Island hat die meisten Literaturnobelpreisträger der Welt. Pro Einwohner. Dieser alte Witz, den man früher nach dem zweiten Tuborg auf Partys der Skandinavisten zu hören bekam, funktioniert nicht mehr. Seit Derek Walcott ausgezeichnet wurde, ist der karibische Inselstaat St. Lucia die Nummer eins.
Glaubt man Thórbergur Thórdarson, dann sind die Nordmänner trotzdem famos. Ausnahmslos alle Herren der Schöpfung in seinem Roman „Islands Adel“ schreiben oder deklamieren neben ihrer Arbeit auf den Fischkuttern und in den Heringsfabriken Poeme. Von den Frauen ganz zu schweigen: Sie sind Gedichte.
Halldór Laxness hatte den Isländern und allen anderen bewiesen, dass Weltliteratur auch zwischen Schafen und Geysiren entstehen kann. Für seine epischen Sozialromane erhielt er den Nobelpreis. Etwas anderes schenkte Thórdarson (1888–1974), Gegenspieler von Laxness, seiner verschlafenen Heimat: Tempo, Ironie, Wahnsinn, Widersprüche, Extravaganz. Kurz gesagt, die Moderne. Der im Ausland wenig bekannte Thórdarson ist der innovativste Schriftsteller Islands mindestens seit der Romantik.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Reykjavik gerade einmal 6000 Einwohner. Mit Thórdarson trat nicht nur die isländische Literatur, sondern die gesamte Kultur des Inselstaates in die europäische Moderne ein. Tradition, führte Thórdarson vor Augen, musste nicht mehr nur bewahrt und fortgeschrieben werden, sie war auch ein Kerker, aus dem es lustvoll und mit verrückten Mitteln auszubrechen galt. Paradoxien als ästhetisches Programm durchziehen seine Lyrik und Prosa, alles Hehre oder Heilige, nicht nur in der Religion, ist verdächtig.
Zu einer neuen Epoche
Was die Welt seit Jahren an der isländischen Kultur goutiert: Das Kino der schrägen Außenseiter, die schrille Sängerin und Schauspielerin Björk, Hallgrimur Helgasons Roman „101 Reykjavik“, all dies ist auch eine Spätfolge von Thórdarsons Suche nach einer vieldeutigen, unkonventionellen Sprache jenseits des isländischen Kanons. Sein das Genre der Autobiografie torpedierender „Brief an Laura“ (1924) gilt in der isländischen Literatur als Wendepunkt zu einer neuen Epoche.
Dass nun mit „Islands Adel“ von 1938 endlich ein Roman des Autors auf Deutsch erscheint – vor fünfzig Jahren gab es eine verstümmelte Übersetzung unter dem Titel „Unterwegs zu meiner Geliebten“ –, macht schon allein den Gastauftritt der Isländer in Frankfurt zu einem großen Gewinn.
Thórdarson schreibt so unerbittlich autobiografisch und faktisch (fast alle Figuren sind historisch), dass sein Text um so artifizieller wird: ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten, ironisch-grotesk, scharf gegen Religion und Gesellschaft, aber auch gegen sich selbst. In der skandinavischen Literatur ist diese Radikalität des Zusammenspiels von Illusion und Wirklichkeit, Selbsterkenntnis und Enttäuschung nur mit der von Strindberg und Hamsun vergleichbar.
Nordischer Don Quijote
Der Roman handelt im Jahr 1912. Thórdarson, die Hauptfigur, ist fieberhaft auf der Suche nach seiner geliebten Hulda, die seine erotischen Träume versüßt. Wirklich nahe gekommen ist er ihr bisher aber nicht. Nun hat er sie selbst verlassen, weil das Unglück und die Sehnsucht zu einem echten Dichter dazugehören. So zieht dieser nordische Don Quijote über die kalte Insel, durch Schneestürme, Flüsse durchwatend und über Berge, ohne Ticket mit dem Schiff von Hafen zu Hafen auf der Suche nach Arbeit. In einer Heringsfabrik wird er in gigantische Fischkessel kriechen – das sind Thórdarsons Windmühlen – und schrubben bis zum Umfallen.
Auf seiner Odyssee durch das wilde Island, auf der Jagd nach der Geliebten, einem Job und dem warmen Platz für die Nacht, gelingen Thórdarson kuriose Landschaftsschilderungen. Die Kartierung dieser Wanderungen durch Islands Natur sind eine aberwitzige Parodie auf die Landnahme-Thematik der alten Sagas und die nationalen Topoi der Naturdichter.
Apropos Dichter: Wenn Thórbergur Thórdarsons ganz spezielle Boheme, getarnt als Fischarbeiter und Kesselputzer, abends in ihren Gemeinschaftsunterkünften über Metaphysik, Islands Unabhängigkeit und die Welt philosophiert, wenn sie sich gegenseitig ihre Poeme vorsingt und von Nächten mit ihren Huldas und Ragnas träumt, dann wissen wir: Islands wahrer Adel, das sind seine Dichter.
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