kalaydo.de Anzeigen

Buchpreisträger Eugen Ruge: Keine Versteckspiele

Eugen Ruge erhält im Römer den Deutschen Buchpreis. Mit seinem Debütroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" hat er die Auszeichnung sehr verdient.

Eugen Ruge im Römer. Auf seinem Schoß der Preisroman: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.
Eugen Ruge im Römer. Auf seinem Schoß der Preisroman: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.
Foto: dapd/Thomas Lohnes

Auch Eugen Ruge, Träger des Deutschen Buchpreises 2011, ist abergläubisch, aber dazu unten mehr. Wäre man es selbst nicht so sehr, hätte man im Wettbüro noch rasch auf ihn setzen können (einige haben es getan). Als einem nämlich auf den letzten Metern doch klar wurde, dass er nicht nur ein geeigneter, sondern der ideale Kandidat war. Und dass eine aus sieben (durch den Tod von Clemens-Peter Haase zuletzt sechs) noch so eigenwilligen Mitgliedern bestehende Jury sich vielleicht auf nichts sonst auf der Welt, aber auf ihn und seinen ersten, deutlich autobiografischen Roman würde einigen können.

Denn „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (Rowohlt Verlag) ist ein ruhiger, großer DDR- und Nachwende-Familienroman, der mit verschiedenen Stimmen aus den Jahren zwischen 1952 und 2001 berichtet – jedoch findet sich der Leser gut zurecht, Ruge spielt keine Versteckspiele, er will eine Geschichte, mehrere Geschichten erzählen. Das wichtigste Datum ist der 1. Oktober 1989, wieder Großgeburtstag beim Vater und Großvater, allerdings kommt diesmal die Nachricht, dass sich der Enkel in die BRD abgesetzt hat. Es wird trotzdem mühsam gefeiert, bis das Buffet zusammenkracht.

Man erlebt ein stramm stalinistisches Ehepaar, und kann sofort bewundern, wie hart und doch einleuchtend Ruge diese Leute schildert, beziehungsweise sie sogar sich selbst schildern lässt. Die merken gar nicht, was sie da sagen. „Und gewählt haben die auch wieder nicht, die Schliepners. Aber die kriegen wir auch noch dran.“ Der Sohn ist SED-Mann und Ex-Lagerinsasse in Sibirien, aber schon schwerer einzuschätzen, dessen Sohn wiederum geht ein Jahr nach seinem Autor Ruge in den Westen.

Dass Ruge die Wende selbst übergeht, haben die Kritiker bestaunt, und tatsächlich ist es ein sanfter, aber wirkungsvoller Trick, um das Private, Unspektakuläre und restlos Uneuphorische schildern zu können. Es ist ein Buch, dem man viele Leser wünscht – früher, vielleicht irgendwo auch noch heute, gab es, gibt es eine solche Kategorie bei den Weihnachtstipps aus Redaktionen –, die vielleicht dieses oder jenes über die DDR reden und nicht mehr viel darüber wissen. Oder nie viel wussten. Die Begründung der Jury bringt es auf den Punkt: Es gelinge Ruge, „die Erfahrungen von vier Generationen über fünfzig Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen“, heißt es dort, „zugleich zeichnet sich sein Roman durch große Unterhaltsamkeit und einen starken Sinn für Komik aus“.

Es gibt aber noch etwas anderes, es Enttäuschung zu nennen, wäre ungerecht dem Siegerbuch gegenüber. Es ist eher so, dass die kurze Liste der letzten sechs eigentlich doch eine starke war. Die Favoriten waren auch andere. Aber über sie dachte man nach, als einem noch nicht klar war, dass ein ebenso philosophischer wie witziger Roman über einen weniger bekannten deutschen Philosophen (Sibylle Lewitscharoffs „Blumenberg“) vermutlich im Leben nicht den Deutschen Buchpreis bekommt. Zum Beispiel, denn es war eine Liste der letzten sechs, die es spannend machte. Bis man begriff, dass es so spannend gar nicht war.

Dabei trat Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in seiner kleinen Rede ausgerechnet diesmal der Befürchtung entgegen, dass der Deutsche Buchpreis womöglich vor allem eine übersetzungsfreundliche, international funktionierende Literatur fördern könnte. Und es ist anzunehmen, dass Eugen Ruges Buch auch international gut funktionieren und gerne übersetzt werden wird.

Im Kaisersaal des Frankfurter Römers – wie immer und damit jetzt zum siebten Mal am Vorabend der Buchmesseneröffnung – gab es keinen Glücksjuchzer im Publikum, wie im vergangenen Jahr, als die Schweizerin Melinda Nadj Abonji gewann. Aber es gab großen Applaus für einen Preisträger, der es verdient hat und jetzt 25.000 Euro erhält (für die anderen fünf der letzten sechs gibt es je 2500 Euro). Auch ein spätes Debütant eigener Art wird damit geehrt, denn Ruge, 1954 im Ural geboren, hat bisher fürs Theater geschrieben, wie man seinem Sinn für Situations- und Dialogkomik deutlich anmerkt.

Studiert hat Ruge aber Mathematik. Er sei atheistisch erzogen worden und dennoch abergläubisch, sagte er. Als sein Verleger ihm empfohlen habe, er solle doch sicherheitshalber eine kleine Dankesrede vorbereiten, habe er also erklärt, da sei er leider abergläubisch. Nun wusste er nichts zu sagen. Ernsthaft nichts. Und bedankte sich einfach.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  11 | 10 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial

7300 Aussteller aus hundert Ländern erwarten 300.000 Gäste. Die Frankfurter Messe ist die weltweit bedeutendste ihrer Art. Das Spezial.

Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.

Messetage: Die Frankfurter Buchmesse ist von Mittwoch, 12., bis Freitag, 14. Oktober für das Fachpublikum geöffnet. Am Wochenende sind auch Privatbesucher willkommen.

Öffnungszeiten: 9 bis 18.30 Uhr (Sonntag nur bis 17.30 Uhr).

Preise: zwischen zehn Euro für eine Tageskarte (Privatbesucher, ermäßigt mit RMV-Ticket) bis zu 40 Euro für Fachbesucher am Kassenverkauf. Für eine nichtermäßigte Tageskarte für Privatbesucher sind 15 Euro fällig.

Veranstaltungen

Die Frankfurter Rundschau finden Sie auf der Buchmesse in Halle 3.0, Stand E170. Wir bieten tägliche Autorengespräche - und sind immer um 13 Uhr zu Gast im Lesezelt. Rufen Sie hier unser komplettes Programm im PDF-Format ab.

Comics
Sondermann

Es kann nur einen geben! Wir präsentieren den Publikums-Preis. Alle dürfen, sollen, müssen abstimmen.

Literatur.Magazin: Film und Literatur
Der Übermächtige: Ein übergroßes Abbild von Klaus Kinski ziert einen Stand auf der Leipziger Buchmesse.
Vermächtnis 
 Heinrich von Kleist: Die Marquise von O..., mit 64 Filmbildern von Eric Rohmer, SchirmerMosel, München, 152 Seiten, 19,80 Euro.
Filmische Verkörperung 
Werner Hanak Lettner/Jüdisches Museum Wien (Hg.); Bigger Than Life. 100 Jahre Hollywood. Eine jüdische Erfahrung. Bertz/Fischer, 208 Seiten,  29 Euro.
Verschwörungstheorien 
Klaus Kreimeier. Traum und Exzess. Die Kulturgeschichte des frühen Kinos. Zsolnay/Hanser, München. 416 Seiten, 24,80 Euro.
Kulturgeschichte 
Literatur.Magazin: Belletristik
 Luzifer lässt grüßen.
Umberto Ecos neues Werk 
FR-Fotoreporter

Die Ressourcenknappheit auf Island fordert viel Kreativität der Designer - das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zeigt dies in einer Ausstellung.

Buchmesse
Die Übersetzerin Betty Wahl pendelt zwischen Frankfurt und Reykjavik.

Zur Buchmesse trifft man überall in Frankfurt Isländer - ganz anders als sonst.

Literatur.Magazin: Kinder- und Jugendbuch
Kunst für Kinder 
Ungleiches Paar: Katz' und Hund bei Nacht.
Existenzfragen 
Sabine Ludwig: Die fabelhafte Miss Braitwhistle. Cecilie Dressler, Hamburg. Ab 8 Jahren. 208 Seiten, 12,95 Euro.
"Die fabelhafte Miss Braitwhistle" 
Robert Habeck und Andrea Paluch: Wolfsnacht. Sauerländer, Mannheim. Ab 11 Jahren. 122 Seiten, 11,95 Euro.
Spannung für Teenager 
Literatur.Magazin: Sachbuch
Robin Lane Fox: Reisende Helden. Die Anfänge der griechischen Kultur im Homerischen Zeitalter. Aus dem Englischen von Susanne Held. Klett Cotta, Stuttgart 2011. 551 Seiten. 29,95 Euro.
Homerisches Zeitalter 
Die Feuerkraft lässt menschliche Eigenschaften egal werden.
Kriegsschicksale 
Glosse

Die tägliche Glosse des Feuilletons der Frankfurter Rundschau.

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Frankfurter Buchmesse
Kleine Argentinische Bibliothek

Argentinien war 2010 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Wir erinnern an einige literarische Schätze.