Frankfurter Buchmesse
Die Frankfurter Buchmesse ist das Literatur-Großereignis. Ehrengast ist Brasilien.

09. Oktober 2012

Joachim Unseld: Bücher sind zu billig

Verleger Joachim Unseld. Foto: Alex Kraus

Ein Gespräch mit dem Verleger Joachim Unseld über Samuel Beckett, die Frankfurter Verlagsanstalt und übers Übersetzen.

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Die Frankfurter Verlagsanstalt feiert dieses Jahr ihren 25. Geburtstag. Seit dem Januar 1987 hat der Verlag etwa 250 Titel veröffentlicht. Bücher von Alfred Andersch bis Leonard Woolf. Seit 1994 gehört die Frankfurter Verlagsanstalt Joachim Unseld, dem 1953 in Frankfurt am Main geborenen Sohn von Siegfried Unseld, dem Chef des Suhrkamp-Verlages. Wir sprachen mit ihm im Kaminzimmer des Berliner Literaturhauses.

Sie kommen gerade aus Paris?

Ich war bei einem 78-Jährigen Mann, der sein Leben in Dunkelkammern verbrachte. Die ganze Zeit seiner Berufstätigkeit machte Voja Mitrovic Abzüge. Er ist ein Meister in dieser gerade aussterbenden Kunst. Er hat zum Beispiel alle Abzüge der Fotografien von Cartier-Bresson gemacht.

Jetzt macht er mir Abzüge der Fotos, die ich vor Jahrzehnten von Autoren und Autorinnen gemacht habe. 40 mal 50 Zentimeter. Sechzig habe ich schon. Aufnahmen von Samuel Beckett, Max Frisch, Thomas Bernhard.

Das soll ein Buch geben nächstes Jahr zu Ihrem Sechzigsten?

Nein! So etwas gehört erst einmal in eine Ausstellung. Es sind großartige Fotos dabei.

Und warum nicht als Buch?

Als Buch stelle ich mir eher etwas Kleines zum Blättern vor. Sehr viele Fotos, keine Texte. Es sind Aufnahmen, die ich machte, wenn ich mit meinem Vater unterwegs war, um Autoren zu besuchen Peter Huchel zum Beispiel oder Ingeborg Bachmann. Oft sieht man meinen Vater mit dem Autor, dann habe ich auch die Autoren fotografiert in allen möglichen Situationen und es gibt Porträts. Wenn man so etwas nicht macht, wenn man Lust und Gelegenheit hat, dann macht man es nie. Das wäre dann alles verloren. Es wäre schade.

Sie sind nicht nur Verleger und – wie ich gerade gelernt habe – Fotograf, sondern auch Übersetzer. Wie ist das mit Jean-Philippe Toussaint?

Toussaint ist der herausragende Schriftsteller für Menschen, die schon alles gelesen haben. Die sind dann ganz überrascht, dass es einen Stil gibt, dass es Aussagen gibt, die sie noch nie gelesen haben. Toussaint setzt sehr viel voraus.

Er ist aber doch kein schwieriger Autor?

Er hat eine Handlung. Er hat eine Emotion. Die trägt die Handlung wie in einem Film. Dazu kommt aber bei ihm das Palimpsest. Unter dem, das sie sehen, gibt es noch etwas und darunter noch etwas und darunter. Je tiefer man geht, auf desto mehr stößt man. Es hört nie auf. Auf der Oberfläche ist er ganz einfach. Aber darunter spielt er mit Philosophie, mit Kunst, mit allem. Der Übersetzer muss so einen Text aus einander brechen und ihn auf der anderen Seite des Flusses wieder neu zusammengesetzt vorlegen.

Niemand kennt ein Buch so genau wie ein Übersetzer…

Ja. Als ich zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung seinen Roman „Das Badezimmer“ neu übersetzte, fiel mir auf, wie sehr er sich auf Musil bezog. Kein Kritiker hatte das bemerkt. Ich fragte Toussaint. „Hast Du es gemerkt!“ rief er. Er hatte sich schon gewundert. „Das Badezimmer“ basiert natürlich auf dem Satz von Pascal: „Alles Unglück der Welt kommt daher, dass man nicht versteht, ruhig in seinem Zimmer zu sein.“

Das war die Ausgangsidee. Dazu kam der „Mann ohne Eigenschaften“, den er im „Badezimmer“ paraphrasiert, freilich, wie er sagt, „ohne Musils Geschwätzigkeit“. Niemand sah das. Erst sein Übersetzer. Dabei sind die Anspielungen Winke mit manchmal sehr dicken Zaunpfählen. So heißt zum Beispiel ein großartige Reden haltender österreichischer Botschafter im „Badezimmer“ Eigenschaften. Selbst das ist Niemandem aufgefallen.

Wie finden Sie die Zeit zum Übersetzen?

Ich bin schnell. Die gerade erschienene Essaysammlung „Die Dringlichkeit und die Geduld“, 140 Seiten, habe ich Ostern übersetzt. Ich sitze bei der Arbeit vor zwei Computern. In den einen schreibe ich hinein. Mit dem anderen schlage ich nach. Dann geht es ab: zwölf Stunden am Tag. Nach vier Tagen ist so ein kleines Buch übersetzt. Es gibt dann noch ein paar kniffelige Stellen. Ich rufe Toussaint an, und so kriegen wir das ziemlich schnell hin. Für einen Roman brauche ich etwa zwei, drei Wochen. Das mache ich dann über Weihnachten. Das Buch, die Computer, nichts sonst. Man ist allein, kein Telefon. Ab und zu eine Tasse Kaffee. Zwölf Stunden am Tag eintauchen in ein anderes Leben. Das ist Erholung.

Was lieben sie an Toussaint?

Die ironische Leichtigkeit, mit der er die schwersten Sachen bewegt. Er jongliert mit den großen Stoffen der Literatur. Es ist ein hochartistischer Seiltanz. Gleichzeitig ist es voller Ernst. Das gibt es so nur bei ihm.

Was mochte Beckett an Toussaint?

Wie gesagt: Toussaint ist ein Autor für Menschen, die viel gelesen haben.

Was mochte Beckett an Ihnen?

Als wir uns das erste Mal sahen, war ich ein Kind, acht Jahre alt und er war sozusagen mein Retter. Mein Vater traf zum ersten Mal Samuel Beckett. In Paris, in Montparnasse, in der Closerie des Lilas. Meine Eltern aßen mit ihm zu Mittag. Der Sohn passte da nicht dazu, fanden sie. Ich musste also die ganze Zeit im Auto sitzen und warten. Im Juli in einem schwarzen VW-Käfer! Beckett bekam das mit und holte mich aus dem heißen Auto und spendierte mir ein Eis. So etwas verbindet. Autoren sind Künstler. Man sollte sie nach ihren Texten beurteilen. Beckett aber muss ich auch menschlich beurteilen. Er war auch da herausragend. Er war, stellen Sie sich das vor, ein Autor, der mich fragte, wie es mir geht!

Sie sind aufgewachsen mit den großen Autoren der Nachkriegszeit….

Ohne Böll, ohne Lenz, ohne Grass. Mein Zugang zur Gegenwartsliteratur war alles andere als normal. Ich lernte die Autoren vor ihren Büchern kennen. Ich hatte zum Beispiel noch nichts von Nelly Sachs gelesen, als sie uns besuchte. Ich machte ein Foto von ihr. Als bekannt wurde, dass sie den Literaturnobelpreis bekommen sollte, gab es praktisch keine Aufnahmen von ihr. So konnte ich meine an den Stern verkaufen. Ich war dreizehn Jahre alt. Ich lernte schnell zu unterscheiden zwischen dem Autor und dem Buch. Ich habe – vielleicht gerade darum – ein sehr professionelles Verhältnis zum Text. Ich sehe, was in ihm ist. Ich lasse mich vom Autor und dem, was ich über ihn weiß, nicht ablenken.

Wenn Toussaint ein Ekel wäre, würden Sie ihn auch übersetzen und verlegen?

Was wäre wenn? Das ist eine spekulative Frage. Da kann ich nicht darauf antworten. Ich mag Toussaint, weil er etwas Neues bringt. Das ist es doch, wozu wir Literatur brauchen. Warum sollte ich Bücher verlegen, wenn sie nur wiederholten, was es schon gibt? Als Leser bin ich auf der Suche nach dem Proust von heute. Auch als Verleger suche ich den Autor, der unsere Zeit so erfassen kann wie Proust das mit seiner getan hat.

Sehen Sie da jemanden?

Einer ist sicher Rainald Goetz. Leider bin ich nicht mehr in seinem Verlag. Der könnte das. Der ist hochspannend, ganz nahe dran. Ernst-Wilhelm Händler ist auch so ein Autor, der größere Gegenwartsanalysen macht.

Der erscheint in der Frankfurter Verlagsanstalt. Haben Sie Manuskripte abgelehnt, die sie besser hätten annehmen sollen?

In den achtzehn Jahren, die ich jetzt die Frankfurter Verlagsanstalt leite, habe ich zwei Fehler gemacht: die Ablehnung des Regenromans von Karen Duve, der mir allerdings nur in einer Vorfassung vorlag. Das war sicher falsch. Der andere Fall ist der von Clemens Meyer. Den hatte mir ein Galerist aus Leipzig empfohlen. Ich ließ mir ein Manuskript schicken, las es, fand es gut, aber noch nicht wirklich etwas und habe es dann einfach vergessen. Irgendwann war es bei Fischer. Da habe ich versagt. Clemens Meyer ist wirklich gut.

Sie entdecken gerne?

Das ist meine verlegerische Lust. Im Jahr erreichen uns mehr als eintausend unverlangt eingesandte Manuskripte. Die werden alle gelesen. Nicht von Praktikanten. Sondern von mir. Da ist immer mal wieder etwas dabei. Marion Poschmann habe ich auf diese Weise kennen gelernt. „Baden bei Gewitter“ haben wir das Buch dann genannt. Das war vor zehn Jahren. Jetzt ist sie eine sehr angesehene Autorin. Auch Zoe Jenny schickte uns unverlangt ein Manuskript. Sie war damals gerade mal 21 Jahre alt. Ihr Roman „Blütenstaubzimmer“, der 1997 erschien, war übrigens der größte Verkaufserfolg des Verlages: mehr als 500.000 Exemplare, in 27 Sprachen übersetzt. Ein unverlangt eingesandtes Manuskript!

Wenn wir das drucken, bekommen sie noch einmal so viel Manuskripte.

Gut!
Sie haben gerade das zwölfte Buch von Bodo Kirchhoff veröffentlicht: Liebe in groben Zügen, 670 Seiten, ein Brocken.

Ich habe das im Suhrkamp Verlag gelernt. Man glaubt an den Autor, man setzt ihn durch. Die ersten drei Bücher eines Autors verkaufen sich nur in den allerseltensten Fällen. Sie müssen schon überzeugt sein von ihm, um über diese ersten Hürden zu kommen. Sie können das nur machen, wenn der Autor auch dann noch beim Verlag bleibt, wenn er Erfolg hat. Das ist schwierig bei einem so kleinen Verlag wie der Frankfurter Verlagsanstalt, die ja, was die Größe angeht, Pardon, nur zweite Liga ist. Autoren denken, sie könnten in einem größeren Verlag einen besseren Vertrieb bekommen und also mehr verkaufen. Das stimmt oft. Aber eben meist nicht bei literarischen Titeln.

Erklären Sie uns das.

Wenn Sie Dan Brown haben, brauchen sie zehn Leute im Vertrieb, die die Buchhändler anrufen und heiß machen. Da funktioniert das. Thalia verkauft 50 Prozent der Dan Brown Auflage, bei einem Marktanteil von 18 Prozent am Buchhandel. Das macht einem klar, womit man es hier zu tun hat. Literarische Titel gehen ganz andere Wege. Da spielt das Feuilleton eine Rolle, und die Empfehlungen von Freunden. Die Stapel in den Eingängen einer Buchhandlung sind nicht gefragt. Also würde sich ein massiver Einsatz gar nicht lohnen. Was für einen literarischen Titel zu tun ist, das kann auch ein kleiner Verlag. Das ist nicht die Behauptung eines Verlegers, der an seinen Autoren hängt. Das sind die Erfahrungen der Buchhaltung. Nehmen Sie Zoe Jenny, die jetzt wieder bei uns ist. Ihr zweiter Roman verkaufte bei uns noch 40.000 Exemplare, ihr dritter bei Aufbau nur noch 15.000. Von Christoph Peters „Stadt, Land, Fluss“ verkaufte ich 40.000 Exemplare. Danach war es weiß Gott nicht besser. Als kleiner Verlag können Sie sich besser einsetzen für den einzelnen Autor, für den sie sich entschieden haben. Darum bin ich so klein geblieben. Das ist das, was mich an meinem Beruf interessiert.

Es wäre schrecklich, wenn die Frankfurter Verlagsanstalt groß würde?

Ich hätte nach meinem Ausscheiden aus dem Suhrkamp Verlag auch die Leitung eines großen Verlages übernehmen können, aber ich habe mich anders entschieden. Ich habe auch nicht die Mittel, einen Großverlag zu machen. Ich gehöre hundert Prozent mir selbst und kann machen, was ich will. Das ist ein Stück Lebensqualität.

Sie haben irgendwo einen Stapel Geld liegen und davon geht immer mal wieder was ab in den Verlag und manchmal kommt auch etwas aus dem Verlag auf den Stapel?

Stapel ist ein großes Wort. Es sieht so aus, als langte es für meine Altersvorsorge und als könnte ich das Studium meiner Kinder finanzieren. Die finanzielle Situation eines literarischen Verlages ist nicht gerade grandios. Wir sind froh, wenn wir Null auf Null herauskommen.

Die Frankfurter Verlagsanstalt ist 25.

1987 wurde die Firma ins Handelsregister eingetragen. Es hatte schon 1920 eine Frankfurter Verlagsanstalt gegeben. Dann gründeten 1951 Alfred Andersch und Eugen Kogon wieder eine Frankfurter Verlagsanstalt. Hier erschienen die Frankfurter Hefte, eine der wichtigsten Zeitschriften der frühen Bundesrepublik, Ingeborg Bachmanns erstes Buch „Die gestundete Zeit“, auch Bücher von Heinrich Böll, Arno Schmidt und Wolfgang Hildesheimer. Der Verlag musste schließen. Am 30. Januar 1987 gründeten dann Klaus und Ida Schöffling noch einmal eine Frankfurter Verlagsanstalt.1991 kam es zu einem Eklat mit dem Finanzier Henner Löffler. Der entmachtete Schöffling. Die Autoren verabschiedeten sich daraufhin vom Verlag. Löffler verkaufte die Frankfurter Verlagsanstalt an Haffmans. Der machte aber nichts draus. Da meldete ich mich und kaufte am 1. Oktober 1994 das, was von der Frankfurter Verlagsanstalt übrig geblieben war: den Namen. Ich baute den Verlag wieder auf.

Sagen Sie etwas zu ihrem Verhältnis zu Bodo Kirchhoff.

Wir haben uns 1979 kennen gelernt. Seit damals sind wir befreundet. Ich kümmerte mich auch schon im Suhrkamp Verlag um seine Sachen. Bodo Kirchhoff erklärte dann meinem Vater, er wolle lieber zu mir in den Verlag kommen.

Was gefällt Ihnen an Bodo Kirchhoff?

Es gibt keine Zeile dieses Autors, die nicht meinem Innersten etwas zu sagen hätte. Das klingt pathetisch. Ist es auch, aber so ist es mit mir und Bodo Kirchhoff. Er ist schonungslos ehrlich. Das berührt mich. Er geht radikal ins Innere des Menschen. Viele wollen genau dort nicht hin. Sie wollen nicht unter ihre Schutzschicht. Die lehnen Bodo Kirchhoff ab. Er geht ihnen zu tief rein. Kirchhoff ist hoch gebildet, hat Einiges erlebt. Gleichzeitig ist er an der Oberfläche ein brillanter Stilist. Wie sollte ich nicht begeistert sein von seinen Texten?

Sie ertragen das Zerschlagen der Schutzschicht?

Ich will das. Dafür lese ich.

Es heißt immer nur schlecht lektoriert. Das ist aber gut lektoriert, habe ich noch nie gelesen. Je besser Sie lektorieren, desto weniger sieht man Sie.

Es gibt da eine Symbiose. Eine notwendige Symbiose, glaube ich. Wir leben in einer Zeit, in der das Lektorat überflüssig scheint. Der Autor liefert mit seinem Computer ein fast druckfertiges Manuskript ab. Oder aber, er kann an allen kontrollierenden Instanzen vorbei seinen Text direkt ins Netz stellen. Qualität aber braucht Türhüter. Der Verlag ist ein solcher Türhüter. Von den tausend angebotenen Manuskripten veröffentlichen wir im Jahr nur zwischen acht und fünfzehn Bücher. Diese Auswahl ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Nicht nur für uns, sondern auch für die Gesellschaft, die Leser. Wir sind Filter. Filter sind notwendig. Wir vergessen das angesichts der digitalen Revolution.

Sie ließen vor ein paar Jahren die Umschläge von Künstlern gestalten.

Es war eine Reaktion auf die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre. Buchumschläge waren immer mehr zu Verpackungen geworden. Statt eine Äußerung des Inneren zu sein, sind sie reine Verkaufssache. Die Marketingabteilung entscheidet darüber, wie der Umschlag auszusehen hat. In der Regel hat der Autor keinen Einfluss mehr darauf. Daher kann man nicht mehr sagen, von welchem Verlag ein Buch kommt. Alles wird ähnlicher. Jeder Umschlag soll jeden ansprechen. Dagegen habe ich dann die Künstler-Umschläge gesetzt: Karin Kneffel, Thomas Ruff, Jonathan Meese, Neo Rauch.

Hat sich das ausgewirkt?

Meine Vertreter haben gestreikt. Die Hälfte hat mir gekündigt. Der Buchhandel war massiv dagegen. In deren Augen war das eine erklärungsbedürftige, schwer zu verkaufende Ware. Verkauft haben die Titel sich dann doch. Nicht mehr aber auch nicht weniger als andere Titel.

Für den Verkauf spielte die An- oder Abwesenheit der Vertreter keine Rolle?

Bei dem Konflikt ging es um einen stillschweigenden Konsens zwischen dem Vertrieb des Verlages und den Einkäufern des Buchhandels. Der wurde durch die Umschläge der Künstler gestört. Das wird zurzeit zum Glück aufgebrochen. Judith Schalansky macht da mit „Atlas der abgelegenen Inseln“ und „Der Hals der Giraffe“ eine sehr verdienstvolle Arbeit. Bücher müssen wieder schöner, wertvoller werden.

Das ist der einzige Weg, die Leute dazu zu bringen, Bücher statt Texte zu kaufen.

Lassen Sie mich grundsätzlich werden: Wir sind Verlierer der Euro-Umstellung. Als ich 1990 im Suhrkamp-Verlag „Infanta“ von Bodo Kirchhoff, 550 Seiten, machte, kostete der Band 39,80 DM. Als ich den Roman dann vor ein paar Jahren in der Frankfurter Verlagsanstalt wieder als Hardcover herausbrachte, erklärten mir meine Vertreter: Das darf nicht teurer als 19,90 Euro sein. Dazwischen liegen zwanzig Jahre, trotz Preissteigerungen und Inflation ist der Preis praktisch derselbe. So geht das nicht. Das Hardcover-Buch müsste heute 39 Euro kosten. Wenn es das dürfte, wäre es auch schöner, wertvoller: Leinen, fadengeheftet, Lesebändchen. Da wäre alles möglich. Stattdessen sind die Bücher billig, werden billig gemacht und sehen billig aus.

Was kosten die 670 Seiten „Die Liebe in groben Zügen“ von Bodo Kirchhoff?

Ich bin kein Billigheimer: 28 Euro für einen großen Roman.

Was kostet er sie?

An Lebenszeit, an Kraft, an Energie? Die Vollkostenrechnung wollen sie gar nicht wissen. Ich muss Gehälter bezahlen, Miete, Feuilletonisten überzeugen, Interviews wie dieses durchstehen, usw. Die Druckereien wurden so optimiert, dass man den Preis der Bücher in den letzten Jahren halten konnte. Die Zukunft wird anders aussehen.

Sie werden auch in fünf Jahren noch den Verlag mehr oder weniger so machen wie heute?

Die digitale Welt dürfen wir nicht unterschätzen. Das ist kein Strukturwandel. Das ist ein Strukturbruch. Auf einen Strukturwandel kann man sich einstellen. Auf einen Strukturbruch müssen neue Geschäftsmodelle folgen. Wir müssen völlig neu denken: urheberrechtlich, produktionstechnisch, vertriebstechnisch. Seit Gutenberg hatte sich fünfhundert Jahre lang im Prinzip nichts geändert. Die analoge Welt sehen wir, aber sie liegt hinter uns. Die digitale, vor uns liegende Welt sehen wir nicht. Wir müssen lernen digital zu ticken.

Mit Joachim Unseld sprach Arno Widmann

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