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14. Oktober 2012

Friedenspreisträger in Buchmesse Frankfurt: Yiwu wirft Westen Heuchelei vor

Der in China verfolgte Autor Liao Yiwu. Foto: dpa

Unerschrocken und sprachmächtig beschreibt Liao Yiwu die Unterdrückung in China. Zur Verleihung des Buchpreises findet er klare Worte - gegen das Imperium in seiner Heimat, aber auch gegen die Doppelmoral des Westens.

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Es war ein durch und durch außergewöhnliches Ereignis, die Verleihung des Friedenspreises an den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu in der Frankfurter Paulskirche. Der 53-Jährige, der in seiner früheren Heimat vier Jahre im Gefängnis saß und gefoltert wurde, bezeichnete den chinesischen Staat als „menschenverachtendes Imperium mit blutigen Händen“. Es sei ein „unendlich großer Müllhaufen“ der „auseinanderbrechen müsse“.

Zugleich griff er in seiner aus dem Chinesischen übersetzten Rede den Westen scharf an. Konzerne machten unter dem Deckmantel des freien Handels „mit den Henkern gemeinsame Sache“. Es sei ein Irrtum zu glauben, dass der wirtschaftliche Aufschwung Chinas zwangsläufig zu Reformen führe.

Zum Abschluss seiner Rede trug er ein Lied vor. „Die Mütter von Tian'anmen“, sang Liao Yiwu, „Mein Kind Wie geht es Dir im Paradies? Das Herz Deiner Mutter Blüht längst auf offenem Feld. Verhallt sind die Schüsse, das Blut getrocknet, Mein Kind Komm schnell aus diesem Traum zurück. Mein Kind Friert es Dich im Jenseits? Dicht fallen die Schneeflocken, Und färben das Haar Deiner Mutter weiß. Die Ströme fließen, aber die Tränen sind versiegt. Mein Kind Bist Du im Jenseits einsam? Mutter Mit wem sprichst Du dort vor dem Fenster? Bitte wärme Dein Kind Mit dem Licht der Laterne. Endlos ist die Welt der Menschen, zartgrün das Gras auf den Gräbern. Mutter, Was nutzt Dein Klagen?“

Nennung seines Namens ist in China verboten

Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, würdigte Liao als unerschrockenen und sprachmächtigen Volksschriftsteller, der „den unter Repression und Unterdrückung leidenden Menschen seines Volkes zu einer Stimme verholfen hat“. Er stehe ein für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie. „Damit wird die Stimme Chinas auf eine Weise hörbar, die wir uns so gern schon bei der dem Gastland China gewidmeten Frankfurter Buchmesse 2009 gewünscht hätten“, sagte Honnefelder. Mit seinen Büchern und Gedichten setze er den Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal, so der Börsenverein.

Liao lebt seit 2011 mit einem Künstlerstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD in Deutschland. Seine Werke, ja selbst die Nennung seines Namens sind in China untersagt. Er erhielt den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche. Anwesend waren auch Bundespräsident Joachim Gauck, der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und weitere Würdenträger aus Politik und Gesellschaft.

Der seit 1950 vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen des Landes. Geehrt wird damit eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat.

Überreicht wird der Preis zum Ende der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche, wo 1848 die für die demokratische Entwicklung Deutschlands bedeutende Nationalversammlung tagte.

Zeitlebens hat der in seiner Heimat verfemte Autor mutig um diese Freiheit gekämpft, bis er im vergangenen Jahr zermürbt nach Deutschland ins Exil ging. Hier hat er eine große Fangemeinde, seit 2009 sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ erschien. „Schreiben ist ein Weg, nach Freiheit zu streben“, sagte Yiwu einmal.

Anders als der neue Literaturnobelpreisträger Mo Yan, den Liao einen „Staatsautor“ nennt, kam er selbst schon früh mit dem autoritären System in Konflikt. Am 4. August 1958 in Chengdu in der Provinz Sichuan geboren und bitterarm aufgewachsen, galt er zwar zunächst als ungewöhnlich talentiert. Mit seinen wortgewaltigen Gedichten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

Doch seine unverhohlene Hoffnung auf eine „offene Gesellschaft“ bringt den jungen Autor bei den Behörden bald in Verruf. Immer wieder erhält er Schreibverbot. 1987 wird er auf die „Schwarze Liste“ gesetzt. Der endgültige Schlag folgt, als er unmittelbar vor der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 die Geschehnisse in seinem Gedicht „Massaker“ vorwegnimmt.

Vier Jahre Haft

Liao wird zu vier Jahren Haft verurteilt, seine dunkelste Erfahrung überhaupt. Zwei Mal versucht er, sich das Leben zu nehmen. Als er freikommt, ist seine Existenz zerstört. Seine Frau hat ihn mit dem gemeinsamen Kind verlassen, die Freunde wollen nichts mehr von ihm wissen. Er muss sich als Straßenmusiker und Gelegenheitsarbeiter durchschlagen.

Sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ darf bald nach Erscheinen 1998 in China nicht mehr verkauft werden, in Deutschland kommt es 2009 auf den Markt. In Interviews mit Bettlern, Dieben, Wahrsagern, Homosexuellen oder Dissidenten zeichnet er ein bedrückendes Porträt seines Landes - „die eigentliche Kulturgeschichte Chinas“, wie Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller befand.

14 Mal bemüht sich Liao in der Folge um eine Ausreisegenehmigung - erfolglos. Sogar an der Frankfurter Buchmesse 2009, bei der China Ehrengast ist, darf er nicht teilnehmen. Erst nachdem er Bundeskanzlerin Merkel um Hilfe gebeten hat, kann er 2010 erstmals für sechs Wochen ausreisen.

Manuskripte weggenommen

Um endlich sein Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ veröffentlichen zu können, verlässt er im Juli 2011 seine Heimat schließlich ganz - er setzt sich über Vietnam nach Deutschland ab. Dreimal hat er diese Erinnerungen an seine Gefängniszeit schreiben müssen, zweimal wurde ihm das Manuskript einfach weggenommen. Zuletzt hatte er Todesdrohungen bekommen, sollte es im Ausland erscheinen.

Inzwischen lebt er in Berlin. Er ist viel auf Lesereisen unterwegs, oft seine Seelenverwandte Herta Müller an der Seite. Zur Buchmesse erschien sein neues Werk „Die Kugel und das Opium“, für das er noch in China jahrelang heimlich Interviews mit Augenzeugen des Tian'anmen-Massakers führte. Hoffnung auf eine Rückkehr nach China hat Liao nicht. „Ich habe mehr als ein halbes Jahrhundert in diesem Land verbracht und kenne dieses Regime von Grund auf“, sagte er. „Da gibt es nichts zu hoffen.“ (dapd/dpa/jam)

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