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Frankfurter Buchmesse
Die Frankfurter Buchmesse ist das Literatur-Großereignis. Ehrengast 2015 ist Indonesien.

14. Oktober 2011

Buchmesse: Und dann der Traum vom echten Buch

Island Forum auf der Buchmesse.  Foto: Andreas Arnold

Heute beginnen die Publikumstage: Ein Gang über die Frankfurter Buchmesse zeigt eine Branche im Umbruch, vorausschauende Autoren und beharrlich lesende Isländer.

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Judith von Sternburg –  

Es ist nicht ohne Witz, bei einer Veranstaltung über digitale Verlagsauslieferung für einen smarten jungen Mann ein Blatt aus dem Blöckchen zu reißen, damit auch er sich eine Notiz machen kann. Oder dass ein Informatiker berichtet, seine Studenten würden im Seminar längst auf ihren Laptops mitschreiben, und im Publikum schreiben die Leute wie blöde auf Papier mit. Schade dass nebenan, wo de Gruyters neue Online-Plattform (ab Mitte Dezember im Netz) vorgestellt wird, die Software der Präsentation anscheinend nicht kompatibel war und darum im Schriftbild ein wenig unglücklich wirkt.

Der Wandel in der Branche und der teils muntere, teils verzagte, teils aber auch längst still und hurtig vollzogene Aufbruch in eine teildigitale Bücherwelt ist noch nie so sehr zum Greifen gewesen wie auf der Frankfurter Buchmesse 2011. Dass sich im Katalog die Veranstaltungen „Gutenberg zeigt seine Erfindung“ und „Buch rein – E-Book raus“ in regelmäßigem Abstand abwechseln, ist ein einprägsames Bild dafür.

Man kann zuhören, wie Kleinverleger über das Für und Wider des DRM-Kopierschutzes für E-Books sprechen und Buchhändler sich erklären lassen, was es mit den MVB- Webshops auf sich hat. Von Januar an sollen sie, angeboten von der Börsenvereins-Tochter Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels, kleineren Läden die Möglichkeit geben, selbst E-Books über das Internet zu verkaufen. Außerdem hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zur Buchmesse ein eigenes Lesegerät vorgestellt, den Liro Color. Seiner Klientel will er damit eine buchhändlerfreundliche Komplettlösung bieten: Geschäfte, die den (multifunktionalen) Liro Color vertreiben, installieren darauf ihren eigenen Shop und verdienen dann weiter mit, wenn die Kundschaft sich E- Books kauft. Man kann sagen, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels flitzt nicht gerade voraus, aber langsam hat er alles beisammen.

Eine skurrile Ausgangssituation: Der Börsenverein versucht, seine Klientel im Geschäft zu halten, während ein paar Stände weiter die US-amerikanische Autorin CJ Lyons die Buchhändler und Verlage mit Freuden überspringt. „Keine Regeln, einfach schreiben!“, ist die Devise auf ihrer Visitenkarte und ihrer Internetseite, mit ebenso viel Schwung wie Routine wirbt sie für Kindle Publishing Direct, eine im April gestartete Amazon-Plattform zum Selbstbasteln und -vermarkten von E-Books. Ein ähnliches Angebot macht schon seit einigen Jahren Bookrix.de, dessen Gründer Gunnar Siewert die „Ankunft des Schreibens in der Popkultur“ feiert.

Lyons und Siewert erzählen davon, wie man hier in stetem Kontakt zu seinen Lesern aus ihnen und aus sich genau das herauslocken kann, was gefällt. Und dann mit einer wachsenden Gemeinde den entsprechenden Verkauf erzielt. Wenn ein Autor das als die Freiheit empfindet, von der hier viel die Rede ist, ist das wirklich perfekt. Zugleich vermittelt sich in Frankfurt auf diese Weise eine Vorstellung davon, welcher Typus von Buch tatsächlich geschwinder als gedacht komplett in die digitale Welt abwandern könnte. CJ Lyons zum Beispiel schreibt „Thriller mit Herz“. Übrigens bringen die Verkaufsforen die Rückkehr des Fortsetzungsromans mit sich, mit dem schon Charles Dickens berühmt wurde.

Während aber die Unabhängigkeit gegenüber den bisher „allmächtigen“, aber langsam arbeitenden, umständlichen und irgendwie auch fiesen Verlagen – die daran schuld sind, wenn man bisher nichts veröffentlichen konnte, stimmt ja auch – hochgehalten wird, haben fast alle Selbstvermarktungsgeschichten bisher doch eine gemeinsame Pointe: Dass, wenn es richtig gut läuft, am Ende das eine oder andere normale, echte Buch daraus werden könnte.

Was aber ist ein normales, echtes Buch? Auch darüber wird in Frankfurt durchaus geredet. Eine verblüffende Wendung nahm eine Diskussion, die sich um eine inhaltliche Definition bemühte. Mit dabei: Martin Ebner von der TU Graz, der zusammen mit Sandra Schön in der Wissenschaftssparte des speziell für digitale Veröffentlichungen gedachten Wettbewerbs „derneuebuchpreis.de“ gewonnen hat. Ulkigerweise war er jedoch der Meinung, die von ihm und Schön herausgegebene Aufsatzsammlung zum „E-Learning“ sei eigentlich gar kein Buch. Es sei nie so gedacht gewesen und werde von den Adressaten auch nicht so behandelt. „Jeder druckt sich aus, was er davon braucht.“ Das sah die ihn umgebende Literaturbetriebs-Runde anders, etwa mit der Begründung, schließlich gebe es Herausgeber, die einem Konzept gefolgt seien. So dass auch hier der Begriff „Buch“ zum positiven Qualitätsurteil wurde.

Unerwähnt blieb hingegen, dass zum Beispiel niemand vom mittelalterlichen Buch des Nibelungenlieds sprechen würde. Weil es kein Buch ist, sondern eine Handschrift, eine herausragende Handschrift, mehrere herausragende Handschriften. Heute kann man sie bequem als Buch kaufen. Die Frage der äußeren Form – man muss schließlich nicht, wie zu Recht höhnisch zitiert, der Unesco folgen, dass ein Buch mindestens 49 Seiten haben muss – lässt sich nicht so rasch wie gewünscht ins Inhaltliche verlagern. Auch ein flüchtig konzipierter Sammelband ist ein Buch, wenn er als Buch daherkommt. Ein schlechtes Buch.

Während die Nachhaltigkeit des Papiers gegenüber der Floppy Disk (wie gemein!) mehr als einmal Erwähnung fand, erzählte der isländische Krimiautor Árni Thórarinsson davon, wie ein vom Regen zerstörtes Buch ihn letztlich dazu gebracht habe, selbst eines zu schreiben. Dies jedoch kann wohl nur der zweifellos heftige isländische Regen. Mit vielen Büchern sind die Isländer, Ehrengast der diesjährigen Buchmesse, angereist, und mit vielen Bildern von Büchern. Die schönste Präsentation eines Gastlandes seit Menschengedenken zeigt auf riesigen Leinwänden in Echtzeit lesende Isländer daheim vor ihren nicht mickrigen Heimbibliotheken. Im Wechsel liest einer der Lesenden, auch Kinder darunter, ein Stück vor. Das ist nicht nur beruhigend und sieht gut aus, sondern schiebt auch wenigstens an einer einzigen Stelle der Messe die Situation ins Bild, ohne die ein Buch – und hier darf man ruhig sagen: in welcher Form auch immer – sinnlos ist: Am Ende muss der Leser da sitzen und lesen. Nicht etwas Bestimmtes suchen, nicht mal ein bisschen reingucken, nicht die Kommentarfunktion ausprobieren. Sondern lesen, durchlesen. Soll er ruhig ein Lesegerät dafür verwenden. Allerdings wirken die Bücherregale nicht nostalgisch, eher wie ein Teil des Alltags. Zusammen sind Bücher schwer und raumgreifend. Im Einzelnen sind sie immer noch unschlagbar.

In der Mitte des Forums, in dem die Ehrengäste sich traditionell ausbreiten dürfen, gerät der Besucher in ein filmisches Rundumpanorama. Geysire schnelzen hoch, Vulkane wallen und qualmen. Dann wieder wirkt es so, als sollte gezeigt werden, dass es auch in Island elektrisches Licht und Autos gibt und quasi alle Isländer an einem Volkslauf teilnehmen. In der Halle ist es dabei dunkel und ruhig, nur in einer Ecke gibt es ein irrsinnig gemütliches Café mit einer völlig überlasteten Kaffeemaschine. Denn nach und nach begreifen die Menschenmassen, wo es in diesem Jahr mit Abstand am angenehmsten ist. Woraufhin es gleich nicht mehr ganz so angenehm ist. Sogar ein paar Zimmerpflanzen stehen herum, zwanglos wurde die „Edda“ neben alten Skistöcken arrangiert. Aber das Fabelhafte daran ist, dass es aussieht, als läge das alles schon sechzig und noch sechzig Jahre dort.

Die mitgereisten Autoren, vor allem die jüngeren, möchten sich übrigens ungerne auf die Insel der Naturspektakel festlegen lassen. Dass Gudrún Eva Minervudóttir und Steinar Bragi – als „junge Wilde“ vorgestellt – in „Der Schöpfer“ und „Frauen“ über rigoros anderes schreiben, wunderte die Leser im Ausland, aber auch die Isländer selbst. Keiner habe sich beschwert, erzählen sie. Sie selbst hingegen beschweren sich darüber, dass der Bankenzusammenbruch in Island letztlich wenig verändert habe. Steinar Bragi nannte das eine Art Stammeskultur. Ein „Tintenfisch“ aus mächtigen Familien dominiere Land und Politik, dieses System bleibe intakt, während die Ideologien wechselten.

Isländisch ist eine wunderbar perlende, gurrende, gluckernde Sprache. Die Aussprache der Eigennamen erfordert Könnerschaft.

Auch der immer wieder erstaunlich unveränderte Peter Kraus ist auf der Buchmesse unterwegs. Er hat seine Autobiografie vorgelegt. Der Moderator fragt nach seiner Kindheit, fragt, was er sich als Siebenjähriger gewünscht hat, was Kinder wohl brauchen mögen. Vielleicht ein iPhone, einen Computer? Mit sieben?, fragt Peter Kraus zurück, das verstehe er jetzt nicht ganz. Er habe sich gefreut, wenn ein GI ihm einen Kaugummi geschenkt habe.

Übrigens trägt er eine helle Lederjacke, die einem vielleicht bekannt vorkommt. Weil Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth eine ähnliche trug, als Anfang der Woche der Deutsche Buchpreis vergeben wurde. Die Buchmesse ist immer wieder auch: seltsam.

Frankfurter Buchmesse: Publikumstage am heutigen Samstag und am Sonntag. www.buchmesse.de

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