Auch Eugen Ruge, Träger des Deutschen Buchpreises 2011, ist abergläubisch, aber dazu unten mehr. Wäre man es selbst nicht so sehr, hätte man im Wettbüro noch rasch auf ihn setzen können (einige haben es getan). Als einem nämlich auf den letzten Metern doch klar wurde, dass er nicht nur ein geeigneter, sondern der ideale Kandidat war. Und dass eine aus sieben (durch den Tod von Clemens-Peter Haase zuletzt sechs) noch so eigenwilligen Mitgliedern bestehende Jury sich vielleicht auf nichts sonst auf der Welt, aber auf ihn und seinen ersten, deutlich autobiografischen Roman würde einigen können.
Denn „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (Rowohlt Verlag) ist ein ruhiger, großer DDR- und Nachwende-Familienroman, der mit verschiedenen Stimmen aus den Jahren zwischen 1952 und 2001 berichtet – jedoch findet sich der Leser gut zurecht, Ruge spielt keine Versteckspiele, er will eine Geschichte, mehrere Geschichten erzählen. Das wichtigste Datum ist der 1. Oktober 1989, wieder Großgeburtstag beim Vater und Großvater, allerdings kommt diesmal die Nachricht, dass sich der Enkel in die BRD abgesetzt hat. Es wird trotzdem mühsam gefeiert, bis das Buffet zusammenkracht.
Man erlebt ein stramm stalinistisches Ehepaar, und kann sofort bewundern, wie hart und doch einleuchtend Ruge diese Leute schildert, beziehungsweise sie sogar sich selbst schildern lässt. Die merken gar nicht, was sie da sagen. „Und gewählt haben die auch wieder nicht, die Schliepners. Aber die kriegen wir auch noch dran.“ Der Sohn ist SED-Mann und Ex-Lagerinsasse in Sibirien, aber schon schwerer einzuschätzen, dessen Sohn wiederum geht ein Jahr nach seinem Autor Ruge in den Westen.
Dass Ruge die Wende selbst übergeht, haben die Kritiker bestaunt, und tatsächlich ist es ein sanfter, aber wirkungsvoller Trick, um das Private, Unspektakuläre und restlos Uneuphorische schildern zu können. Es ist ein Buch, dem man viele Leser wünscht – früher, vielleicht irgendwo auch noch heute, gab es, gibt es eine solche Kategorie bei den Weihnachtstipps aus Redaktionen –, die vielleicht dieses oder jenes über die DDR reden und nicht mehr viel darüber wissen. Oder nie viel wussten. Die Begründung der Jury bringt es auf den Punkt: Es gelinge Ruge, „die Erfahrungen von vier Generationen über fünfzig Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen“, heißt es dort, „zugleich zeichnet sich sein Roman durch große Unterhaltsamkeit und einen starken Sinn für Komik aus“.
Es gibt aber noch etwas anderes, es Enttäuschung zu nennen, wäre ungerecht dem Siegerbuch gegenüber. Es ist eher so, dass die kurze Liste der letzten sechs eigentlich doch eine starke war. Die Favoriten waren auch andere. Aber über sie dachte man nach, als einem noch nicht klar war, dass ein ebenso philosophischer wie witziger Roman über einen weniger bekannten deutschen Philosophen (Sibylle Lewitscharoffs „Blumenberg“) vermutlich im Leben nicht den Deutschen Buchpreis bekommt. Zum Beispiel, denn es war eine Liste der letzten sechs, die es spannend machte. Bis man begriff, dass es so spannend gar nicht war.
Dabei trat Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in seiner kleinen Rede ausgerechnet diesmal der Befürchtung entgegen, dass der Deutsche Buchpreis womöglich vor allem eine übersetzungsfreundliche, international funktionierende Literatur fördern könnte. Und es ist anzunehmen, dass Eugen Ruges Buch auch international gut funktionieren und gerne übersetzt werden wird.
Im Kaisersaal des Frankfurter Römers – wie immer und damit jetzt zum siebten Mal am Vorabend der Buchmesseneröffnung – gab es keinen Glücksjuchzer im Publikum, wie im vergangenen Jahr, als die Schweizerin Melinda Nadj Abonji gewann. Aber es gab großen Applaus für einen Preisträger, der es verdient hat und jetzt 25.000 Euro erhält (für die anderen fünf der letzten sechs gibt es je 2500 Euro). Auch ein spätes Debütant eigener Art wird damit geehrt, denn Ruge, 1954 im Ural geboren, hat bisher fürs Theater geschrieben, wie man seinem Sinn für Situations- und Dialogkomik deutlich anmerkt.
Studiert hat Ruge aber Mathematik. Er sei atheistisch erzogen worden und dennoch abergläubisch, sagte er. Als sein Verleger ihm empfohlen habe, er solle doch sicherheitshalber eine kleine Dankesrede vorbereiten, habe er also erklärt, da sei er leider abergläubisch. Nun wusste er nichts zu sagen. Ernsthaft nichts. Und bedankte sich einfach.
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