Die erste Isländerin, die ich im Leben kennenlernte, war schon deshalb attraktiv, weil sie von der Insel kam. Sie studierte an der Hochschule der Künste in Berlin, später sollte sie Islands erste ausgebildete Bühnenbildnerin werden, ich widme ihr diesen Beitrag! Ihr Kosename lautete Tota. Ich hatte damals außer ein paar Sagas mit wortkargen Helden, zum Beispiel Thorhall Biermütze, noch nichts Isländisches gelesen, später dann umso mehr, aber nie einen isländischen Roman, in dem eine Tota vorkam. Ich glaube, isländische Romane sind nicht sehr realistisch.
Aber sie sind schräg. Die Ideen sind witzig, die Themen originell, die Helden verrückt. Martin Mosebach sagte uns kürzlich, der unvorhergesehene Erfolg von Süskinds „Parfum“ habe am „Heißhunger des Publikums auf muntere, bunte, phantastische, reiche Erzählwelten“ gelegen. Genau das bieten die Romane von der Insel, in dessen Natur nur bauernschlaue Sonderlinge überleben. Der Finne Antti Tuuri hat einmal gesagt: „Island, Irland und Finnland sind die einzigen Orte auf Erden, wo sich bei den Menschen noch eine Spur jener Ur-Verrücktheit erhalten hat, um deretwillen es sich zu leben lohnt.“
Einar Mar Gudmundsson, einer der besten isländischen Autoren, hat gesagt, der Wahnsinn sei in der Seele seines Volkes verwurzelt, er meinte das sehr existenziell. Das zeigt auch sein Buch „Vorübergehend nicht erreichbar“ (Hanser), in dem er über die eigene Trunksucht schreibt, sie aber mit der Liebesgeschichte eines Junkiepärchens verbindet, das allein hebt sein Buch über andre dieser Art hinaus.
Gelegentlich aber wirkt die Liebe zu ur-verrückten Originalen wie das zwanghafte Festhalten am Alten, die Literatur wird zum Museum. Vielleicht ist das bei einem Land, dessen Sprache zwar alt, das als Land aber noch jung ist – es wurde erst um 900 besiedelt – nicht so erstaunlich. Schriftlich hält man fest, was war, mit der Erinnerung fängt Geschichte an. Als sich Norwegen etwa um 1250 die Insel untertan macht, entstehen die Sagas. Sie berichten von großen Familien und Helden der frühen Zeit und erzählen entsetzliche Sachen in trockenem Ton – man denkt an Monty Pythons Schwarzen Ritter: „Dein Arm ist ab!“ – „Nur eine Fleischwunde.“ Die Tradition lebt bis heute. In Gunnar Gunnarssons neu übersetztem parodistischen Schauerroman „Vikivaki“ (Verbrecher Verlag, Berlin) tritt sogar das Haupt des geköpften Sagahelden Grettir auf und brüllt: „Wo wird gefochten? Wo ist mein Leib?“ Damit beginnt eine bizarre Nacht der lebenden Toten.
Gunnarsson (1889-1975), der sich ursprünglich mit Laxness den Nobelpreis teilen sollte, präsentiert mit seinen Zombies einen Querschnitt isländischer Originale, deren Vorbilder die Sagahelden sind. Die Auswahl „Sagas aus Island“ (Reclam) beschreibt sie so: „Vorfahren, die berserkerhafte Züge tragen, unangepasste Häuptlingssöhne, die ein böses Ende nehmen, sture Bauernsöhne und hochbegabte Dichter“. Exzentrische Helden in exzentrischen Geschichten, daran trägt die dortige Literatur bis heute.
Ein anderer (und zumindest in diesem Falle viel besserer) Altmeister, Thorbergur Thordarson (1888-1974), schildert in seinem autobiographischen Roman „Islands Adel“ (S. Fischer), der im Ton an den frühen Hamsun erinnert, einen charmanten Nichtsnutz und geistreichen Grübler: sich selbst. Er ist ein „lyrischer Dichter“, der prosaischen Hering verarbeiten muss. Heiliges und Profanes gehen hier eine hübsche Verbindung ein, es ist ein nur halb ironischer Roman über den Künstler, der per se exzentrisch sein muss.
Exzentrisch wie Hallgrimur Helgason, bekannt geworden durch seinen Slackerroman „101 Reykjavik“. Er gehört zu jenen Isländern, die in ihren Büchern die eigenen komischen Konflikte mit der Welt verarbeiten: Im Grunde schreiben sie nichts anderes als Stand-up-Comedies. In „Eine Frau bei 1000°“ (Tropen bei Klett Cotta) surft eine 80-jährige Greisin durchs Netz und bereitet sich auf ihre Einäscherung vor, schließlich ist sie eine „lungenrasselnde Dauerinvalidenkrähe“: Ungerührt hätschelt der 52 Jahre alte Helgason seinen ewigen Jugendslang.
Manch ehemals zorniger junger Mann schreibt jetzt historische Romane. Einar Karason, bekannt durch seine Familienburlesken aus verkommenen Vorstädten, behandelt in „Versöhnung und Groll“ (btb) den blutigen Bürgerkrieg des 13. Jahrhunderts. Selbst Sjon, Extexter von Björk, wendet sich der Historie zu, auch bei ihm wurde dieser Trend schon als Griff in die „Mottenkiste des isländischen Erbes“ bezeichnet. Immerhin erinnert sein Roman „Das Gleißen der Nacht“ (S. Fischer) über einen Naturwissenschaftler und Heilkundigen eher an die Werke von Per Olov Enquist, pseudophilosophischer Ballast findet sich darin nicht.
Im Gegensatz zum grotesk überschätzten Jon Kalman Stefansson. Sein Roman „Der Schmerz der Engel“ (Piper) fängt so an: „Jetzt wäre es schön zu schlafen, bis sich die Träume in Himmel verwandeln, in einen stillen Himmel ohne Wind, einzelne Engelsfedern schweben herab, sonst nichts, bis auf die Seligkeit dessen, der nichts weiß von sich selbst.“
Applaus, Stefansson übertrifft Coelho! Leider verstehe ich den Satz nicht. Das erste „Himmel“ muss Plural sein, aber es kommt nur einer, wo sind die andern? Engelsfedern schweben herab, „sonst nichts“. Aber schweben sie auf die genannte Seligkeit oder steht das „bis“ für „außer“, also schwebt da neben den Engelsfedern auch noch eine Seligkeit herab? Und wie kann jemand selig sein, der nichts von sich weiß; es wäre die Seligkeit des Narren. Oder des Ur-Verrückten.
Zwar lebt von der Ur-Verrücktheit der Mythos Island, das ist die Stärke seiner Literatur. Aber auch ihre Schwäche, denn was zu viel ist, ist zu viel: Versetzen uns die Exzentrik und ewige Lustigkeit nicht manchmal in schlechte Lau
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