kalaydo.de Anzeigen

Eröffnung der Buchmesse: Kritik auf leisen Sohlen

Die isländische Autorin Gudrun Minervudottir eröffnet heute die Buchmesse. Sie fühlt sich einer neuen Autorengeneration zugehörig - und schämt sich für ihre Landsleute.

        

„Einfach, aber gut“ mag es Gudrun Minervudottir.
„Einfach, aber gut“ mag es Gudrun Minervudottir.
Foto: Philipp GÜnther

Fast schüchtern sitzt sie da, rührt in der Zuckerdose. Immer wieder schlägt der Löffel gegen das Porzellan und wird ein kling-klang auf dem Aufnahmegerät hinterlassen. Dabei sollte Gudrun Eva Minervudottir es gewohnt sein, besucht zu werden und über ihre Bücher zu sprechen.

Die junge Frau mit den dunklen Locken und dem freundlichen Gesicht gehört zu den bekanntesten jungen Stimmen der isländischen Literaturszene. Seit ihrem vierten Roman Yosoy (2005) wird sie zu Hause gefeiert und im Ausland wohlwollend besprochen. So ist es kaum überraschend, dass sie auserkoren wurde, gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem Bestseller-Autor Arnaldur Indridason, dieses Jahr die Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse zu halten. Island ist Ehrengast des diesjährigen Treffens.

Lässt man während des Gesprächs den Blick durchs Wohnzimmer schweifen, stellt man fest: Gudrun Eva Minervudottir hat kein richtiges Bücherregal – ungewöhnlich für jemanden, der von und für Literatur lebt. Stattdessen liegen Bücher überall in der Wohnung der jungen Frau verteilt – darunter einige Werke ihres liebsten „factory writers“ Stephen King. Hinter einer Zimmerpflanze lehnt ein Fernrohr. In der Ecke steht eine alte Stehlampe mit Fransen. Zerschlissene Ledersessel. Ein gemütliches Chaos.

Die Welt verändern

Minervudottir, geboren 1976, begann nach ihrem Philosophie-Studium zu schreiben: Kurzgeschichten, Lyrik, Romane. Natürlich mit keinem geringeren Anspruch, als die Welt zu verändern, wie sie Grapevine, dem hippen, englischsprachigen Stadtmagazin Reykjaviks einmal in einem Interview verriet. Typisch isländische Texte zu verfassen, interessiert sie dabei nicht. „Ich will meine Bücher nicht in Souvenirläden verkaufen, sondern ein Teil der Welt sein“, erklärt sie.

Die 63. Frankfurter Buchmesse in Zahlen:

Dauer: 12. bis 16. Oktober (Eröffnung: 11. Oktober)

Aussteller: ca. 7500 aus 110 Ländern

Erwartete Besucher: rund 280.000

Veranstaltungen: etwa 3300

Publikumstage: 15./16. Oktober

Eintritt: 15 Euro (zehn Euro ermäßigt)

Die Isländerin fühlt sich einer neuen Autoren-Generation zugehörig. Einer Generation, die fließend Englisch spricht und im Ausland gelebt hat. Auf die Frage, welcher ihr Lieblingsbuchladen in Reykjavik sei, schüttelt sie nur den Kopf und sagt: „Ich bestelle meine Bücher meistens im Netz.“

Doch so ganz kann sie sich dem Einfluss ihrer Heimat nicht entziehen. Durch ihr Wohnzimmerfenster ist die Bucht von Reykjavik zu sehen, der Blick reicht bis zu den schneebedeckten Bergen auf der anderen Seite. Diese Bilder findet man in Minervudottirs Sprache. Sie ist gefärbt von Islands Natur und dem Meer, das die karge Insel am Polarkreis umspült. Da ist Angst wie „schleimiger, kalter Seetang“, da gibt es Menschen, die „gemeiner als ein Ozeanbrecher“ sind und Wind, der den „Sonnenschein erzittern“ lässt.

Ihr fünfter Roman, der im August unter dem Titel „Der Schöpfer“ auch in Deutschland erschien, dreht sich um einen Junggesellen, der nahezu lebensechte Sexpuppen herstellt. Um eine magersüchtige Tochter und ihre Mutter. Um die Angst vor Intimität.

Wer bei diesem Thema, zumal präsentiert von einer jungen Frau, feministisches Klagen gegen die Verdinglichung der Frau erwartet, liegt nicht ganz falsch. Nur im Buch schlägt sich das kaum nieder. Moral interessiere sie nicht, sagt Gudrun Eva Minervudottir. „Ich mag es auch nicht, wenn Leute mir sagen, was ich denken soll.“

Minervudottirs Gesellschaftskritik kommt auf leisen Sohlen daher. So wie die Anekdoten, die sie erzählt. Einmal habe sich ihr Lektor beschwert, dass ihre männlichen Protagonisten zu weiblich seien. Also habe sie alle Textstellen, in denen die Charaktere Selbstzweifel äußerten, gelöscht und deren entschuldigende Art zu sprechen geändert. Daraufhin war der Lektor zufrieden.

Pasta mit Trüffel

Dass sich die sanftmütige Autorin zeitweise auch durchaus aufregen kann, beweist Minervudottir einige Monate später. Es ist ein schwül-heißer Sommerabend in Berlin. Man trifft sich zum gemeinsamen Abendessen in Kreuzberg. Sie möge einfache Gerichte, sagt sie und bestellt sich Pasta mit Trüffel. „Einfach, aber gut“, wiederholt sie und lacht. Doch dann macht sie sich mit einem Mal Luft. Sie echauffiert sich über den Porno-Schick, den sexualisierten Lebensstil, den Körperkult der jungen Städter – vor allem in Reykjavik. „Skinka“ – Schinken – nennen die Isländer die solariumgebräunten Mädchen in kürzesten Röcken, aufreizenden Strümpfen und zu viel Make-up. Das männliche Pendant heißt „Hnakki“ – Nacken. Wer sich durchs alkoholgetränkte Nachtleben der isländischen Hauptstadt bewegt, kommt sich in Jeans und T-Shirt neben derlei Partyvolk zumindest underdressed vor.

Minervudottir schämt sich auch für das präpotente Auftreten mancher ihrer intellektuellen Landsleute. Deren lautes „Schaut her, wir haben Kultur“ entspringt ihrer Meinung nach einem isländischen Minderwertigkeitsgefühl. Lange Zeit hatten die Isländer nichts, außer ihre Geschichten. Aber ist Island tatsächlich noch ein Buchland? Daran zweifelt sie mittlerweile. Die allseits gepriesenen Sagas – die mittelalterlichen Erzählungen Islands – hält sie zwar für eine großartige Sache, die heute allerdings niemand mehr freiwillig lese.

Es regt sie auch auf, dass alle so ein Bohei um Kinder machen. Schließlich sollten Kinder doch etwas Normales sein. Für ihren Roman „Der Schöpfer“ musste sie sich noch an Freunden orientieren, um sich in eine Eltern-Kind-Beziehung hineinzudenken. Jetzt wölbt sich ihr eigener Babybauch. Zur Zeit ihrer Eröffnungsrede auf der Buchmesse wird sie hochschwanger sein. „Meine Verleger waren entsetzt, als sie davon hörten“, freut sie sich.

Ihre Rede vor dem Frankfurter Büchervolk wird sie dennoch halten. Sie werde versuchen, sich kurz zu fassen und unterhaltsam zu sein, sagt sie. Einfach, eben, aber gut.

Autor:  Marten Hahn
Datum:  10 | 10 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial

7300 Aussteller aus hundert Ländern erwarten 300.000 Gäste. Die Frankfurter Messe ist die weltweit bedeutendste ihrer Art. Das Spezial.

Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.

Messetage: Die Frankfurter Buchmesse ist von Mittwoch, 12., bis Freitag, 14. Oktober für das Fachpublikum geöffnet. Am Wochenende sind auch Privatbesucher willkommen.

Öffnungszeiten: 9 bis 18.30 Uhr (Sonntag nur bis 17.30 Uhr).

Preise: zwischen zehn Euro für eine Tageskarte (Privatbesucher, ermäßigt mit RMV-Ticket) bis zu 40 Euro für Fachbesucher am Kassenverkauf. Für eine nichtermäßigte Tageskarte für Privatbesucher sind 15 Euro fällig.

Veranstaltungen

Die Frankfurter Rundschau finden Sie auf der Buchmesse in Halle 3.0, Stand E170. Wir bieten tägliche Autorengespräche - und sind immer um 13 Uhr zu Gast im Lesezelt. Rufen Sie hier unser komplettes Programm im PDF-Format ab.

Comics
Sondermann

Es kann nur einen geben! Wir präsentieren den Publikums-Preis. Alle dürfen, sollen, müssen abstimmen.

Literatur.Magazin: Film und Literatur
Der Übermächtige: Ein übergroßes Abbild von Klaus Kinski ziert einen Stand auf der Leipziger Buchmesse.
Vermächtnis 
 Heinrich von Kleist: Die Marquise von O..., mit 64 Filmbildern von Eric Rohmer, SchirmerMosel, München, 152 Seiten, 19,80 Euro.
Filmische Verkörperung 
Werner Hanak Lettner/Jüdisches Museum Wien (Hg.); Bigger Than Life. 100 Jahre Hollywood. Eine jüdische Erfahrung. Bertz/Fischer, 208 Seiten,  29 Euro.
Verschwörungstheorien 
Klaus Kreimeier. Traum und Exzess. Die Kulturgeschichte des frühen Kinos. Zsolnay/Hanser, München. 416 Seiten, 24,80 Euro.
Kulturgeschichte 
Literatur.Magazin: Belletristik
 Luzifer lässt grüßen.
Umberto Ecos neues Werk 
FR-Fotoreporter

Die Ressourcenknappheit auf Island fordert viel Kreativität der Designer - das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zeigt dies in einer Ausstellung.

Buchmesse
Die Übersetzerin Betty Wahl pendelt zwischen Frankfurt und Reykjavik.

Zur Buchmesse trifft man überall in Frankfurt Isländer - ganz anders als sonst.

Literatur.Magazin: Kinder- und Jugendbuch
Kunst für Kinder 
Ungleiches Paar: Katz' und Hund bei Nacht.
Existenzfragen 
Sabine Ludwig: Die fabelhafte Miss Braitwhistle. Cecilie Dressler, Hamburg. Ab 8 Jahren. 208 Seiten, 12,95 Euro.
"Die fabelhafte Miss Braitwhistle" 
Robert Habeck und Andrea Paluch: Wolfsnacht. Sauerländer, Mannheim. Ab 11 Jahren. 122 Seiten, 11,95 Euro.
Spannung für Teenager 
Literatur.Magazin: Sachbuch
Robin Lane Fox: Reisende Helden. Die Anfänge der griechischen Kultur im Homerischen Zeitalter. Aus dem Englischen von Susanne Held. Klett Cotta, Stuttgart 2011. 551 Seiten. 29,95 Euro.
Homerisches Zeitalter 
Die Feuerkraft lässt menschliche Eigenschaften egal werden.
Kriegsschicksale 
Glosse

Die tägliche Glosse des Feuilletons der Frankfurter Rundschau.

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Frankfurter Buchmesse
Kleine Argentinische Bibliothek

Argentinien war 2010 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Wir erinnern an einige literarische Schätze.