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Buchmesse-Direktor Juergen Boos: Speed-Dating auf der Buchmesse

Im Interview mit der FR äußert sich Buchmessen-Direktor Juergen Boos über Rechtehandel, neue Medien, das Gastland Island und die Leidenschaft für Literatur.

        

Er glaubt an das E-Book: der Buchmessen-Direktor.
Er glaubt an das E-Book: der Buchmessen-Direktor.
Foto: Alex Kraus

Herr Boos, lassen Sie uns über das Geschäft reden. Die Frankfurter Buchmesse führt das Speed-Dating ein. Was ist das?

Das ist unser Versuch, in kürzester Zeit möglichst viele Geschäftskontakte herzustellen. Das ist ein Kern von Messen, vom Mittelalter bis heute.

Wie funktioniert Speed-Dating auf der Buchmesse?

Nun, man sitzt sich fünf oder zehn Minuten gegenüber. Die Rechtehändler und die Leute, die ein Produkt zu verkaufen haben, etwa einen Text. Dieser Rechtehandel, der sich in einer öffentlich nicht zugänglichen Halle vollzieht, ist das Herz der Messe. Dieser Bereich ist in den letzten Jahren um fast 30 Prozent gewachsen.

Wie viele Menschen versammeln sich in diesem Agentenzentrum?

Bei uns gemeldet haben sich in diesem Jahr 527 Agenten. Das ist ein Rekord. Da geht es um Texte von Büchern. Aber es geht zum Beispiel auch um die Rechte für Filme. Dann kommen die Leute, die Computer-Gaming produzieren, also etwa Fantasy-Spiele.

Diese neuen Medien gewinnen immer mehr an Bedeutung?

Dieser Bereich ist stark gewachsen. Die Frankfurter Buchmesse besteht ja aus vielen Messen parallel. Und unsere Aufgabe ist es, Orientierung zu geben: Was sind die wichtigen Themen? Deshalb haben wir dem Rechtehandel mehr Raum verschafft.

Sie haben 2010 bei der Eröffnungspressekonferenz mit der Kinderbuch-Autorin Cornelia Funke auf die Verwertungskette aufmerksam gemacht, vom Buch zum Film zum Spiel.

Cornelia Funke, das ist das Spannende, hat ihr Buch gleich zusammen mit einem Filmproduzenten geschrieben, das heißt, schon beim Entstehen des Buches habe ich die anderen Medien im Kopf.

Macht das mittlerweile immer mehr Schule, diese Verwertungskette?

Gerade beim Kinder- und Jugendbuch ist es extrem stark. So kommt zum Beispiel auf die diesjährige Messe David Heyman, der Produzent der Harry-Potter-Filme. Das ist ein Ritterschlag für uns. Da kommt jemand zu uns, der sieben der erfolgreichsten Filme der Filmgeschichte gemacht hat. Die neuen Medien werden immer wichtiger. Wenn ich als Verlag zum Beispiel ein E-Book produziere, kann ich dem noch weitere Inhalte zuordnen, zum Beispiel ein interaktives Spiel oder eine Fernsehdokumentation. Es werden ständig Grenzen überschritten.

Zur Person

Der heute 50-jährige Juergen Boos führt seit April 2005 die Frankfurter Buchmesse, die größte Bücherschau der Welt.
Der Manager ist ausgebildeter Verlagsbuchhändler und studierter Betriebswirt.

Wie entwickelt sich das E-Book?

Der Marktanteil in Deutschland liegt noch immer unter einem Prozent. In den USA ist das völlig anders, da liegt der Anteil bei bis zu 50 Prozent. Da spielt eine Rolle, dass es dort immer weniger klassische Buchhandlungen gibt. In Deutschland haben wir dagegen eine relativ stabile Buchhandels-Struktur.

Glauben Sie, dass das E-Book in Deutschland einen nennenswerten Anteil gewinnen wird?

Ja, das glaube ich schon. Als wir gerade von Berlin zurückflogen, saßen wir neben einem Flugbegleiter, der hatte ein gedrucktes Buch und einen E-Book-Reader bei sich. Für so jemand, der permanent unterwegs ist, ist das E-Book ideal.

Wie lange wird es dauern bis zum Durchbruch des E-Books?

Ich glaube, dass in Deutschland ein Marktanteil von zehn bis 20 Prozent binnen fünf Jahren erreicht wird. Motor ist dabei der Bereich Bildung und Kinder- und Jugendbuch.

Jenseits des raschen technologischen Wandels fasziniert die Menschen noch immer ein kleines Land wie Island im hohen Norden, mit seinen Mythen und Märchen.

Was uns bewogen hat, Island auszuwählen, ist die Bedeutung und die Tradition des Lesens dort, und zwar seit 700 Jahren. Literatur ist dort der einzige bedeutende Exportartikel. Das ist die Identität für viele Menschen dort. Es gibt eine ungeheure Leidenschaft für Literatur, und das bekommen wir jetzt in Frankfurt zu spüren.

Steckt hinter dem Erfolg des Ehrengast-Auftritts von Island die Sehnsucht nach der heilen Welt?

Nun, wenn sie sich die isländischen Sagas anschauen, dann war die Welt dort überhaupt nie in Ordnung. Da gab es stets Mord und Totschlag. Es gibt dort viele gebrochene Helden. Der Held ist für mich per se eine tragische Figur, ein Mensch mit einer Achillesferse.

Was liest der Direktor der Buchmesse?

Tatsächlich lese ich viele Isländer. „Schattenfuchs“ von Sjön hat mich extrem fasziniert, der besitzt genau das Archaische, über das wir gerade gesprochen haben. Und mein zweites Lieblingsbuch ist „Taxi 79 ab Station“ von Indridi Thorsteinsson, ein Buch, das den Einbruch der Neuzeit auf Island schildert, mit der Ankunft der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg.

Hat die Buchmesse bei Ausstellern und Besuchern eine Grenze erreicht?

Ja, wir pendeln uns seit sechs, sieben Jahren ein. Wir haben um die 7400 Aussteller und 280000 Besucher. An den Wochenenden, an den Publikumstagen, ist einfach nicht mehr möglich. Wir müssen schon mal die Rolltreppen abstellen, mehr als 60000 Menschen gleichzeitig verkraftet das Gelände der Buchmesse nicht.

Bei Ihrem Amtsantritt 2005 waren Sie gar nicht zufrieden mit der Wirkung der Buchmesse über das Messegelände hinaus. Sie wollten, dass die Messe viel mehr in der Stadt präsent ist, dass die Stadt selbst mehr tut.

Ich bin heute sehr viel zufriedener. Das Rahmenprogramm Open Books ist genau das, was wir wollten. Da ist Trubel, das ist Party. Auch die Verlage feiern wieder in der Stadt, das finde ich toll.

Das Interview führte Claus-Jürgen Göpfert

Datum:  7 | 10 | 2011
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