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Natur: Alles ist einmalig

Wie hältst du' s mit der Natur? Michael Hampe fragt sich philosophisch, was am sibirischen Fluss Tunguska geschehen ist - und findet sich flugs in esoterisch anmutenden Spekulationen wieder.

Mittendrin im Unerwarteten und Überwaltigenden: Vulkanausbruch auf Island.
Mittendrin im Unerwarteten und Überwaltigenden: Vulkanausbruch auf Island.
Foto: rtr

Etwas ist geschehen, etwas Unerwartetes, Überwältigendes. Etwas Neues auch? Vielleicht. Dieses Ereignis ist jedenfalls ein Einschnitt, es trennt ein Davor vom Danach. Oder täuscht der Eindruck?

Hier zunächst der Fakt: Es ist zu einer großen Explosion gekommen, am 30. Juni 1908, in der Nähe des sibirischen Flusses Tunguska. In London konnte man seinerzeit um Mitternacht Zeitung lesen, so hell war es. Es blitzte, knallte, bebte, zischte minutenlang in Sibirien. Man weiß die Zahl der Toten nicht, es müssen viele gewesen sein. Was ist geschehen damals?

Das Buch

Michael Hampe: Tunguska oder Das Ende der Natur. Hanser, München 2011. 319 Seiten, 19,95 Euro.

Die NASA sagt heute, es sei ein Asteroid auf der Erde eingeschlagen. Es spricht einiges dafür, es spricht auch einiges dagegen, zum Beispiel das Fehlen entsprechender Spuren. Ohnehin gibt das Tunguska-Ereignis allerlei Rätsel auf. Für manche, die zu esoterischen Spekulationen neigen, ist es letztlich unerklärlich; vielleicht waren es doch Außerirdische. Oder Gott?

Damit sind wir schon mittendrin. Unerwartet, überwältigend – so sprechen Menschen von der Liebe, wenn sie einen überfällt wie der Dieb in der Nacht, schön und schaurig zugleich. Den Liebenden ist das Stammeln und Schwärmen vorbehalten. Aber von einer Explosion am fernen sibirischen Fluss Tunguska stammeln, schwärmen gar? Die Naturwissenschaft spricht so jedenfalls nicht, was viel über Naturwissenschaft sagt. Denn wie man von etwas spricht, verrät immer, was es einem ist. Und die Naturwissenschaft, wie sie einem derzeit vor allem entgegentritt, verwandelt jedes Ding und alles Geschehen in eine objektive, abgrenz- und damit auch beherrschbare Einheit. Es gibt für sie nur Dinge, die man erklären und Dinge, die man noch nicht erklären kann. Die Natur ist ihr Materie, Kraft, Gesetzmäßigkeit, sonst nichts.

In diesem „Sonst nichts“ steckt der ganze Stolz, das große Selbstbewusstsein einer Wissenschaft, deren Ideal es ist, mit möglichst präzisen Instrumenten möglichst exakt auf die Welt zu zeigen, ohne sich in missverständnisanfällige Erklärungen verlieren zu müssen. Am besten, es ließe sich alles in einer Formel bündeln.

Die Philosophie sagt hier: geht nicht, kann man nicht. Nie lassen sich Worte, Begriffe, Sätze verwenden, ohne damit das zu gestalten, was ausgedrückt werden will; denn nie lässt sich das, was man sagen will, trennen von dem, wie man etwas sagt. Auch Formeln, selbst Zahlen sind gestaltgebende Sprache in diesem Sinne. Die Methoden und die Sprech- und Denkweisen machen zwar nicht das, wovon sie handeln, aber an ihnen vorbei lässt sich von gar nichts handeln. Sicher, man kann sich Gott oder Einhörner oder Außerirdische am Tunguska denken, aber man kann es nie, ohne Gott und Einhorn und Außerirdische auf den Begriff zu bringen.

Das ist nicht nur eine sprachphilosophische Binse, das bedeutet auch, dass man zwischen der natürlichen Welt und der moralischen Existenz des Menschen, zwischen Natur und Kultur, zwischen der Naturgesetzlichkeit hier und der Welt der Gründe in Politik, Moral, Kultur dort nicht trennen kann. Charles Sanders Pierce, der amerikanische, viel zu wenig gelesene Mathematiker, Philosoph und Logiker hat dies besonders eindringlich, besonders schlagkräftig betont: Es gibt nicht auf der einen Seite eine Natur und drüben auf der anderen das Kulturelle, weil weder Natur noch Kultur überhaupt ein möglicher Gegenstand der Erfahrung sind; beide sind zu vielfältig, um als Ganzes erfahrbar zu sein.

Es gibt für den Mensch als Erfahrungswesen immer nur einzelne, einmalige Ereignisse. Das sagt heute, mit Pierce, am lautesten der französische Soziologe Bruno Latour. Im Grunde weiß es aber die Philosophie von Anfang an; es ist geradezu ihre Geburtsurkunde, davon zu wissen. Und doch vergisst sie es immer wieder, stets auf unvermutete Weise, weshalb es stets auch anders wieder gefunden werden will.

Jetzt zu Michael Hampe. Sein Buch „Tunguska oder Das Ende der Natur“ verdankt sehr viel diesen Überlegungen zum Kultur-Natur-Verhältnis, also dem Denken von Pierce, auch wenn der Name kaum fällt. Wenn es gut geht, könnte dieses Buch eine regelrechte Pierce-Renaissance einleiten. Dabei zielt es zunächst und vor allem auf Hampes, von Pierce angeleiteten Versuch der Erinnerung an die „Einmaligkeit der menschlichen Existenzen und der Ereignisse in der Natur“.

Schon sein letztes Buch, die elegante Abhandlung über das Glück „Das vollkommene Leben“ (2009) war ein Plädoyer für das Denken in einmaligen Ereignissen. In „Tunguska“ erinnert er nun an die „fatale sokratische Trennung“ zwischen der Natur und dem Reich der Gründe. Sowohl für Sokrates wie für die moderne Aufklärung, so Hampe, ist die Natur ein „Zusammenhang von notwendigen Ursachen und Wirkungen“, festgehalten in der Chiffre, die Natur sei „gesetzmäßig“. Vergessen werde heute aber, vor welchem Hintergrund diese sokratische Trennung eingeführt wurde, nämlich um „eine Terminologie zu finden, in der sich darüber beratschlagen lässt, was das Beste für das menschliche Leben sei“.

Darauf zielt Hampe, auf diesen ethischen Rahmen, den die Naturwissenschaft auch dann einklammert, wenn sie selbst meint, mit Ethik gar nicht in Berührung zu kommen. „Tunguska“ ist ein Buch aus dem Fachbereich Ethik, Spezialgebiet Naturphilosophie. Die Ethik, die Frage nach dem guten Leben, ist für Hampe immer die Leitdisziplin, gerade in naturphilosophischen Belangen. Das ist die Pointe dieses Buches. Es ist zwar ein langer Weg, den es bis dahin zurücklegt, aber das Lesen lohnt unbedingt.

Einmal mehr nämlich hat der Zürcher Philosophieprofessor Zuflucht bei der Fiktion gesucht. Er hat ein Gespräch unter Toten ersonnen, eine Fiktion, bestückt mit realen Personen. Es nehmen daran teil die Herren Tscherenkov, Bordmann, Blackfoot, Feierabent. Im Anhang wird erläutert, wer hier für wen steht: die Physiker Günter Hasinger und Steven Weinberg (Tscherenkov), der Biologe Adolf Bordmann (Portmann), der Philosoph und Pierce-Geistesverwandte Alfred North Whitehead (Blackfoot), der Philosoph Paul Feyerabend (Feierabent.) Kenner werden es rasch auch ohne den freundlichen Hinweis bemerken, aber für Kenner allein ist dieses Buch nicht geschrieben. Der philosophisch interessierte Laie, also der Liebhaber der Philosophie, soll es genauso lesen dürfen und können.

Hampe hat es ohnehin nicht mit akademischen Fechtereieren zu schaffen, er lässt sein Quartett einen philosophischen Kampf der Argumente aufführen. Denn jeder der Herren deutet das Tunguska-Ereignis und das Natur-Mensch-Verhältnis anders.

Für Tscherenkov ist alle Natur nichts als Materie und Gesetzmäßigkeit, er glaubt an den Fortschritt; für Blackfoot bleibt die Natur ein Mysterium, weshalb es für ihn andere, vielleicht tiefgründigere, vielleicht im Göttlichen begründete Wahrheiten gibt; für Portmann ist die Natur auch „Ausdruck selbständiger Innerlichkeiten von mehr oder weniger großer Individualisierung“, nicht nur eine „Ressource des Wirtschaftens“. Das ist auch einer der zentralen Punkte von Feierabent, gegen Weinberg und gegen eine Naturwissenschaft gerichtet, die sich auf die Technisierung der Wirklichkeit verkleinert. Eindeutig nimmt Hampe selbst diese Opposition gegen solcherlei naturwissenschaftliche Verhunzung ein.

Der Dialog selbst ist jedoch nicht sofort parteiisch, sondern eine Verführung zur Philosophie: zum Wägen von Begriffen und Prämissen. Das ist große philosophische Literatur.

Vielleicht hat Hampe ihr nicht getraut. Es folgt auf den Dialogteil jedenfalls noch ein naturphilosophischer Essay, der alles ausspricht und vereindeutigt, was das fiktionale Totengespräch noch dem Wettstreit der Argumente überlässt.

Autor:  Dirk Pilz
Datum:  11 | 10 | 2011
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