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Isländische Kunst: Landschaft aus Lava geboren

Island ist Ehrengast der Buchmesse. Deshalb zeigt die Kunsthalle Schirn Gemälde von Erró, der als größter lebender Künstler der Insel gilt. Bei einem Rundgang durch seine Ausstellung freut er sich diebisch über die von ihm geschaffenen Werke: Fratzen von Mao, Churchill, Schweitzer und anderen Großen.

Glücklich inmitten seiner Werke: der 79-jährige Erró, der als größter isländischer Künstler der Gegenwart gilt. Vom 6. Oktober bis zum 8. Januar ist die Ausstellung zu sehen.
Glücklich inmitten seiner Werke: der 79-jährige Erró, der als größter isländischer Künstler der Gegenwart gilt. Vom 6. Oktober bis zum 8. Januar ist die Ausstellung zu sehen.
Foto: Alex Kraus

Von Stufe zu Stufe klettert das Auge des Betrachters durch diese überbordende, sinnverwirrende Welt. Ein riesiges, vielfarbiges Panorama von Köpfen, Armen, Beinen, Figuren breitet sich aus, angeordnet in Form eines Labyrinths. Es ist der Kosmos belgischer und französischer Comics, den der Künstler hier zitiert, in einem überlebensgroßen Format. Und Erró scheint selbst staunend vor seinem Werk zu stehen im großen Saal der Kunsthalle Schirn. „Ich habe mir damals zwei Monate gegeben, um es zu vollenden – und ich brauchte anderthalb.“ Danach war er freilich so erschöpft, dass er erst einmal ans Meer floh, um sich zu erholen.

Man mag diesem Mann in der schlichten, unauffälligen Jacke, der mit einem stillen Lächeln zum ersten Mal durch die Schau seiner Bilder geht, kaum glauben, dass er in wenigen Wochen seinen 80. Geburtstag feiert. Wach und mit viel Ironie erzählt Gudmundur Gudmundson, der sich seit 1967 Erró nennt, von Arbeit und Leben. „Ich kenne keine Grenzen, ich bin ein Kosmopolit“, sagt er von sich. Heute gilt er als größter lebender Künstler Islands – obwohl er die Insel im hohen Norden schon im Jahr 1952 verlassen hatte. Über Oslo und Florenz kam er 1958 nach Paris und blieb – jetzt ist es die Buchmesse mit dem Gastland Island, die ihn nach Frankfurt führt.

Andy Warhol empfing ihn mit offenen Armen

Aber er verleugnet seine Wurzeln nie – und die liegen auf Island. „Der einsame Bauernhof, auf dem ich als Jugendlicher lebte, war von Lava umgeben, schwarzer Lava, die alles ausfüllte bis zum Horizont.“ Er dachte an dieses Szenario, als er 1963 seine ersten, schier überquellenden „Over all“-Gemälde schuf, Collagen, die „full up“ sind mit unzähligen Details. Und jetzt hängen diese „Scapes“ an den Wänden der Schirn – da geht es etwa um die „Landschaft“ der Autos oder um die der Raumfahrt. Ein europäisches Gegenbild zur US-amerikanischen Pop-Art, von der er beeinflusst ist wie vom Comic – nicht umsonst zählt Ikone Robert Crumb zu seinen guten Freunden. Als er vorübergehend nach New York zog, empfingen ihn Andy Warhol und Roy Lichtenstein mit offenen Armen.

Aber in der Kunsthalle Schirn zeigt Erró noch eine andere, bisher weitgehend verborgene Seite: Die „Monster-Porträts“, entstanden 1967/68. Er lacht, als er an diese Zeit denkt: „Niemand wollte diese Bilder damals kaufen, niemand wollte sie haben – sie waren einfach zu hart.“

Der isländische Künstler Erró und seine Bilder

Bildergalerie ( 6 Bilder )

Die Idee für die „Monster-Porträts“ entstand, als er mit seiner Freundin, einem US-Model, immer wieder ein Horror-Film-Festival in Paris besuchte: „Wir liebten diese Streifen!“ Und so schuf Erró von den Prominenten der Zeit jeweils ein positives und ein negatives, verzerrtes Konterfei: Fratzen von Sofia Loren, Mao, Winston Churchill, Albert Schweitzer, insgesamt 30 Bilder.

Es machte ihm einfach diebischen Spaß, das offizielle Image der Großen zu konterkarieren – und diese Lust zur Provokation blieb ihm bis heute. „Ich hab’ immer wieder politische Arbeiten gemacht.“ Als US-Präsident George Bush mit den Worten „God bless America“ zum Angriff auf den Irak blies, schuf Erró das sechs mal drei Meter große Tableau „God bless Bagdad“ .

Wieder dieses ironische Lächeln. Zur Wirtschaftskrise, die ab 2008 Island beutelte, findet er eine knappe Formel: „20 junge Gangster haben das Land zerstört“, und das zielt, natürlich, auf „die Bänker“.

Doch sich zu einer Partei zu bekennen, gar zu einer künstlerischen Schule bleibt ihm bis heute zuwider: „Teil einer Bewegung sein: Das wollte und will ich nicht.“ Er ist glücklich, wenn er in Paris zwischen 6 und 7 Uhr aufsteht und in sein Atelier fährt: „In der U-Bahn sehe ich so viele unzufriedene Männer und Frauen, die ihr Leben hassen.“ Er arbeitet noch immer zehn bis zwölf Stunden am Tag, erholt sich in seinem Haus auf Formentera: „Da habe ich Land am Meer gekauft, da male ich die kleinen Formate.“ Er liebt es, im frühen Morgenlicht den Pinsel in die Hand zu nehmen.

Erró hockt im Halbdunkel auf einer Bank inmitten seiner Bilder und ist einfach nur glücklich. „So gut gehängt waren sie noch nie, und auch das Licht stimmt.“ Aus seiner Erinnerung schälen sich Szenen eines ersten Besuchs in Frankfurt, in den 50er Jahren. „Ich wollte unbedingt die Expressionisten sehen, Kirchner und Nolde.“ Und er sah sie, im Städel. Damals war er gerade von der Kunstakademie in Florenz geflohen, „wo die Studenten wie Bänker gekleidet waren“.

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Die Preise für Messebesucher bewegen sich zwischen zehn Euro pro Tageskarte (für Privatbesucher, ermäßigt mit RMV-Ticket) bis zu 40 Euro für Fachbesucher am Kassenverkauf. Für eine nichtermäßigte Tageskarte für Privatbesucher werden 15 Euro fällig.

Autor:  Claus-Jürgen Göpfert
Datum:  5 | 10 | 2011
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