Man ist versucht, ihn die personifizierte Arabellion zu nennen. Lange bevor es in diesem Jahr zu den Revolten in den nordafrikanischen Ländern kam, kritisierte Boualem Sansal die verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen, die ständige ideologische Berieslung, die Korruption, die Zensur, den Staatsterror, das Verschwinden von Menschen und das allgemein herrschende Schweigen nicht nur in seinem Heimatland Algerien, sondern in der gesamten arabischen Welt.
2006 veröffentlichte Sansal mit „Postlagernd Algier“ ein Heft, angelegt als offenen Brief an seine Landsleute. „Auf einmal lege ich euch ein Büchlein auf den Tisch und rufe euch in die Freiheitsdebatte. Lächerlich und anmaßend meinerseits, ich weiß,“ fügt er hinzu, „und ihr hättet nicht unrecht, es mir vorzuhalten.“
Was könnte man ihm vorhalten? Etwa die Tatsache, dass Sansal jahrelang dem Regime von Algier als Bürokrat in hohen Ämtern gedient hat, und dann 1999 nur als Literat mit einer Fiktion auf die Zustände reagiert, wie in seinen ersten Roman „Der Schwur der Barbaren“. In ihm untersucht ein Kommissar einen Mordfall, gerät dabei in das Räderwerk von Politik, Wirtschaft und Korruption und wird schließlich selbst Zielscheibe der Eliten seines Landes.
Von Khadra zum Schreiben animiert
Wie dann auch Sansal selbst, der nach einem weiteren Roman „Erzähl mir vom Paradies“, in dem eine Männerrunde in einer Bar Algiers eine Zukunft fern ab von Korruption und Terror fantasiert, seines Amtes enthoben wird. War „Postlagernd Algier“ als politische Streitschrift und Nonfiktion auch eine Selbstbefreiung Sansals von seinem schlechten Gewissen, dem terroristischen Staat einst gedient zu haben?
Boualem Sansal wurde 1949 in einem Bergdorf der Provinz von Oran geboren, wuchs in Algier auf und wurde nach dem Studium hochrangiger Mitarbeiter im Industrieministerium Algeriens, bis Yasmina Khadra, ein im Exil lebender Schriftsteller, ihn animierte, zu schreiben. Heute lebt Sansal in Boumerdès, etwa 50 Kilometer von Algier entfernt, harrt dort trotz der Tatsache aus, dass seine Bücher in Algerien nicht erscheinen dürfen, sondern nur in Frankreich, und trotz der Bedrohungen, denen er ausgesetzt ist.
Nun erhofft er sich, wie er sagt, einen gewissen Schutz durch die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels.
Explosionen von Sehnsüchten
In einem Interview mit dem Pariser „L’Express“ erzählt er von der Versuchung auszuwandern. Jeden Morgen sage er sich, nun reicht’s aber, und Abhauen erscheint ihm als Wohltat. Noch aber bleibt er und trotzt der Tatsache, dass ihn in Algerien kaum einer hört, selbst wenn er seine Stimme erhebt wie in jenem offenen Brief, der indes nicht verbreitet werden darf.
Hegt er aber nicht Hoffnung auf Veränderungen, die der arabische Frühling dieses Jahres angestoßen hat? Sansal betrachtet die Ereignisse mit Skepsis, nennt sie ungerichtete Explosionen von Sehnsüchten nach einem freiem Leben auf westliche Art, die zudem von den Staaten, die lange mit den totalitären Staaten paktiert haben, plötzlich, aber spät genährt würden.
Die Rebellion in Tunesien und Ägypten ist erlahmt, die Enttäuschungen nach dem Sieg sind groß, da die alten Machthaber sich in neue verwandeln. In Sansals Land waren die Demonstrationen im Frühjahr nur ein kurzes Strohfeuer, das Regime des Präsidenten Bouteflika und der Staatspartei FLN hat inzwischen Algerien wieder unter Kontrolle.
Also bleibt statt Hoffnung auf wirkliche Veränderung vorerst nur das Schreiben. 2008 hatte er seinen bislang bekanntesten und für sein Land heikelsten Roman verfasst: „Das Dorf des Deutschen oder das Tagebuch der Brüder Schiller.“ In ihm forciert er seine fundamentale Kritik am Zustand des Landes, zieht gewagte Parallelen zwischen den Methoden der algerischen Polizei, den islamistischen Hasspredigern sowie den Tätern in den deutschen Vernichtungslagern der Nazizeit.
Zu diesen Thesen hat Sansal einen Plot konstruiert: Hans Schiller hat für die Befreiung Algeriens von der Kolonialmacht Frankreich in der FLN gekämpft und nach der Unabhängigkeit das ihm zur Heimat gewordene Dorf Ain Deb mit deutschem Ordnungssinn aufgebaut, hat mit der Tochter des Dorfscheiks eine Familie gegründet, wird dann aber wie fast alle Dorfbewohner 1994 während des Bürgerkriegs von Islamisten massakriert. Ein Sohn findet im Nachlass des Vaters das Soldbuch eines SS-Offiziers und entdeckt, dass der ein Experte für die Herstellung von Gaskammern zur Judenvernichtung war. Plötzlich ist der Sohn Kind eines Kriegsverbrechers, nimmt als Halbdeutscher die Schuld auf sich und zerbricht daran, wählt den Freitod.
Es ist der jüngere in einer Pariser Banlieue lebende Bruder, der die Parallelen des Bösen zieht. Die islamistischen Vernichtungsfantasien unterscheiden sich nicht von denen der Deutschen und bei einem Besuch in Algier stellt er fest, dass die algerische Geheimpolizei handelt, als wäre sie Nachfolger der Gestapo. Eine Ungeheuerlichkeit sind diese Thesen Sansals in Algerien, und die Bedrohung verstärkt sich, sogar seine Frau wird aus ihrer Stelle als Lehrerin vertrieben.
Den Islam entkolonialisieren
Vor wenigen Monaten ist nun der neueste Roman Sansals in Paris erschienen, „Rue Darwin“. Es ist die Straße Algiers, in der der Autor seine Jugend verlebt hat. In diesem autobiografisch gefärbten Roman versammelt sich eine Familie um den Sarg der Mutter. Die Kinder leben bis auf einen Sohn alle im Ausland, sind aber zur Beerdigung nach Algier gekommen und treffen auf ihre Angehörigen.
Der Roman richtet den Blick auf mehr als fünfzig Jahre algerische Geschichte: Befreiung von der Kolonialmacht, erste Euphorie danach, dann die Kämpfe um die Macht in der FLN und im Staat. Usurpation der Revolution, Verrat, Vertreibung ins Exil, Vernichtung, Korruption, Staatsterror und der Terror der Islamisten in den 90er Jahren, aber auch auf die Rebellion des Volkes im Jahr 1988, die vom Militär blutig unterdrückt wurde, 200 000 Tote soll sie damals gefordert haben.
Auch diese bittere Erfahrung führt Sansal an als Grund für das nur kurze Aufflammen einer oppositionellen Bewegung im Algerien diesen Jahres. Und zu den Islamisten meint er: „Die Religion erscheint mir gefährlich wegen ihrer brutalen, totalitären Seite. Der Islam ist ein Schrecken geworden, denn er verordnet nichts als Verbote. Er müsse seine Spiritualität wiedergewinnen, man muss den Islam entkolonialisieren, man muss ihn befreien.“
Doch wird sein Roman gelesen, werden seine Ansichten in Algerien gehört und verstanden oder ist Sansal bislang vor allem ein Autor Frankreichs und der anderer europäischen Ländern, die ihm als vermeintlich öffentlicher Stimme eines arabischen Lands Preise verleiht?
Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.
Messetage: Die Frankfurter Buchmesse ist von Mittwoch, 12., bis Freitag, 14. Oktober für das Fachpublikum geöffnet. Am Wochenende sind auch Privatbesucher willkommen.
Öffnungszeiten: 9 bis 18.30 Uhr (Sonntag nur bis 17.30 Uhr).
Preise: zwischen zehn Euro für eine Tageskarte (Privatbesucher, ermäßigt mit RMV-Ticket) bis zu 40 Euro für Fachbesucher am Kassenverkauf. Für eine nichtermäßigte Tageskarte für Privatbesucher sind 15 Euro fällig.
Die Frankfurter Rundschau finden Sie auf der Buchmesse in Halle 3.0, Stand E170. Wir bieten tägliche Autorengespräche - und sind immer um 13 Uhr zu Gast im Lesezelt. Rufen Sie hier unser komplettes Programm im PDF-Format ab.