Genau 47 Jahre und 25 Tage lang war Joyce Carol Oates verheiratet. In dieser Zeit waren Oates und ihr Mann Raymond Smith kaum einmal ein paar Tage getrennt; es geschah nur, wenn die berühmte Schriftstellerin andernorts einen Vortrag, eine Lesung, eine Ehrung hatte, und Smith – Ray – sie nicht begleiten konnte. Nach der Veranstaltung telefonierte man miteinander. Immer. Dann kam der Tag, an dem Ray vor Tagesanbruch am Tisch sitzt und zugibt, ja, es geht ihm nicht gut. „Ganz nüchtern teilt er mir die Symptome mit“, wird später seine Frau schreiben, als sie längst Witwe geworden ist. „Der Mann reicht also die Frage, was von derlei zu halten ist, falls überhaupt etwas daran ist, an die Frau weiter.“
Joyce Carol Oates entscheidet: Sie fahren ins Krankenhaus, sofort. Sie beruhigt sich: immerhin scheint ihr Mann nicht damit zu rechnen, über Nacht bleiben zu müssen, er packt nichts ein. Später wird sie sich – vermutlich noch viel, viel öfter, als in ihrem Buch nun davon die Rede ist – Vorwürfe machen, dass sie das Falsche getan hat, dass sie mit ihm zu einem Arzt oder in ein anderes, besseres, größeres Krankenhaus hätte fahren sollen.
Dieses Später wird schon bald beginnen: Wenn Ray Smith, der mit einer Lungenentzündung in die Klinik kommt, an einer Zweitinfektion, die er sich ebendort holt, stirbt. Gerade hat man seiner Frau gesagt, er sei auf dem Weg der Besserung. Gerade hat sie, nach Tagen und Nächten des Wachens an seinem Bett, zu Hause Schlaf gefunden. Da klingelt das Telefon. Als Oates in ihrem anderen, so wichtigen Mrs.-Smith-Leben ins Krankenhaus kommt, ist Ray schon tot.
Bis dahin hatte die Schriftstellerin Joyce Carol Oates, Dauerkandidatin für den Nobelpreis, Arbeit und Privatleben streng getrennt. So streng, wie man in ihrem dem Andenken Raymond Smiths gewidmeten Buch staunend erfährt, dass der Lektor- und Herausgeber-Ehemann die allermeisten ihrer Kurzgeschichten und Romane gar nicht las; dass sie, umgekehrt, einen frühen, nie vollendeten Roman von ihm nicht las – er sie auch nicht darum bat.
Die „Geschichte einer Witwe“, so der englische Titel, ist also einerseits für die bis dahin immens diskrete Joyce Carol Oates ein Lebensbruch, eine Entblößung geradezu, die aus ungeheurem Seelenschmerz entstanden sein muss – und aus dem Gefühl, den schweren Block der Trauer nur je wieder anheben zu können, indem man das tut, was man im Leben am besten kann: schreiben.
Joyce Carol Oates: Meine Zeit der Trauer. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011. 704 Seiten, 24,95 Euro.
Oates thematisiert allerdings an keiner Stelle, wann und warum sie angefangen hat, „A Widow’s Story“ zu schreiben. Sie thematisiert nicht, dass das Schreiben sie womöglich geheilt hat – vielleicht versteht sich das in ihren Augen von selbst. Dafür ist dieses Buch – das man auch eine Autobiografie nennen könnte, die sich auf einen ganz bestimmten Lebensabschnitt bezieht – ein minuziöser Rechenschaftsbericht über die physische und psychische Auflösung einer Trauernden. „Leide ruhig, Joyce. Ray war es wert“, schreibt eine Freundin. Und Joyce Carol Oates leidet.
Sie beschreibt, wie ihre Sehkraft plötzlich nachlässt, wie am Rand ihres Gesichtsfelds etwas auftaucht, das Schuppen zu haben scheint. Sie nennt es Basilisk. Sie beschreibt, wie sie nicht schlafen kann und Schlaftabletten, dann ein Antidepressivum nimmt. Wie sie Angst hat, ans Telefon zu gehen, Angst, an der Supermarktkasse zusammenzubrechen, sollte der nette Kassierer (ein Witwer!) sich nach dem Verbleib von Ray erkundigen, Angst, abhängig zu werden von Schlafmittel und Antidepressivum. Sie beschreibt, wie jedes Treffen mit Freunden, ein potenzielles Minenfeld ist, denn weiß sie, ob nicht das Gespräch auf etwas kommen wird, was sie in Tränen ausbrechen lässt? Und schließlich, wie sie Gürtelrose bekommt, schmerzende, juckende, nässende rote Streifen, als habe sie jemand ausgepeitscht.
Sie beschreibt aber auch, wie sie irgendwann in der Lage ist, einfach zu sagen: Mein Mann ist gestorben. Wie sie eines Tages, oder besser: eines Nachts, wieder acht Stunden schlafen kann. Wie sich schließlich, ein halbes Jahr nach Rays Tod, bei einem Essen ein Mann neben sie setzt: „Und ich konnte nicht ahnen, dass sich mein Leben zum zweiten Mal, ganz zufällig, wie es vor Jahren in Madison auch bloßer Zufall gewesen war, als Ray sich neben mich gesetzt hatte, verändern würde.“ Inzwischen ist Oates wieder verheiratet.
Aber es wäre nicht richtig, diese Besprechung mit dem Happy End enden zu lassen, denn es macht den winzigsten Teil des Buches aus.
Davor steht das ausführliche Nachdenken darüber, ob sie Ray jemals wirklich kannte. Ob man seinen Ehepartner überhaupt jemals wirklich kennen kann. Sie liest endlich, mit Qualen, seinen unvollendeten Roman, findet darin einen Helden, Paul, der Priester ist (Ray wollte mal Priester werden), und eine junge Dichterin, die sich umbringt, weil er sie zurückweist. Sie fragt sich, etwas befremdet, wem diese Dichterin nachempfunden ist. Jetzt, in dieser „Zeit der Trauer“ scheint Joyce Carol Oates tatsächlich Tag um Tag und Woche um Woche am Rand des Selbstmords zu stehen – obwohl sie ihn fast nur in Form einer Verneinung nennt: Nein, ich denke nicht wirklich daran, mich umzubringen, nein, so weit bin ich (noch?) nicht. Es ist das Verdienst ihrer Freunde, versichert sie schließlich, dass sie überlebt hat. Und dass die allerletzten Zeilen des Buches lauten können: „Ich lebe noch.“
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