„Von ihrem Vater kannte Lila nur eine abgeschnittene Hand“, lautet der erste Satz des Buches. Es ist aber glücklicherweise keine echte, sondern die Hand auf einem Foto, das Lilas Mutter zerschnitten hat – wütend auf den Vater, der irgendwann abgehauen ist. Lila will ihn finden. Doch dazu kommt es nicht, denn eines Tages verschwindet auch die Mutter. Lila wird von einer fremden Frau abgeholt, die sich als ihre Tante ausgibt und sie in ein geheimnisvolles Haus verschleppt. Zu essen gibt es „Hibiskusbrühe und Feuerwanzenknödel“.
Wer hier nun hofft, es beginne eine Geschichte voller Hexerei und Magie, der wird bald ernüchtert. Denn aus dem rätselhaften Anfang wächst bald ein allzu durchschaubares Slum-Kinder-Drama. Nach ihrer Flucht aus dem seltsamen Haus begegnet Lila einer Kindergang, die am Rand der Stadt zwischen Armen und Ausgegrenzten in einem Wohngebiet ohne Wasser und Strom lebt und abenteuerliche Streifzüge in die „innere Stadt“ unternimmt. Diese führt Krieg gegen die Outlaws, schützt ihre Banken und Geschäfte mit allen Mitteln. Auch das Verschwinden der Mutter hat irgendwie damit zu tun.
Die Geschichte ist durchaus fesselnd zu lesen, geschrieben in einem einfachen, kindgerechten Stil. Auch ist sicher nichts dagegen zu sagen, Kinder mit Krisen, Unrecht, sozialem Elend und möglichen Bürgerkriegszenarien zu konfrontieren. Doch leider geistern der Autorin offenbar lauter Versatzstücke aus Widerstands-Geschichten durch den Kopf. Es gibt Patrouillen in schwarzen Uniformen, Maschinengewehre, ein Tunnelsystem, Kinder, die in Heimen ruhiggestellt werden. Die Slumgegend heißt Feuerland und die reiche, abgeschottete Stadt Frankfurt.
Die wenigen phantasievollen Ideen, etwa das Schneekugel-Nachrichtensystem der illegalen Widerstandsorganisation, wirken am Ende unpassend. Wie schön wäre es gewesen, hätte die Autorin die geheimnisvollen, fast kafkaesken Anfänge – wie das Agieren des übermächtigen „Amts“ – fortgeführt und eine Geschichte in einer eher gleichnishaften Parallelwelt geschrieben.
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