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Roland Emmerich im Porträt: Der auf dem Vulkan tanzt

Die Welt, wie Roland Emmerich sie sieht, muss untergehen. Immer wieder. Er spielt auch wieder mit Assoziationen an 9/11. Porträt eines Schwaben in Hollywood.

Roland Emmerich lässt die Erde gerne untergehen.
Roland Emmerich lässt die Erde gerne untergehen.
Foto: rtr

Vielleicht ist ja sein großer Bruder Andi an allem schuld. Schnappte dem kleinen Roland immer sein Spielzeug weg, damals, in den frühen 60ern, im schwäbischen Sindelfingen, und nahm es auseinander. Der Gepeinigte blieb in solchen Momenten besonnen. "Ich habe mich damals nicht gleich revanchiert, sondern ruhig weiter gelesen und gemalt", hat Erfolgsregisseur Roland Emmerich einmal der FR erzählt.

Angenommen, die Geschichte aus seinen Kindertagen stimmt: Als Erwachsener revanchiert sich Emmerich, der jetzt 54 wurde, offenbar umso heftiger. Kein Regisseur vor ihm hat so lustvoll seinen Zerstörungsphantasien freien Lauf gelassen. In dem Endzeit-Epos "The Day After Tomorrow" hat er bereits seine Wahlheimat, die Vereinigten Staaten, in großem Stil zerstört. In seinem neuen Film "2012" lässt er nun den ganzen Planeten auseinanderbersten.

Hintergrund ist eine Prophezeihung der Maya, deren Kalender mit dem Jahr 2012 endet. Die Frage, was danach kommt, hat Emmerich auf die ihm eigene Weise beantwortet: Die Sonne überhitzt den Erdkern, Supervulkane speien gewaltige Lavafontänen, Kontinentalplatten brechen weg und verursachen riesige Tsunamis, die sich ihren Weg bis nach Washington bahnen. Da sehen wir dann einen vor Schreck erstarrten schwarzen Präsidenten (Danny Glover) im Vulkanstaub vor dem Weißen Haus liegen. Das Letzte, was er sieht, ist ein riesiger Flugzeugträger auf der Schaumkrone der Riesenwelle - die USS Kennedy. Dann - rummmms - fällt das Schiff dem Präsidenten auf den Kopf.

Gewaltig und tricktechnisch perfekt ist all das inszeniert, und doch hat man die ganzen 158 bombastgeladenen Minuten hindurch das Bild eines grinsenden Jungen vor Augen, der unablässig mit seinem allerneusten Spielzeug um sich wirft. Der es der Welt wieder einmal zeigen will: Guck mal, was ich alles habe - und was ich damit alles machen kann.

Emmerich hat Höhenangst

Der Mann, der es im Kino derart krachen lässt, ist im Alltag ein höflicher, aufmerksamer, unkomplizierter Typ. Kollegen wie John Cusack schätzen an ihm seine respektvolle Art: ein Regisseur, der zuhört, der 24 Stunden am Tag ein Ohr für die Nöte und Ideen seiner Darsteller hat. In Jeans, Sakko und Baseballkappe gibt er auch bei offiziellen Terminen das Bild eines jugendlich gebliebenen Mittelständlers ab. Spürbar unfroh wird Emmerich nur, wenn ihn PR-Termine zu Fahrten in gläsernen Aufzügen zwingen. Dann dreht er sich schweigsam zur Tür, senkt den Blick und starrt konzentriert auf seine Sneaker: Der Hochhaus-Zerstörer Emmerich leidet an Höhenangst.

Man kann ihn sich gut vorstellen, wie er als Jugendlicher mit offenem Mund im Provinzkino saß, um die prachtvoll blinkenden Ufos in Spielbergs "Unheimliche Begegnung der Dritten Art" zu bestaunen oder den planetengroßen Todesstern in "Star Wars" - und wie dieses technische Monstrum am Ende im Weltraum explodiert. Während ihm im deutschen Autorenkino eines Wenders oder Fassbinder die Füße einschliefen, fühlte er sich bei den Big-Budget-Krachern made in USA nach eigenem Bekunden sauwohl. "Ausstattungsopern" nannte man solche Filme damals noch. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Emmerich in seiner Zeit an der Münchner Filmhochschule tatsächlich vor allem als Ausstatter arbeitete, der für wenig Geld effektvolle Bauten schaffen musste. Und vielleicht ist er das bis heute geblieben: ein Kulissenzauberer. Nur sind seine Bauten jetzt ein paar Nummern größer.

"Size matters", ließ er 1998 in einem Anflug von Selbstironie für seinen Godzilla-Film werben: Es kommt doch auf die Größe an. Da hatte er das - bis dahin - größte Film-Monster aller Zeiten erschaffen. Das diente ihm freilich vor allem als Vorwand, New Yorker Straßenzüge im Dutzend zu zertrümmern, dieweil die Riesenechse durch die 5th Avenue stampfte. Selbst dieser Holzhammer-Humor ist ihm seither abhanden gekommen. Wie auch das Feingefühl dafür, dass unser Blick auf einstürzende Hochhäuser im allgemeinen und speziell die New Yorker Skyline sich seit dem 11. September 2001 geändert hat.

Emmerich spielt mit Assoziationen an 9/11

Dabei hatte Emmerich im FR-Gespräch 2004 erklärt, man könne als Filmemacher "Häuser nicht mehr einfach so zerstören", ohne den Terrorakt im Hinterkopf zu haben. "Am 11. September hieß es, das sieht ja aus wie in Emmerichs Filmen. Das depressed mich so", sagte er in seinem liebenswürdigen Deutsch-Amerikanisch. Seine Depression hielt offenbar nicht allzu lange an. In "2012" spielt er gedankenlos mit Assoziationen an 9/11 - lässt ein Flugzeug zwischen zwei gerade zusammenstürzenden Wolkenkratzern hindurchfliegen.

Dass Emmerich mehr will als großartig unterhalten, dass er nebenher wirklich auf Klimawandel und Terrorgefahr aufmerksam machen will, wie er oft behauptet hat - das kauft ihm nach diesem Film wohl niemand mehr ab. Schon nach der Zerstörungsarie in "The Day After Tomorrow", in der Tornados durch Los Angeles fegen, schrieb die L.A. Times: "Wahrscheinlich will Emmerich uns doch nur einfach verblüffen, will seine bisherigen Anstrengungen toppen und uns nicht mit dem 11. September konfrontieren." Ob ihn solche Kritik frustriert? Ein Handwerker wie er dürfte das abschütteln und zur nächsten Baustelle weiterziehen.

Bleibt die Frage fürs Publikum: Was zimmert er als Nächstes - um es kaputt zu machen? Was könnte noch größer, lauter, desaströser werden als der Weltuntergang? Die Antwort, die er jetzt in einem dpa-Gespräch gab, ist überraschend: Im Frühjahr beginnt er mit den Dreharbeiten zu einem Shakespeare-Film. Wo bleibt da die Zerstörungslust? Ach so: "Ich stürze ein Monument vom Sockel, das seit 400 Jahren angebetet wird."

Autor:  Martin Scholz und Thomas Wolff
Datum:  10 | 11 | 2009
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