Von Stufe zu Stufe klettert das Auge des Betrachters durch diese überbordende, sinnverwirrende Welt. Ein riesiges, vielfarbiges Panorama von Köpfen, Armen, Beinen, Figuren breitet sich aus, angeordnet in Form eines Labyrinths. Es ist der Kosmos belgischer und französischer Comics, den der Künstler hier zitiert, in einem überlebensgroßen Format. Und Erró scheint selbst staunend vor seinem Werk zu stehen im großen Saal der Kunsthalle Schirn. „Ich habe mir damals zwei Monate gegeben, um es zu vollenden – und ich brauchte anderthalb.“ Danach war er freilich so erschöpft, dass er erst einmal ans Meer floh, um sich zu erholen.
Man mag diesem Mann in der schlichten, unauffälligen Jacke, der mit einem stillen Lächeln zum ersten Mal durch die Schau seiner Bilder geht, kaum glauben, dass er in wenigen Wochen seinen 80. Geburtstag feiert. Wach und mit viel Ironie erzählt Gudmundur Gudmundson, der sich seit 1967 Erró nennt, von Arbeit und Leben. „Ich kenne keine Grenzen, ich bin ein Kosmopolit“, sagt er von sich. Heute gilt er als größter lebender Künstler Islands – obwohl er die Insel im hohen Norden schon im Jahr 1952 verlassen hatte. Über Oslo und Florenz kam er 1958 nach Paris und blieb – jetzt ist es die Buchmesse mit dem Gastland Island, die ihn nach Frankfurt führt.
Andy Warhol empfing ihn mit offenen Armen
Aber er verleugnet seine Wurzeln nie – und die liegen auf Island. „Der einsame Bauernhof, auf dem ich als Jugendlicher lebte, war von Lava umgeben, schwarzer Lava, die alles ausfüllte bis zum Horizont.“ Er dachte an dieses Szenario, als er 1963 seine ersten, schier überquellenden „Over all“-Gemälde schuf, Collagen, die „full up“ sind mit unzähligen Details. Und jetzt hängen diese „Scapes“ an den Wänden der Schirn – da geht es etwa um die „Landschaft“ der Autos oder um die der Raumfahrt. Ein europäisches Gegenbild zur US-amerikanischen Pop-Art, von der er beeinflusst ist wie vom Comic – nicht umsonst zählt Ikone Robert Crumb zu seinen guten Freunden. Als er vorübergehend nach New York zog, empfingen ihn Andy Warhol und Roy Lichtenstein mit offenen Armen.
Aber in der Kunsthalle Schirn zeigt Erró noch eine andere, bisher weitgehend verborgene Seite: Die „Monster-Porträts“, entstanden 1967/68. Er lacht, als er an diese Zeit denkt: „Niemand wollte diese Bilder damals kaufen, niemand wollte sie haben – sie waren einfach zu hart.“
Die Idee für die „Monster-Porträts“ entstand, als er mit seiner Freundin, einem US-Model, immer wieder ein Horror-Film-Festival in Paris besuchte: „Wir liebten diese Streifen!“ Und so schuf Erró von den Prominenten der Zeit jeweils ein positives und ein negatives, verzerrtes Konterfei: Fratzen von Sofia Loren, Mao, Winston Churchill, Albert Schweitzer, insgesamt 30 Bilder.
Es machte ihm einfach diebischen Spaß, das offizielle Image der Großen zu konterkarieren – und diese Lust zur Provokation blieb ihm bis heute. „Ich hab’ immer wieder politische Arbeiten gemacht.“ Als US-Präsident George Bush mit den Worten „God bless America“ zum Angriff auf den Irak blies, schuf Erró das sechs mal drei Meter große Tableau „God bless Bagdad“ .
Wieder dieses ironische Lächeln. Zur Wirtschaftskrise, die ab 2008 Island beutelte, findet er eine knappe Formel: „20 junge Gangster haben das Land zerstört“, und das zielt, natürlich, auf „die Bänker“.
Doch sich zu einer Partei zu bekennen, gar zu einer künstlerischen Schule bleibt ihm bis heute zuwider: „Teil einer Bewegung sein: Das wollte und will ich nicht.“ Er ist glücklich, wenn er in Paris zwischen 6 und 7 Uhr aufsteht und in sein Atelier fährt: „In der U-Bahn sehe ich so viele unzufriedene Männer und Frauen, die ihr Leben hassen.“ Er arbeitet noch immer zehn bis zwölf Stunden am Tag, erholt sich in seinem Haus auf Formentera: „Da habe ich Land am Meer gekauft, da male ich die kleinen Formate.“ Er liebt es, im frühen Morgenlicht den Pinsel in die Hand zu nehmen.
Erró hockt im Halbdunkel auf einer Bank inmitten seiner Bilder und ist einfach nur glücklich. „So gut gehängt waren sie noch nie, und auch das Licht stimmt.“ Aus seiner Erinnerung schälen sich Szenen eines ersten Besuchs in Frankfurt, in den 50er Jahren. „Ich wollte unbedingt die Expressionisten sehen, Kirchner und Nolde.“ Und er sah sie, im Städel. Damals war er gerade von der Kunstakademie in Florenz geflohen, „wo die Studenten wie Bänker gekleidet waren“.
Der Auftakt der Frankfurter Buchmesse ist in diesem Jahr der 12. Oktober. Bis zum Freitag, 14. Oktober, präsentieren sich die Aussteller ihrem Fachpublikum. Am Wochenende, 15. und 16. Oktober, öffnet die Messe dann auch für alle Privatbesucher.
Geöffnet ist die Buchmesse jeden Tag von 9 bis 18.30 Uhr, außer am Sonntag. An diesem letzten Messetag schließen die Hallen bereits um 17.30 Uhr.
Die Preise für Messebesucher bewegen sich zwischen zehn Euro pro Tageskarte (für Privatbesucher, ermäßigt mit RMV-Ticket) bis zu 40 Euro für Fachbesucher am Kassenverkauf. Für eine nichtermäßigte Tageskarte für Privatbesucher werden 15 Euro fällig.
7300 Aussteller aus 100 Ländern erwarten an den fünf Tagen mehr als 299000 Besucher und rund 10000 Journalisten. Die Frankfurter Buchmesse ist damit weltweit die bedeutendste ihrer Art.
Ehrengastland der diesjährigen Bücherschau ist Island. 177 Titel erschienen im Zuge des Gastauftrittes des nordeuropäischen Landes, welches sich unter dem Motto „sagenhaftes Island“ präsentieren wird. Dabei beschränkt sich der Auftritt nicht ausschließlich auf das literarische Schaffen des nur knapp 320000 Einwohner zählenden Inselstaates. Die Besucher erhalten am isländischen Messestand ebenfalls umfangreiche Einblicke in die lebhafte Kultur- und Kunstszene des Landes.
Über 450 Literaturevents begleiten die Buchmesse in diesem Jahr.
Isländische Kunst und Kultur wird auch außerhalb des Messegeländes erfahrbar gemacht. Noch bis zum 16. Oktober ist im Frankfurter Kunstverein zeitgenössische Fotokunst aus Island zu bestaunen. Das Architekturmuseum gibt Einblicke in die isländische Architekturgeschichte von den Anfängen bis heute. Das Archäologische Museum Frankfurt präsentiert noch bis zum 30. November eine Ausstellung zur „Sagazeit“, gerahmt von Lesungen und Vorträgen zur aktuellen archäologischen Forschung in Island und Sagaverfilmungen. Außerdem werden über dreißig Handwerkskünstler und Designer aus Reykjavik und Frankfurt in der Sachsenhäuser Ausstellungshalle Schulstraße 1A ihre Produkte zeigen und verkaufen. Hinzu werden auch die Schirn Kunsthalle und das Museum für Moderne Kunst in den nächsten Wochen ganz im Zeichen Islands stehen.
Zur „Literatur im Römer“ lädt das Kulturamt Frankfurt am 12. und 13. Oktober. Die kostenfreien, kurzen Präsentationen namhafter Autoren im Römer begleiten die Buchmesse schon seit mehr als 30 Jahren und gehören damit mittlerweile zur festen Instanz abseits der Messe.
Das Lesefest „Open Books“ beginnt bereits am 11. Oktober und wird mit 100 Veranstaltungen im Stadtgebiet aufwarten, bei denen eine Vielzahl von Buchgenres vertreten sein werden. Zur Eröffnung des begleitenden Bücherfests wird unter anderem Boualem Sansal, der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, auf dem „Blauen Sofa“ im Chagallsaal des Schauspiels Frankfurt zu Gast sein. Krönender Abschluss des Lesefestivals „Open Books“ ist die „Open Party“ am 15. Oktober im Literaturhaus Frankfurt, bei der verschiedene Protagonisten des Literaturbetriebs an den Plattentellern stehen und Musik machen werden. (prjv)
Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.
Messetage: Die Frankfurter Buchmesse ist von Mittwoch, 12., bis Freitag, 14. Oktober für das Fachpublikum geöffnet. Am Wochenende sind auch Privatbesucher willkommen.
Öffnungszeiten: 9 bis 18.30 Uhr (Sonntag nur bis 17.30 Uhr).
Preise: zwischen zehn Euro für eine Tageskarte (Privatbesucher, ermäßigt mit RMV-Ticket) bis zu 40 Euro für Fachbesucher am Kassenverkauf. Für eine nichtermäßigte Tageskarte für Privatbesucher sind 15 Euro fällig.
Die Frankfurter Rundschau finden Sie auf der Buchmesse in Halle 3.0, Stand E170. Wir bieten tägliche Autorengespräche - und sind immer um 13 Uhr zu Gast im Lesezelt. Rufen Sie hier unser komplettes Programm im PDF-Format ab.