der Freundschaft mit Altbauer Holzapfel und des Multikulti-Glücks mit der grundguten, voll integrierten Nachbarsfamilie Özyilmaz, bekommt das Buch parabelhafte Schlagseite.

Doch dann kriegen Vanderbeke und das Leben im „Basislager“ doch noch die Kurve, und die Streuobstwiese am Haus wird zur Keimzelle einer Dorfrepublik, die sich nicht nur vom Saatgut-Monopol der Agrarfabriken löst, sondern überhaupt selber bestimmen will, wer „drinnen“ ist. Das kann man für naiv halten, aber der fröhliche Trotz, den Vanderbeke propagiert, wirkt ansteckend. Die Frage ist berechtigt: „Und wenn das aufginge?“

Birgit Vanderbeke: Das lässt sich ändern. Piper, München 2011. 169 Seiten, 16,95 Euro.

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