Oktober 2010 auf der Frankfurter Buchmesse: Triumphierend recken die Mitarbeiter des Tropen-Verlags eine Flasche Spüli in die Luft. Die Trophäe für den kuriosesten Buchtitel des Jahres. „10 Gründe, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ heißt der Sieger – ein bei Tropen verlegter Roman des isländischen Autors Hallgrímur Helgason. „Der Preis hat mich glücklich gemacht“, seufzt Helgason fast ein Jahr später über eine summende Handyleitung von seiner Insel nach Deutschland. Und erwähnt im selben Atemzug, dass der deutsche Bestseller in seiner Heimat zum schlechtesten Titel des Jahres gekürt wurde.
Gerade noch rechtzeitig zum Ehrenauftritt seines Landes auf der Frankfurter Buchmesse hat Helgason einen neuen Roman vorgelegt, dessen Inhalt verdächtig nach Spülmittel riecht: „Eine Frau bei 1000 Grad“ heißt seine fiktive Autobiografie aus der Perspektive einer alten Frau: Herbjörg Maria Björnsson. „Ich lebe allein in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Wir haben es wahnsinnig gemütlich.“ Peng. Schon die ersten beiden Sätze des Buchs sind in schwarzen Humor getunkt, was programmatisch ist für die folgenden 400 Seiten.
Helgasons kratzbürstige Protagonistin ist 80 Jahre alt, wiegt nur noch 40 Kilo, raucht wie ein Schlot und hat Krebs im Endstadium. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt sind die zwei Frauen von einem Pflegedienst in Reykjavik – das „liebe Ding von der Frühschicht“ und die mürrische „Spätschichtscheuche mit kalten Händen und Mundgeruch“. Und dann sind da die rund 700 Facebook-Freunde. Unter verschiedenen Identitäten mischt die „Matrazenhyäne“ das große „Facebuch“ kräftig auf, hackt sich in den Account ihrer Schwiegertochter, um deren Mail- und Sexaffäre mit dem Arbeitskollegen zu befeuern. Und sie bestellt die eigene Einäscherung bei 1000 Grad telefonisch vor. Was man nicht alles tut, wenn einem langweilig ist.
Zwischendurch lässt die Todgeweihte ihr Leben Revue passieren – ein furioser Galopp durch das 20. Jahrhundert: Die Enkeltochter des ersten isländischen Präsidenten schlägt sich während des Zweiten Weltkriegs elternlos durch Dänemark und Deutschland. Polen, Russen, Nazis lernt sie kennen – und am eigenen Leib lieben und hassen. Und das alles nur, weil ihr Vater, ein von Hitler verblendeter Isländer, mit den Hakenkreuzlern in den Krieg ziehen musste.
Überhaupt die Männer: Von den drei Ex-Gatten, die alle Jón heißen, ist einer trotteliger als der andere. Die drei Söhne? Nicht der Rede wert, eine Schande für die Menschheit. Halbwegs nett weg ist nur ein vierter Mann gleichen Namens, dem sie in den 1960er Jahren in Hamburg einen Kuss gibt: der Beatle John Lennon.
„Es ist ein feministisches Buch“, sagt Helgason. „Die meisten Bücher werden von Männern geschrieben, die Frauen erniedrigen. Ich wollte die Verhältnisse auf den Kopf stellen.“Erste internationale Aufmerksamkeit verschaffte sich Helgason 1996 noch mit einem echten Mistkerl: Hlynur, der Protagonist von „101 Reykjavik“, listet den Marktwert seiner Freundin und unzähliger anderer Frauen auf. In isländischen Kronen.
Ebendiese Kronen haben 2011, drei Jahre nach dem Beinah-Bankrott Islands, dramatisch an Wert verloren. Während die zynische Garagen-Rentnerin am finanziellen Kollaps der Insulaner „Riesenspaß“ hat, sieht ihr Schöpfer Helgason das natürlich anders: Der Banken-Crash sei ein tiefer Einschnitt für Island gewesen. Er war beim Sturz der verantwortlichen Regierung an vorderster Front dabei, sprang sogar auf das Auto des damaligen Ministerpräsidenten und trommelte auf die Fensterscheiben, um ihn zum Rücktritt zu bewegen.
Helgason glaubt: Kein isländischer Autor könne nach der Krise so schreiben wie vorher. Wäre dann nicht Zeit für den großen Krisen-Roman? Nein, dafür braucht es dann doch Abstand. „Die Blechtrommel„ ist doch auch erst 1959 erschienen, oder?“
Stattdessen also dieser grandiose Schelminnen-Roman. Ganz schwindelig wird dem Leser, wie der Autor zwischen den Schauplätzen und Jahrzehnten hin und her springt. Und überwältigt wird er auch: von der hohen Kunst des Spagats zwischen beißendem Humor und den anrührenden Innenansichten einer von der Liebe und der europäischen Historie gequälten Exzentrikerin.
Die Isländerin habe es tatsächlich gegeben, die in einer Garage lebte und deren Vater mit den Deutschen in den Krieg zog, erzählt Helgason. Die Begeisterung einiger Landsleute für das Hakenkreuz sei übrigens ein tabuisiertes Kapitel der isländischen Geschichte. „Bevor ich sie treffen konnte, starb die alte Dame. Aber ich habe noch mit ihr telefoniert.“
Mit Exzentrikern sei man als Isländer bestens vertraut, sagt der 52-jährige Autor. Sie bevölkern die alten Sagas seiner Heimat und die unzähligen Geschichten, die ihm schon als Kind erzählt worden sind. Helgason schreibt die Tradition fort: Außenseiter und Verrückte spielen in seinen Büchern stets die Hauptrolle. „Ich träume ja davon, einen Familienroman über Leute zu schreiben, die zum Zahnarzt gehen, vor dem Kamin sitzen und ein normales Leben führen“, sagt seine sonore Stimme am Telefon. „Aber dazu bin ich offenbar nicht in der Lage.“ Zum Glück.
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Messetage: Die Frankfurter Buchmesse ist von Mittwoch, 12., bis Freitag, 14. Oktober für das Fachpublikum geöffnet. Am Wochenende sind auch Privatbesucher willkommen.
Öffnungszeiten: 9 bis 18.30 Uhr (Sonntag nur bis 17.30 Uhr).
Preise: zwischen zehn Euro für eine Tageskarte (Privatbesucher, ermäßigt mit RMV-Ticket) bis zu 40 Euro für Fachbesucher am Kassenverkauf. Für eine nichtermäßigte Tageskarte für Privatbesucher sind 15 Euro fällig.
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