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KZ-Überlebender: Stolz, ein Deutscher zu sein

Gert Schramm überlebte einst das KZ Buchenwald, dort war er der einzige Schwarze. Nun hat er seine Geschichte aufgeschrieben.

„Ich bin hier geboren, das ist meine Heimat, und ich bleibe hier“, sagt  Gert Schramm.
„Ich bin hier geboren, das ist meine Heimat, und ich bleibe hier“, sagt Gert Schramm.
Foto: dpa

Na ja“, sagt Gert Schramm, wenn er von früher erzählt. „Na ja, so war das gewesen“, und dann macht seine Stimme einen Punkt. Gert Schramm nimmt sich die Worte, die er braucht, um sein Leben zu erzählen – mal ist es nur ein Ja, mal ein Nein und häufig ein Na ja, dessen verwunderter Singsang die thüringischen Wurzeln verrät. Dazwischen liegt das Leben eines Mannes, dem sein Land einst die KZ-Häftlingsnummer 49489 in die Haut brannte. Vor zwei Jahren hat der heute 82-Jährige sich daran gemacht, seine Geschichte aufzuschreiben; nun liegt sie vor ihm, auf 267 Seiten gedruckt. Er signiert das Buch mit leise zitternder Hand.

Gert Schramm, 1928 als Sohn eines Amerikaners und einer Deutschen in Erfurt geboren, ist schwarz und deutsch. Man muss das erwähnen, weil Gert Schramm aufwuchs in einem Land, in dem sich noch heute mancher schwer tut, Schwarzsein und Deutschsein zusammen zu denken. Als ihm vor einigen Jahren mal ein Rechter zurief, er sei stolz, ein Deutscher zu sein, da hat Gert Schramm zurück gebrüllt: „Ich auch, du Rindvieh!“

Zur Person

Gert Schramm wurde 1928 als Kind der Schneiderstochter Marianne Schramm und des US-Ingenieurs Jack Brankson in Erfurt geboren. 1943 wurde er verhaftet, später nach Buchenwald deportiert. Die Spur des Vaters, der 1943 nach Thüringen zurückkehrte und den Nazis in die Hände fiel, verlor sich kurz darauf auf dem Weg nach Auschwitz.

Nach dem Krieg arbeitete Schramm als Dolmetscher für die sowjetische Militäradministration, später als Bergmann in Frankreich, im Erzgebirge und in Essen. In den 60ern kehrte er in die DDR zurück, arbeitete dort in Transport- und Baubetrieben und machte sich vor der Wende als Taxi-Unternehmer selbstständig.

Als Mitglied des Häftlingsbeirates der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald-Dora erzählt Schramm regelmäßig als Zeitzeuge. Er hat vier Kinder, viele Enkel und Urenkel. Er lebt in Eberswalde.

Sein Buch „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland“ ist im Aufbau Verlag Berlin erschienen, 267 Seiten, 19,95 Euro. (msa)

Er lacht bei Anekdoten wie dieser ein Lachen, das sich kehlig durch die Sätze schüttelt. Doch Rassismus und Rechtsextremismus nach der Wende sind für ihn nicht nur eine skurrile Anekdote, sondern auch Grund, aus seinem Leben zu erzählen. Nicht weit von seinem Haus im brandenburgischen Eberswalde entfernt wurde in der Nacht zu Schramms 62. Geburtstag am 25. November 1990 der Angolaner Amadeu Antonio Kiowa von Rassisten zu Tode geprügelt. Gert Schramm sagt zwar, dass er in Eberswalde keine Angst habe. Aber er sagt auch, er wisse, dass es „nur eine kurze Zeitspanne“ ist, die einen Menschen zum Verbrecher werden lässt.

„Gefahr für Volk und Staat“

In sein eigenes Leben brach das Grauen plötzlich ein – „aus einem wohl behüteten Leben bin ich auf einmal in die Misere gekommen“. Schramm war 14 Jahre alt und hatte gerade in einer Kfz-Schlosserei in Langensalza angeheuert, als ihn am 6. Mai 1943 die Politische Polizei verhaftete. Mehr als ein Jahr verbrachte er in Gestapo-Gefängnissen, ehe er im Juli 1944 seinen „Schutzhaftbefehl“ unterzeichnete. Nach dem „Reichsrassegesetz“ sei er eine „Gefahr für Volk und Staat“ stand darin. So brachte man ihn nach Buchenwald, und Gert Schramm sah täglich Menschen sterben, erschöpft von der Arbeit im Steinbruch, erschossen von der SS. Dass er überlebt habe, sagt Schramm, verdanke er „den Kommunisten“. Älteren Häftlingen, die den Jungen zur leichteren Arbeit in die Gerätekammer versetzten und ihn vor den Blicken der SS abschirmten.

Er sei, sagt Schramm, der einzige Schwarze in Buchenwald gewesen. Der einzige in Deutschland war er nicht. Forschungsarbeiten schätzen die Zahl Schwarzer im Dritten Reich auf bis zu 3000, die meisten entstammten Familien aus den früheren deutschen Kolonien oder waren Kinder der Besatzungssoldaten nach dem Ersten Weltkrieg. Bis 1937 wurden rund 400 Zwangssterilisierungen dieser als „Rheinland-Bastarde“ geschmähten Afrodeutschen aktenkundig. Einige Schwarze, wie die spätere Schlagersängerin Marie Nejar („Leila Negra“) wurden als exotische „Buschvolk“-Statisten in UFA-Filmen geduldet oder überlebten wie der Bestseller-Autor Hans-Jürgen Massaquoi im Schutz ihrer Familien. Andere wurden wie Gert Schramm ins KZ deportiert – wie viele von ihnen starben, ist unbekannt.

Vier Kinder großgezogen

Gert Schramm hat sich nie danach gesehnt, Teil einer schwarzen Gemeinschaft zu sein. Dass sich in den 80er Jahren Menschen in Westdeutschland zur Initiative Schwarze Deutsche zusammenschlossen, kommentiert er mit einem Achselzucken: „In der DDR gab es so etwas nicht.“ Auch in die USA, die Heimat seines Vaters, habe es ihn nie gezogen. Er antwortet mit einem dreifachen Nein auf die Frage, ob er nie überlegt habe auszuwandern aus diesem Land, das ihn fast ermordet hätte und das ihn auch nach dem Krieg noch in Jugendamts-Schreiben einen „Negerbastard“ schimpfte. „Ich bin hier geboren, das ist meine Heimat und ich bleibe hier“, sagt er. „Mir jenügt dit, wenn ich mich ins Auto setze und fahr mal nach’m Schwarzwald.“

Einmal aber wäre Amerika fast zu ihm gekommen. Als Barack Obama 2009 die Gedenkstätte Buchenwald besuchte, hätte Gert Schramm dem US-Präsidenten gerne die Hand geschüttelt. Doch der Präsident hatte es eilig und fuhr früher als geplant weiter, um verletzte US-Soldaten zu besuchen. Das Treffen mit Gert Schramm entfiel. „Na ja“, sagt Gert Schramm. „Na ja.“

Der 82-Jährige hat ein Leben nach Buchenwald geführt, hat in Ost-, West- und Gesamtdeutschland geschuftet in Bergwerken und im Transportwesen, hat vier Kinder großgezogen, ist Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr und marschiert mit dem Schützenverein durch Eberswalde. Wenn man Gert Schramm heute fragt, ob er sich akzeptiert fühlt in Deutschland, dann sagt er nicht Nein und auch nicht Na ja. Gert Schramm sagt dreimal: Ja.

Autor:  Marie-Sophie Adeoso
Datum:  1 | 4 | 2011
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