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Doris Dörrie: Ohne Leid keine Literatur

Doris Dörrie, erfolgreiche Regisseurin und Schriftstellerin, erklärt im Interview, warum es so schwer ist, große Literatur zu verfilmen.

Doris Dörrie konnte sich über ihre Karriere als Filmregisseurin auch als Schriftstellerin etablieren.
Doris Dörrie konnte sich über ihre Karriere als Filmregisseurin auch als Schriftstellerin etablieren.
Foto: dpa

Frau Dörrie, gibt es eine Literaturverfilmung, die Sie besonders schätzen?

Da muss ich nachdenken. Nennen Sie mal ein paar…

Zur Person

Doris Dörrie wurde 1955 in Hannover geboren. Über ihre Karriere als Filmregisseurin hinaus konnte sie sich auch als Schriftstellerin etablieren. Zahlreiche ihrer Bücher hat sie selbst verfilmt, darunter die Kurzgeschichtensammlung „Bin ich schön?“ und den Roman „Happy. Ein Drama“, der unter dem Titel „Nackt“ ins Kino kam.

Mit „Männer“ drehte Doris Dörrie 1986 einen der erfolgreichsten Filme Deutschlands. Seit 1997 unterrichtet sie Drehbuch an der Hochschule für Film und Fernsehen, München. Vor Kurzem ist ihr neuer Roman „Alles inklusive“ (Diogenes) erschienen.

Seit einigen Jahren inszeniert sie auch an der Oper, in Hamburg ist derzeit ihr „Don Giovanni“ zu sehen.

Die Verfilmungen von J.K. Rowlings „Harry Potter“-Romanen, von Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ oder von Karl Mays „Der Schatz im Silbersee“...

Karl May, Karl May – das waren doch immer Enttäuschungen, weil man sich das alles ganz anders vorgestellt hat.

Finde ich nicht.

Doch. Besonders die Frauen, Nscho-tschi und all die anderen, lauter Indianer-Püppchen.

Da haben wir offenbar einen typischen Mädchen-Jungs-Konflikt. Sie haben ja auch Ihre eigenen Romane verfilmt. Gibt es da einen Favoriten?

Meine eigenen Sachen? Oh je. Die Verfilmung meines Kurzgeschichten-Bandes „Bin ich schön?“ fand ich ganz okay. Das Personal, wie die Geschichten ineinander gegriffen haben, und welche Geschichten überhaupt in dem Film waren – das hat mir ganz gut gefallen.

Sie sind ja in beiden Welten zu Hause – im Film wie in der Literatur. Sie haben als Regisseurin begonnen und erst später Romane geschrieben. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe mich lange nie getraut, Schriftstellerin zu werden, einfach, weil das ein so großes Wort war. Ich habe zwar immer geschrieben, aber ich habe gemerkt, dass ich mich als Schriftstellerin beim Filmemachen großartig verstecken kann. Das Geschriebene löst sich auf und wächst in etwas anderes hinein. Das ist die Transformation, die im Film stattfindet. Aber es war immer so, dass ich für alle meine Filme zuerst Kurzgeschichten geschrieben habe. Das habe ich mal in einem „Spiegel“-Interview erzählt. Dieses Interview, und das war ein großer Glücksfall, hat Daniel Keel gelesen (der vor kurzem verstorbene Verleger des Züricher Diogenes-Verlags, d. Red.). Er kam nach München und hat mich gedrängt, gebeten, ermuntert und ermutigt, ihm meine Kurzgeschichten zu geben. Das war der Startschuss für das Schreiben ohne den Blick auf den Film.

Aber als Regisseurin müssen Sie sich doch nicht verstecken. Sind Sie da nicht die Dirigentin, nach der sich alle richten müssen?

Aber Regisseure sind nicht für jeden Satz verantwortlich. Da kommen die Schauspieler, und man kann Sätze ändern, oder – hoffentlich – ganze Dialoge mit den Schauspielern erarbeiten. Am Ende ist das Drehbuch dann nicht mehr vorhanden, es ist nur noch ein Waschzettel, der sich auflöst. Was natürlich auch dazu führt, dass die Drehbuchautoren nicht so geachtet werden, weil man ihre Arbeit am Ende nicht mehr erkennt. Und genau das habe ich damals als perfektes Versteckspiel begriffen.

Kann aus einem schlechten Drehbuch noch ein guter Film werden?

Es gibt einen seltsamen Mechanismus beim Film: Probleme mit dem Drehbuch kann man selten oder nie beim Dreh lösen und auch später beim Schnitt nicht. Es rächt sich immer, wenn man am Drehbuch nicht genug gefeilt hat.

Ist das Drehbuch ein eigenständiges Werk?

Nein. Es ist wahnsinnig mühselig, ein Drehbuch zu lesen. Man muss sich immer den Film dazu vorstellen. Ein Drehbuch repräsentiert eine technische Abfolge, und das zu lesen, macht nicht so viel Spaß. Tatsächlich gibt es nicht viele, die das überhaupt können.

Das heißt, man muss es lernen.

Natürlich. Auch jede Beschreibung, die im Drehbuch steht, ist mit Vorsicht zu genießen, denn sie wird so aller Wahrscheinlichkeit nach nie gedreht. Beurteilen zu können: „Gut, das erzeugt wirklich Atmosphäre, und das ist nur ein Satz, das ist nur Papier“ – das hat etwas mit Routine, Können und auch mit Vorstellungsgabe zu tun. Anders als bei Literatur, bei der jeder Leser seinen eigenen Film im Kopf hat.

Wenn Sie sich für ein Thema interessieren, wissen Sie dann schon, ob Sie es in einem Film oder in einem Buch erzählen werden?

Es ist bei den Stoffen so, dass man beim Film über ein Thema weniger wissen muss, weil es extrem veräußerlicht wird und Hintergründe verschwinden. In der Literatur muss man Hintergründe benennen können. Aber ich fange oft etwas an und merke erst im Laufe der Arbeit, ob etwas zum Drehbuch oder zur Kurzgeschichte oder zum Roman reifen kann.

Sie haben einmal von einem Erweckungserlebnis berichtet, als Sie als Theaterwissenschaftlerin im kalifornischen Stockton studierten. Der Professor kam Ihnen mit „Antigone“ und wollte nur eines wissen: „Is it a good story, yes or no?“

Das ist etwas sehr Angloamerikanisches, was ich da gelernt und auch begeistert aufgesaugt habe: dieser Wille, eine gute Geschichte zu erzählen. Der ist bei uns nicht so wahnsinnig hoch entwickelt. Im Gegenteil – ich unterrichte ja nun selbst seit mittlerweile zwölf Jahren Drehbuchschreiben, und ich merke immer wieder, welches Misstrauen einer guten Geschichte gegenüber herrscht. Nicht von den Lesern oder Zuschauern, sondern von den Schriftstellern und Filmemachern! Alles, was zu klar, zu einfach, zu direkt ist, wird kritisch beäugt, obwohl es sehr schwer ist, klar, einfach und direkt zu schreiben.

Das unterscheidet uns von den Amerikanern und Engländern…

Dort ist Klarheit auch Teil der Gesprächskultur. Man muss im Social Talk, im Smalltalk sogar Geschichten erzählen können. How to tell a good story? Das ist für den Zuhörer doch immer das Schönste. Und da wundere ich mich, wie sehr wir uns in Deutschland selbst im Weg stehen.

Kommt das aus der klassischen und romantischen Tradition?

Wir haben einen sehr altmodischen Dünkel der Klarheit gegenüber. Das hat mit einer seltsamen Klassentrennung zwischen den Akademikern und den Anderen zu tun. Hier herrscht die Meinung vor: Literatur darf nicht zu einfach und zu klar sein, denn dann könnte sie ja von der Masse verstanden werden. Aber logisch! Es sollte jeder verstehen können, finde ich. Ich finde diese Haltung der Verkomplizierung blasiert und auch dumm.

Leiden wir also an einer Akademisierung der Literatur, muss sie schwierig sein, weil sie sonst nichts wert ist?

Dahinter steckt die Vorstellung: Wenn ich nicht leide, kann Literatur nicht gut sein – wenn ich mich unterhalte, kann es sich nicht um Kultur handeln. Das ist leider wahnsinnig dämlich und auch wahnsinnig langweilig. Und leider wächst ein neues Bürgertum nach, das diesen Unsinn wieder mitmacht. Zu sagen, ich fand dieses Buch oder diesen Film saukomisch, ich habe mich bestens unterhalten, das ist fast ein Fauxpas.

Angloamerikanisch ist allerdings auch der Boom der Ratgeberliteratur: „Wie schreibe ich mein erstes Buch oder Drehbuch?“ Was halten Sie davon?

Das ist der amerikanische Hang zum Rezept, um es dann in Serie geben zu können. Die Serie macht Geld – das ist eine rein merkantile Sicht. Aber ich finde, man sollte diese Bücher durchaus lesen, denn vieles funktioniert ja auch. Man sollte die Regeln kennen, dann aber versuchen, sie wieder über den Haufen zu werfen.

Nochmal zu Ihrem eigenen Schreiben: Selbst deprimierende Ereignisse kommen in Ihren Büchern und Filmen oft komisch daher. So leidet „Die Friseuse“ in Ihrem gleichnamigen Film zwar an Fettsucht, weiß sich aber mit Berliner Schnauze zu helfen. Und in „Hanami“ verliert Rudi zwar seine Frau, erfüllt sich aber seinen Lebenstraum und fährt zum Fuji. Muss für Sie eine gute Geschichte auch immer gut ausgehen?

Ich schwärme für die Ambivalenzen des Lebens und hatte schon immer das Gefühl, dass in tragischen Situationen ein komisches Moment steckt, und umgekehrt, dass im Komischen tragische Momente lauern. Humor macht für mich das Leben erträglich – er ist unabdingbar zum Überleben, zumindest für mich.

Hängt es auch von Ihrer Stimmung ab, ob Sie einen Film drehen oder lieber ein Buch schreiben?

Na, so luxuriös ist es nicht, dass ich sagen kann: Heute drehe ich mal einen Film, oder nein, heute schreibe ich lieber mal ein Buch. Das Ganze ist ja sehr planungsintensiv. Am schlimmsten ist es an der Oper, wo ich ja auch inszeniere. „Don Giovanni“ zum Beispiel wurde vier Jahre im Voraus geplant.

Apropos „Don Giovanni“, den haben Sie kürzlich in Hamburg inszeniert. Sehen Sie Giovanni anders als Ihre männlichen Kollegen?

Ich wundere mich. Ich wundere mich vor allem über die Rezeptionsgeschichte, in der er immer als der tolle Hecht gefeiert wird, als Revoluzzer und Rebell, wo ich immer denke: Wie bitte? Schaut euch doch mal an, was der macht in der Oper – dieser Macho!

Frau Dörrie, gibt es ein Buch, das Sie niemals, unter gar keinen Umständen verfilmen würden?

Da gibt es sehr viele. Das Enttäuschende an Literaturverfilmungen ist ja immer, dass der Leser, wenn er ein Buch liebt, selbst schon den viel besseren Film gedreht hat. Deshalb sage ich generell: Finger weg von großer Literatur, denn dann sind auch die Enttäuschungen groß. Außerdem gibt es das geflügelte Hollywood-Wort: „Schlechte Literatur lässt sich besser verfilmen.“

Autor:  Frank Olbert
Datum:  11 | 10 | 2011
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