Ein Abenteuer, dessen Fokus die Horizonterweiterung ist. Wenn Robin Lane Fox in seinem Buch „Reisende Helden“ von den „Anfängen der griechischen Kultur im homerischen Zeitalter“ erzählt, dann ist die bevorzugte Adresse seiner Reise die Horizontüberschreitung. Wir sprechen vom 8. Jahrhundert v. Chr., und während Athen noch kaum mehr war als ein Dorf, waren die Verhältnisse in Assyrien so extrem konsolidiert, dass sich der Tyrann Sargon sicher war, der Gebieter über alle „vier Weltgegenden“ zu sein. Zweifellos ist seitdem kein größerer Gesichtskreis ausgemessen worden.
Weil nun auch der heute 65-jährige Althistoriker Robin Lane Fox, der als nicht einmal 30-jähriger Historiker einen Bestseller über „Alexander den Großen“ schrieb, der zur Vorlage für Oliver Stones Hollywoodverfilmung wurde, über Grenzen geht, macht er auch darauf aufmerksam, dass dieses 8. Jahrhundert, die Epoche Homers, die Geburtsstunde mancher anderer Sagengestalt war, von Romulus in Rom bis zu King Lear in Britannien.
Keine kulturelle Entwicklung ohne Mobilität, keine kulturelle Identität ohne Fremdkontakt, der für die Griechen nicht mit den Phöniziern anfing, aber von diesen seit etwa 1050 v. Chr. nicht unerheblich beeinflusst wurde. „Die Phönizier sind das Volk, in dem sich unsere komplementären Begriffe ‚Ost‘ und ‚West‘ berühren“, schreibt Lane Fox. Die Drift der Phönizier, die selbst dem „Druck von Seiten der assyrischen Eroberer ausgesetzt waren“, prägten die Weiterentwicklung im Mittelmeerraum, von der Levante über Kleinasien, weiter über die griechischen Inseln bis nach Sizilien. Sie setzten ihren Fuß auf Malta, Kreta, Zypern, die iberische Halbinsel, siedelten im damaligen Karthago und heutigen Marokko, drangen vor in die Atlantikferne.
Wenn Lane Fox von „griechischen Reisenden“ spricht, dann erzählt er von einer „griechischen Minderheit“, einer Startup-Generation, die sich durch „Überfälle, Krieg und Piraterie“ hervortat, so dass sie, kein Wunder, auch als „griechische Belästigung“ bezeichnet wird. Der Konfrontation mit der fremden Kultur entsprang die Entdeckung des griechischen Alphabets, einer Schriftkultur, die das Bewusstsein von einer bereits „glänzenden fernen Vergangenheit“ nun auch schriftlich festzuhalten wusste. Im Mythos übersprang eine enorme Gedächtnisleistung die „Dunklen Jahrhunderte“, um eine glanzvolle Vorzeit, die späte Bronzezeit (etwa 1350 – 1180 v. Chr.), als ewiges Erbe zu bannen.
Der Mythos war Welterklärungsmodell, in dem die kreative Assoziation sich Raum verschaffte. Navigationshilfe auf allen Reisen war die Neugierde auf neue Geschichten, etwa von Dädalus, etwa von Herakles, etwa von der unglücklichen Io.
Lane Fox setzt sich auf die Fährten dieses Dreigestirns, und siehe: „Der reisende Held der Kreter“, Dädalus „verfügte über eine beeindruckende Menge an Vielfliegermeilen, aber in der Vorstellungswelt der reisenden Euböer (Griechen) kam er, soweit wir heute sehen können, nicht vor.“ Dagegen der Tatmensch Herakles, sein Wirken „umspannte vom Osten bis zum Westen einen weiten Horizont.“
Herakles war omnipräsent, während Ios Schicksal, von Zeus entführt und dann in eine Kuh verwandelt, eine „rein griechische Erfindung“ war, die sich dennoch in Ägypten wiederfindet, in Palästina. Münzen erzählen von dem „entführten Cowgirl“, der über das Meer reisenden Io (siehe auch: Ionisches Meer).
Ios Reiserouten dokumentieren Texte, vor allem aber Bilder, etwa auf Vasen. Dass die Keramik „den besten Nachweis über reisende Menschen und Dinge im 8. Jahrhundert liefert“, einen weit aufschlussreicheren als die Dichtung, ist eine Erkenntnis, die wir Nachweltler der Archäologie verdanken. Homers Epen nennen das „Dreieck“ Zypern, Ägypten, Kreta, doch „Hauptbeleg“ für die enorme griechische Umtriebigkeit weit über Griechenlands Küsten hinaus sind Keramikfunde, darunter an der Küste Kilikiens.
Kilikien? So wichtig dieser Schauplatz, angefangen bei der Verortung des legendären Arima als Monsterhöhle, als abgründige Grube, nein, nicht als Schlachtfeld und bebende Erde des Trojanischen Krieges – Lane Fox mag nicht den Erkenntnissen aus Raoul Schrotts Homer-Buch folgen, nicht der darin vor drei Jahren formulierten Kilikienthese, mit der der Tatort Troja um 1500 Kilometer von der Westküste der Türkei in die heutige Südtürkei verlegt wurde. Was Homer, schreibt Lane Fox, „dem damaligen Osten verdankte, ist minimal“, Karatepe, Schrotts Troja, Schrotts Fiktion, wurde von Griechen wahrscheinlich nie erreicht, denn es finden sich „dort keinerlei griechische Spuren“.
Mit dem ironischen Unterstatement eines britischen Historikers meint Lane Fox, die kilikische Ebene „bildete den idealen Schauplatz für kreative Missverständnisse“. Kilikien ist nicht der einzige Schauplatz. Dem Transportweg der griechischen Keramik folgend, fügt Lane Fox das Panorama einer Epoche zusammen wie ein Mosaik, darin geschnittene Siegelsteine oder Scherben, Knochensplitter, Scheuklappen oder Stirnplatten als Indizien von Druck und Drift, insgesamt einer „multikulturellen Dynamik“.
Lane Fox nimmt bei seiner Kulturgeschichte durch Raum und Zeit immer wieder den Weg durch den Alltag. Sexismus und Willkür, fehlende Hygiene, Krankheiten und Verkrüppelungen, den „beißende Gestank“ ignoriert er so wenig wie die Sterblichkeitsrate und die Zumutungen einer Sklavenhaltergesellschaft. Beiläufig wie jeder große Erzähler erinnert Lane Fox daran, dass die „unternehmungslustigen Euböer“ bei Nacht mit Hilfe des Großen Bären navigierten, im Unterschied zu den Phöniziern, die sich am Kleinen Bären orientierten. Dass Lane Fox nicht nur ein sagenhafter Fachmann ist, sondern obendrein ein Feingeist, möge der Satz belegen, dass „unter diesem freundlichen Gestirn das Meer ein unberechenbarer Begleiter“ war.
Bei seiner Darstellung des homerischen Zeitalters geht es Lane Fox um eine „Darstellung des wirklichen Lebens“, darin die Existenz einer „Happy few“, einer Minderheit „von gespannter kreativer Aktivität“, was deren kühnen Tatendrang erklärt, bei dem die „Grenzen zwischen Handelsfahrten und heroischen Überfällen und Kämpfen fließend waren“. Auf diesen Beutezügen ebenso wie infolge friedlicher Handelskontakte reimportierten die seefahrenden Griechen fabelhafte Geschichten – „just so stories“, wie die Briten es nennen.
Lane Fox verrät seinen gebannten Lesern vielleicht nichts Neues, wenn er diese Geschichten über die mythischen Ursprünge, Geschichten von Groß- und Schandtaten, Landschaften und Naturereignissen, als das Ergebnis „sprechenden Augenscheins“ und „schlagender Beweise“ bezeichnet. Ein Leseabenteuer ist sein Buch schon dadurch, wie es sich auf die „Spur von Mythen“ setzt, und diese immer wieder als „eigenartige Rückschlüsse und kreative Missverständnisse der Griechen“ ausmacht. Denn der „signifikante Mangel der Griechen war ihre Einsprachigkeit“ .
In den „just so stories“ gingen die Ereignisse aus grauer Vorzeitferne in der Gegenwart des homerischen Zeitalters auf. Angeregt durch den Augenschein erklärten die Euböer bzw. Griechen eine „verbrannte Landschaft damit, dass Zeus gegen ein kosmisches Ungetüm gekämpft und unbotmäßige Giganten mit seinen Donnerkeilen geschlagen hatte.“ Lane Foxens Prinzip der Horizontüberschreitung zeigt sich mit dem unmittelbar anschließenden Satz, der Israel betrifft: „J., ein Zeitgenosse der Euböer, erklärte eine ähnliche Landschaft als Strafe Gottes für den Versuch von Männern, sexuellen Verkehr mit Engeln zu erzwingen.“ Wo es zum Zusammenprall der Kulturen kam, war er zukunftsstiftend.
Grenzenlose Grenzen, reisende Helden, mobile Geschichten. Dies ist das „Dreieck“, in dem sich Fox Lane mit seiner Rekonstruktion bewegt, durch reale Orte und die Phantasiewelten des Mythos, ein Spektrum auskundschaftend, in dem der Mittelmeerraum beides war, reale Welt und Wirkungskreis der Phantasie, Gesichtskreis der Entdecker und Tummelplatz ihrer Erzählungen, Schauplatz einer realexistierenden multikulturellen Dynamik und, oh großes Peter-Pan-Wort, „mythisches Nimmerland“.
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