Der Titel zielt vage ins Ratgeber-Regal. Doch keine Angst, der amerikanische Autor Michael Chabon („Die Geheimnisse von Pittsburgh“) gibt seinen Scharfsinn nicht an der Garderobe ab, um dann im Holzfällerhemd über kernige Outdoor-Machos zu schreiben.
Nein, der Romancier blickt essayistisch-anekdotisch auf „Ein Leben als Ehemann, Vater und Sohn“. „Ein Vater ist jemand, der jeden Tag versagt“, stellt er selbstkritisch fest und erinnert sich an die gefürchtete Frage, ob Daddy denn jemals Marihuana genossen habe. Mühsam unterdrückt er die nahe liegende Antwort „tausend Mal“ und meint diplomatisch:„Ich habe es öfter mal geraucht.“
Natürlich möchte er für seine vier Kinder nicht jener „fremde Planet“ sein, den sein Vater für ihn war. Doch wie stellt man das elterliche Sorgenradar zwischen übertriebener Vorsicht und labbriger Liberalität richtig ein? Chabon (48) sieht die Wildnis der Kindheit dramatisch schrumpfen – kein Herumtollen auf unbebauten Grundstücken mehr, stattdessen werden die Kleinen schon fürs Fahrradfahren martialisch gerüstet. Womöglich auch deshalb, weil Kinder heute zum Fetisch der Erwachsenen werden, „Kultobjekte, zu wertvoll, um aufs Spiel gesetzt zu werden“.
Ironisch liest Chabon der Gegenwart die Leviten, geißelt die „Schreckensherrschaft der Coolness“ und bedauert, dass die einst skandinavisch-abstrakten Legosteine heute als peinliche Imitate der Realität jede Vorstellungskraft lähmen.
Noch stärker freilich wirkt seine pointenblitzende Prosa, wenn er sich bloß erinnert: An die Wonnen jenes Schrotts, den er in Gestalt von Comics und Billigfilmen verschlungen und durch poetische Alchemie in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“ verwandelt hat.
Irgendwann kommt sie natürlich, die Frage, was den Mann denn zum Mann macht. Etwa die stundenlange Montage des Handtuchhalters, dessen Haltbarkeit dann eher fraglich erscheint? Oder die Tatsache, dass man die Familie kurzentschlossen im nächtlichen Schneechaos in den Geländewagen packt und nach Hause chauffiert?
Michael Chabon: Mann sein für Anfänger. Ein Leben als Ehemann, Vater und Sohn. Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 288 Seiten, 19,99 Euro.
Nun, Chabon beschreibt zwar anschaulich die Handtaschenallergie des „starken“ Geschlechts und sucht verzweifelt eine vorzeigbare „Manntasche“. Insgesamt aber erinnert er sich mit Grausen seiner frühen Jahre: „Meine Misogynie trug gewissermaßen Baskenmütze und zitierte Nietzsche.“ Doch dann traf er die belesenen, alltagsgeprüften, weit gereisten Kolleginnen im Kurs für kreatives Schreiben, und „die sauer verdiente Skepsis erwachsener Frauen“ gab ihm offenbar mächtig zu denken. So sehr, dass er nun arg beflissen vorführt, wie kuschelweich ihn der feministische Vollwaschgang von allem Chauvinismus gereinigt hat.
Lieber liest man von gemischten Gefühlen des Autors als junger Mann: wie er die sexuelle Libertinage der Mutter erlebte, die ersten eigenen Erfahrungen machte. Oder wie erstaunt er war, als ihm sein Vater sieben Baseball-Fankarten schickte, um die früher nie spürbare Nähe irgendwie nachträglich herzustellen. Es gibt überhaupt sehr schöne Passagen über Männer unter sich, aneinandergeschweißt durch Whisky und Sport. Vor allem aber kann Michael Chabon wunderbar jene Welt beschwören, die uns „in der Einwegrakete Richtung Tod“ immer weiter entrückt. Den Zauber eines Songs im Radio etwa, der einen unvorbereitet erwischt und eine fast vergessene Saite anschlägt.
Am schönsten und radikalsten schreibt der notorische Stubenhocker über seine Frau und Kollegin Ayelet Waldman, („Böse Mütter“), die provokant zugab: „Ich liebe meinen Ehemann mehr als meine Kinder.“ Ihr Gatte sieht das so: „Seit unserer ersten Verabredung hat mich diese Frau gezerrt, geschubst, beschwatzt, geführt, bewegt, verwirrt, verhöhnt, verführt, betrogen und bis in den hinterletzten Winkel von Wonne und Leid getragen“.
Wir müssen uns Michael Chabon als einen glücklichen Mann vorstellen.
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