Es geht um den Tag und die Nacht, um Gleichheit und Ungleichheit, Reden und Schweigen. Sogar die Illustration ist nur schwarz und weiß – allein die Charaktere der Figuren sind das ganze Gegenteil. Es treten auf: Tiere mit undurchsichtigen Eigenschaften und Ansichten. Sie sind nicht nur gut oder nur böse, nur schlau oder dumm, und auch wenn jedes von ihnen eine Wahrheit ausspricht, hat keines ausnahmslos recht. So gerne möchte man sympathisieren, mit der Katze oder dem Hund, oder wenigstens mit der Eule. Doch leicht macht es Bart Moeyaert, der flämische Autor und Dichter, Kind und Erwachsenem nicht. Sein ungewöhnliches und herausforderndes Bilderbuch „Wer ist hier der Chef?“ spielt mit der Faszination am Andersartigen und anders Denkenden.
Die Katze streunt durch die Landschaft, tags und nachts, und trifft dabei auf Hahn und Henne, Fuchs und Schmetterling. Mal beobachtet sie die anderen nur, so wie die Glühwürmchen, und sinniert allein über die Welt. Doch lieber noch verwickelt die Katze ihr Gegenüber in Gespräche, ob es nun möchte oder nicht, und testet dabei Haltungen und Anschauungen.
Bart Moeyaert: Wer ist hier der Chef? Illustriert von Katrien Matthys. Aus d. Niederländ. von Mirjam Pressler. Ab 6 Jahren. Hanser, München 2011, 19,90 Euro.
Das eigentliche Thema des Buches, die Freiheit, entfaltet sich an den Begegnungen der Katze mit dem Hund. Das mangelnde Freiheitsbewusstsein und -bedürfnis des Tieres, das mit einem Strick am Baum angebunden ist, bereitet der Katze ein großes Denkproblem, das sie immer wieder zu ihm zurückkehren lässt. Doch der Hund versteht sie nicht, das Denken fällt ihm schwer.„Ich finde, dass du etwas tun musst“, sagt die Katze. „Nur rumliegen, rumheulen, rumwarten – das ist nicht gut. Das ist dein Ende.“ – „Ich warte auf den Herrn“, sagt der Hund. „Ein Tag ohne Herr, das ist ein Verlust.“ – „Ein Tag ohne Herr, das ist ein Genuss“, erwidert die Katze.
Nicht nur der Hund redet von der Existenz eines Herrn, sogar ein „Herr von allem“ wird gesucht. Und wenn der Leser meint, endlich die Zustände durchschaut, Dummheit und Intelligenz, richtig und falsch erkannt zu haben, da ist der Hund plötzlich verschwunden und auch die Katze gar nicht so frei wie sie selbst dachte.
Eine zusätzliche Interpretationsebene erhält die poetisch-philosophische Fabel durch die Illustrationen der Niederländerin Katrien Matthys. Es sind klare, holzschnittartige Bilder in schwarz-weißer Negativoptik, die auf den Innenseiten der aufklappbaren Seiten sogar im Dunkeln leuchten wie Sterne über dem Kinderbett. Doch sowohl Text als auch Bilder sind nicht frei von gruseligen Elementen. Da droht die Eule der Katze mit bösen Worten und zwei gefangene Mäuse, eingeklemmt unter der Tatze, flehen vergeblich um Erbarmen, während die Zeichnungen brüllende Tiger, Tierskelette und düstere Augenpaare abbilden.
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