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Geschichte: Die Brüche der Zivilisation

Heinrich August Winkler setzt seine „Geschichte des Westens“ mit einer voluminösen Erzählung über die Ausnahmezeit 1914-1945 fort.

Die Alliierten bringen nach der als D-Day in die Geschichte eingegangenen Invasion der Normandie frische Truppe und Nachschub an Land.
Die Alliierten bringen nach der als D-Day in die Geschichte eingegangenen Invasion der Normandie frische Truppe und Nachschub an Land.
Foto: ddp

Es war ein Jahrhundert der Massaker und Kriege, wahrscheinlich das gewalttätigste Jahrhundert der Menschheitsgeschichte. Das so genannte kurze 20. Jahrhundert, welches mit dem Ersten Weltkrieg 1914 begann und mit dem Fall der Mauer 1989 endete, rief die größten Hoffnungen hervor, welche die Menschheit je gehegt hatte, und zerstörte am Ende doch alle Ideale. Heinrich August Winkler widmet seinen zweiten Band der „Geschichte des Westens“ jener „Ausnahmezeit“ zwischen 1914 und 1945, einer Epoche, in welcher sich Zivilisationsbrüche bis dato ungekannten Ausmaßes ereigneten. Auf über 1200 Seiten erzählt Winkler von den Ursachen, den Folgen und ausgebliebenen Alternativen, welche die Menschen in das Zeitalter der Extreme führte. Ein Band voll gepackt mit Wissen: so epochal wie voluminös.
Winklers Projekt ist die Geschichte des Westens, die in der Amerikanischen und Französischen Revolution ihre Ideen findet, die Begriffe und das normative Konzept. Hob Winklers erster Band mit dem Sonnengott in Ägypten an, so endete es in der Sonnenfinsternis des langen 19. Jahrhunderts (von 1789 bis 1914): im Ersten Weltkrieg. Winkler entführt zwar auch in ferne Weltregionen, um die Kolonialpolitik zu beleuchten oder welthistorische Ereignisse wie den chinesisch-japanischen Krieg zu thematisieren.

Eine Globalgeschichte wie sie etwa der Historiker Jürgen Osterhammel verfasste, ist seine „Geschichte des Westens“ jedoch nicht. Was den Leser erwartet, sind Nationalgeschichten von Staaten, die Teil des Westens sind. Oder zumindest Anteil an seiner Geschichte haben: Denn wie anders sollte die spannend erzählte Geschichte der Sowjetunion, von der bolschewistischen Revolution bis hin zum Massenmord Stalins, hineingehören. Bildet der Sowjet-Staat doch für Winkler das radikalste Gegenstück zum normativen Konzept des Westens.
Der Krieg von 1914 bis 1918 zerstörte das Machtgefüge vieler Staaten: die Monarchien in Italien, Deutschland, Österreich-Ungarn oder Russland traten ab. Neue Staaten wie Polen traten auf. Ein demokratischer Frühling erfasst Europa. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wird nicht nur von US-Präsident Woodrow Wilson proklamiert. Mit dem Völkerbund wird sogar eine Institution geschaffen, die weit in die Zukunft weist, wenngleich sie als Institution versagte.
Hoffnung keimte auf. Doch zugleich wird der Keim der Revanche in Versailles gesät. Dort wird Deutschland von den Siegermächten ein Frieden diktiert, welcher der deutschen Öffentlichkeit unannehmbar erscheint. Auch deshalb, so Winkler, weil die Mehrheitsdemokraten es versäumten, die von Karl Kautsky gesammelten Dokumente zu veröffentlichen, welche die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg belegen. Für viele Deutsche war die repräsentative Demokratie fortan eng mit dem Gefühl der nationalen „Demütigung“ von 1918 verknüpft.
Als Junior-Mitglied der britischen Delegation nahm der junge Ökonom John Maynard Keynes an der Konferenz teil. In dem französischen Ministerpräsidenten Clemenceau glaubte er den bösen Geist der Konferenz zu erkennen, welcher der Welt äußersten Schaden zufügen werde. Keynes’ grimmige Kritik an den Verhandlungen: Ohne die Genesung der deutschen Wirtschaft ist die Genesung der Wirtschaft und der liberalen Zivilisation unmöglich. Der riesige Berg an Reparationsleistungen, der Deutschland aufgeschultert wurde, würde, das war Keynes’ Überzeugung, die Welt erneut in den Abgrund reißen. Der Pionier und Prophet einer neuen kapitalistischen Weltordnung sollte Recht behalten. War die mit dem Börsencrash 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise zwar eng mit den USA verzahnt, so fußte sie doch auf eben jenen Fundamenten, die 1919 gelegt und von Keynes so hellsichtig kritisiert wurden.

Das Buch

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens, 2. Band. C. H. Beck, München 2011. 1 350 Seiten, 39,95 Euro.

Der Erste Weltkrieg war nicht einfach nur ein zwar katastrophaler, ansonsten aber temporärer Bruch. Ansonsten hätte man nach Beseitigung der Kriegsschäden einfach zur Tagesordnung übergehen können. Als eine Folge des Krieges sollte die Weltwirtschaft zwischen den beiden Weltkriegen zusammenbrechen. Ohne diesen Crash hätte es keinen Roosevelt und keinen Hitler gegeben. Anders gesagt: die damalige Welt ist nicht zu verstehen, wenn man sich nicht die Auswirkungen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs bewusst macht, von dem die meisten Menschen auf der ganzen Welt betroffen waren.

Epizentrum des globalen Bebens waren die USA. Drei Wellen von Konjunkturzyklen sollen seine florierende Ökonomie zum Erliegen gebracht haben. Der russische Ökonom Kondratjew entdeckte in den 20er Jahren das Muster einer Welle, die eine Dauer zwischen 50 und 60 Jahren auswies und damit weit ins 19. Jahrhundert zurückreichte.
Die Fundamentalkrise des Westens bestärkte viele in ihrem Gefühl, dass etwas völlig schief lief mit dem kapitalistischen System. Denn mit ihr kam die Arbeitslosigkeit, die zersetzendste Krankheit der Zivilisation. Noch 1928 wählten nur 2,8 Prozent der Deutschen die Nationalsozialisten, nur vier Jahre später in der Hochzeit des Arbeitslosigkeit im Jahr 1933 waren es 43,9 Prozent.
Hitler verstand es, den Deutschen seine Pläne als metaphysische Mission anzudrehen. Sein Rückgriff auf das mittelalterliche Reich war ein Geniestreich, der Brücken zum konservativen Bürgertum schlug, welches diesen Reichsmythos bereits vor 1930 zu kultivieren begann. Das Reich, das einst die Christenheit verteidigen sollte, wurde nun als Schutzmacht gegen westliche Demokratie, Bolschewismus und Judentum verkauft. Geschichte, lehrt Winklers mit Wissen vollgepacktes Buch, ist stets eine Geschichte von Sonderwegen.
Aber einige sind offenbar noch besonderer als die anderen. Denn der deutsche Sonderweg, bereits 1915 von dem Londoner Soziologen Leonard Trelawny Hobhouse herausgearbeitet, führte mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 hinein in den Ersten Weltkrieg und in den Genozid an den Juden.
Dass das „Land der Dichter und Denker“ diesen Bruch mit dem Projekt des Westens vollzieht, ist für Winkler das Spezifische des deutschen Weges. Es habe sich den politischen Konsequenzen der Aufklärung schlichtweg verweigert. Nur aus diesem Grund sei eine so lange Spanne zwischen der Einführung des allgemeinen Wahlrechts der Männer unter Bismarck bis hin zum Parlamentarismus von 1918 zu erklären. Diese Spanne sei zu groß gewesen, um der repräsentativen Demokratie unter den Deutschen die Wertigkeiten zu geben, derer sie gerade in Zeiten schwerer Krisen bedurft hätte. Der Nationalsozialismus war nach Winkler die Antwort auf die Demokratien der Siegermächte Großbritannien, USA und Frankreich, er fand seinen Grund in einem tief verwurzelten anti-westlichen Ressentiment nicht nur der deutschen Eliten.
Gewiss, es hatte auch in anderen Ländern Abweichungen von den verschiedenen Formen der Demokratie gegeben, wie sie sich in Großbritannien, Frankreich und den USA herausgebildet haben. Dazu zählten auch jene Länder selbst, etwa die USA im Ersten Weltkrieg, wo Presse- und Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt wurden. Auch in Übersee fanden sich Agitatoren, die ihr Land im Kampf gegen den Bolschewismus wähnten und Hitler und Mussolini hochleben ließen.

Aber die USA hatten eben auch jenen Franklin Delano Roosevelt, einen Präsidenten, der seine Landsleute rasch zu Reformen anstieß. Roosevelts „New Deal“, ein Reformpaket, welches Investitionen des Staates in Infrastruktur sowie die Stärkung der Gewerkschaften und Arbeiter umfasste, sollte Amerika zwar für mehr als ein Jahrzehnt nicht von der Massenarbeitslosigkeit befreien, aber dafür auf dem Pfad der Demokratie halten. Neben den Vereinigten Staaten gelang dies nur Großbritannien und Frankreich. In anderen Staaten wurden die Widerstände gegen die Demokratie so stark, dass sie eine Episode blieb.
Ein großer Krieg blieb Roosevelts Land dennoch nicht erspart. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte die Demokratie zurück. Das Zeitalter der Extreme war damit noch nicht zu Ende. Denn nun wartete der große Gegensatz zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Geschaffen hingegen wurde von weitsichtigen Politikern Europa. Deren Errungenschaften setzen wir soeben wieder aufs Spiel.

Autor:  Michael Hesse
Datum:  11 | 10 | 2011
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