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04. Oktober 2010

Comic: Ein Bilderstreit

 Von Christian Schlüter
Die Ikonen sind heilig, weil sie zu berühren verboten ist. Foto: Carlsen Verlag

„Die Plastikmadonna“ zeigt, wie wir Objekte mit religiöser Symbolik aufladen – um dann erbittert um unsere Ikonen zu kämpfen

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Szenen einer Ehe: Émelie kehrt vollkommen beseelt von einer Reise zurück, es war eine Wallfahrt nach Lourdes, und muss sich bei ihrer Ankunft doch gleich ärgern, weil ihr Mann sie nicht vom Bus abgeholt hat. Die streng gläubige Katholikin weiß auf ihre Weise Zeichen zu setzen. Sie hat eine Marienfigur mitgebracht und platziert sie kurzentschlossen auf dem Fernseher. Das wiederum bringt ihren Mann in Wallungen, denn Éduard ist streng gläubiger Kommunist. Der Streit weitet sich aus, sogar von Scheidung ist die Rede. Doch Émelie zeigt sich unbeeindruckt, und so greift der Mann zum letzten Mittel – er hängt ein Porträt von Lenin über dem Fernseher auf.

In ihrem skurril-hintersinnigen Comic „Die Plastikmadonna“ erzählen David Prudhomme und Pascal Rabaté die Geschichte einer Ikone. Dabei geht es ihnen sehr wohl um die religiöse Bedeutung, die ein beliebiger Gegenstand haben kann, sei es eine Plastikmadonna oder ein Porträt Lenins. Doch wofür auch immer dieser Gegenstand stehen mag (Schöpfergott, Klassenbewusstsein), bedeutsam wird er erst in einer konkreten Situation, etwa dann, wenn Émelie und Éduard sich bis aufs Blut piesacken.

Ehestreit als ideologischer Krieg

Alsbald leidet die ganze Familie unter dem Streit. Émelie und Éduard sind ein altes und allemal streiterprobtes Paar, ein Ende ist also nicht abzusehen. Dann aber geschieht ein Wunder: Die Plastikmadonna beginnt, blutige Tränen zu vergießen. Offenbar ein Zeichen. Nur wofür soll es stehen? Prudhomme und Rabaté legen uns keineswegs eine Antwort nahe. Sie wollen auf etwas anderes hinaus. In dem Ehestreit, der nach allen Regeln der Kunst als ideologischer Krieg geführt wird, ist keine Verständigung mehr möglich, weshalb die jeweils ins Feld geführten Ikonen erst zu dem werden, was sie immer schon sein sollten: Aus dem Unversöhnlichen und nicht mehr Handhabbaren wird irgendwann das Unverfügbare schlechthin.

Die Ikonen sind heilig, weil sie zu berühren verboten ist. Die Berührung käme einem tätlichen Angriff auf den anderen gleich. Als Éduard sich heimlich an der Madonna zu schaffen macht, will er damit seine Frau verletzen. Da ist es nur konsequent, dass „Gott“ ihn für diesen Frevel bestraft und schwer stürzen lässt. Die Sakralisierung fordert offenbar immer ein Opfer, und Prudhomme und Rabaté inszenieren es mit viel Witz. Die beiden Franzosen erinnern allerdings auch daran, dass wir es bei Ikonen mit Zeichen zu tun haben, deren Bedeutung sich immerzu verändert: Sie nutzen ihren Comic, um uns diese Zeichenhaftigkeit vorzuführen – so wie eine „Micky Maus“, eine Disney-Ikone, die plötzlich im Bild erscheint, sich dann aber in einen Fußball verwandelt...

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