Ein Mädchen im karierten Kleid mit weißen Kragen schaut aufmerksam von der Schulbank auf, ein stolzes Lächeln auf den Lippen. Ein anderes Bild zeigt einen kahlgeschorenen Jungen, der auf eine Israelkarte zeigt. Die Lehrerin hinter ihm trägt einen Judenstern. Der Blick ist streng, aber es ist die Strenge der Ernsthaftigkeit, nicht des Zwangs.
Die Fotos stammen aus dem jüdischen Getto von Lodz, das die Nazis im Januar 1940 in der in Litzmannstadt umbenannten drittgrößten Stadt Polens eingerichtet hatten. Aufgenommen wurden sie von jüdischen Fotografen wie Mendel Grosman und Henryk Ross, die im Auftrag des Judenältesten so etwas wie Gettonormalität abzubilden hatten. Die Schulen waren ein Teil dieser Normalität. Das Getto stand unter jüdischer Selbstverwaltung und die hatte beschlossen, ein umfangreiches Bildungssystem mit fast 40 Schulen für weit über 10000 Schüler einzurichten. Bisweilen gab es hier, auch das verraten die Fotos, so etwas wie Glück. Wenn einer Pläne für ein Leben in Israel schmiedet, heißt es in einem Brief, „dann waren wir glücklich, dass wir ins Getto Litzmannstadt gekommen waren.“
Anschreiben gegen den allgegenwärtigen Tod
Doch das Glück ist trügerisch. Zwischen 1940 und 1944 starben über 43 000 Menschen infolge von Seuchen und Unterversorgung. Mehrere zehntausend wurden von hier aus in die Vernichtungslager deportiert. Die entsetzlichen Zustände in den Gettos und jüdischen Zwangsarbeitslagern, schreibt der Historiker Ingo Loose, wirkten auf die Radikalisierung bei der Verfolgung der Juden zurück.
Die Historiker konnten sich bei ihrer Arbeit über das Getto von Lodz auf eine mehrere Tausend Seiten umfassende Gettochronik stützen, die ebenfalls im Auftrag des Judenältesten Chaim Rumkowski erstellt worden war. Die Arbeit an der Chronik sollte das Arbeits- und Alltagsleben im Getto dokumentieren, zugleich war sie ein Anschreiben gegen den allgegenwärtigen Tod.
Auf die Gettochronik zurückgegriffen hat auch der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg. Entstanden ist daraus ein 650 Seiten umfassender Roman, der auf verstörende Weise zwischen Dokumentation und Fiktionalisierung des Gettolebens wechselt. Aber es ist kein Schwanken oder Lavieren. Steve Sem-Sandberg ist sich seines Umgangs mit literarischen Formen sehr bewusst. Mit souveränen schriftstellerischen Mitteln hält er sich an die Fakten, die mal in kühler Lakonie notiert und mal in vorsichtige Empathie übersetzt werden. „Die Elenden von Lodz“ überwindet so die Fallen einer herkömmlichen Doku-Fiction, in der das Erfundene doch nur eine besondere Authentizität vermitteln soll.
Kollaborateur und tragische Gestalt
Der Roman entfaltet indes eine epische Wucht. Obwohl der Geschichtsschreibung das Ende des Gettos und das Schicksal seiner Bewohner bekannt ist, entwirft Sem-Sandberg ein Drama, das seine Spannung, seinen nicht nachlassenden Schrecken, aber auch Momente der Zuversicht aus den Paradoxien bezieht, die zwischen historischem Wissen und der Hoffnung auf das noch zu Erzählende entstehen.
Im Zentrum steht der Judenälteste Chaim Rumkowski, eine Respektsperson mit grotesken Schwächen. In ihm brechen sich auf fatale Weise die Hypertrophien moralischer Maßstäbe und die monströsen Anmaßungen des mörderisch-modernen Nazis-Systems. Chaim Rumkowski ist einerseits der klassische Kollaborateur, der sich, im Glauben, etwas retten zu können, willfährig der Macht der Nazis unterwirft und doch nur deren Erfüllungsgehilfe ist. Er ist andererseits eine tragische Gestalt, die Schuld auf sich nimmt, ohne die Hoffnung auf ein gutes Ende zu verraten. Hätte sein Plan nicht auch gelingen können?
Die Vision des Überlebens
Chaim Rumkowski hat eine Mission. Er ist fest davon überzeugt, dass das Getto und seine Bewohner verschont werden, wenn es produktiv ist. Er bietet sich den Nazis als Organisator eines Arbeitergettos an, das wegen seiner Effektivität besondere Beachtung finden soll. Die Selbstverwaltung des Gettos erweist sich so als Funktionsrad bei der Vernichtung der Gettobewohner, die ihren perfiden Höhepunkt darin findet, dass Rumkowski im September 1942 insgesamt rund 20.000 alte Menschen und Kinder zur Verschickung in die Vernichtungslager herausgeben soll, um den Fortbestand des Gettos zu sichern. „Brüder und Schwestern, gebt sie mir, gebt mir eure Kinder!“ lautet Rumkowskis legendärer Satz aus dessen Rede vom 4. September 1942, die nahezu biblisch-fatalistische Züge trägt.
Das Dilemma Rumkowskis wird im Roman vor allem durch die Personen sichtbar, die Sem-Sandberg neben Rumkowski in Erscheinung treten lässt, darunter auch eine erfundene Figur wie den jungen Arbeiter Adam Rzepin, der sich mit Gerissenheit und Bauernschläue durchzugschlagen weiß und gewissermaßen eine Gegenfigur zum kalkulierenden Rumkowski ist. Es sind aber nicht zuletzt die Frauenfiguren wie die aus Prag deportierte Vera Schulz und Rumkowskis deutlich jüngere Frau Regina Wajnberger, die ein Gespür für die Alltäglichkeit und Dauer des Gettolebens vermitteln.
Die großen Romane über den Holocaust, etwa von Primo Levi und Imre Kertész, waren stets Romane von Überlebenden, die das Schicksal und die besondere Last der Davongekommenen in den Blick genommen haben. Die Aussicht auf Entkommen dürfte auch eine Triebfeder der Autoren der Gettochronik gewesen sein. Sem-Sandbergs Roman verheißt diese Aussicht nicht. Sein Kunststück besteht gerade darin, die zerrinnende Zeit als schmerzhaft gegenwärtige zu erzählen. Es handelt von Gewalt, Macht, Siechtum und Tod – aber auch von einer unverfügbaren Würde der Menschen.
Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Lodz. Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek. Klett-Cotta, Stuttgart 2011. 651 Seiten, 26,95 Euro.
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