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Steven Spielberg: Liebesbriefe an die Literaten

Einige seiner größten Meisterwerke gehen auf literarische Vorlagen zurück. Hier schildert Oscar-Preisträger Steven Spielberg, warum ihn Literaturverfilmungen ganz besonders herausfordern.

Es hat mich in meiner Karriere schon früh fasziniert, Literatur zu verfilmen. Das ist bis heute meine große Leidenschaft. Ich habe Kurzgeschichten wie Philip K. Dicks „Minority Report“ in abendfüllende Spielfilme übersetzt, und ich habe immer wieder Romane aus den unterschiedlichsten Genres verfilmt: Alice Walkers „Die Farbe Lila“, „Der weiße Hai“ von Peter Benchley, „Schindlers Liste“ von Thomas Keneally, J.G. Ballards „Das Reich der Sonne“, Michael Crichtons „Jurassic Park“ oder H.G. Wells’ „Krieg der Welten“. Warum? Weil mich Literaturverfilmungen auf eine besondere Weise herausfordern. Denn ich muss dabei nicht nur meine eigene Phantasie mit der literarischen Vorlage verweben. Ich muss immer auch die Erwartungen all jener Zuschauer berücksichtigen, die den Roman bereits kennen und ihre eigenen Bilder dazu im Kopf haben. Die entscheidende Schnittstelle zwischen Literatur und Film ist das Drehbuch – es ist gewissermaßen die Verdichtung der literarischen Essenz. Und ich sage immer: „If it’s not on the page – it’s not on the stage.“ Mit anderen Worten: Wenn beim Lesen keine Visionen entstehen, wird sich das auch nachher bei den Dreharbeiten nicht einstellen.

Steven Spielberg, am 18. Dezember 1946 in Ohio geboren, gilt als der kommerziell erfolgreichste Film-Regisseur aller Zeiten.
Steven Spielberg, am 18. Dezember 1946 in Ohio geboren, gilt als der kommerziell erfolgreichste Film-Regisseur aller Zeiten.
Foto: REUTERS

Bei meinem neuen Projekt „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ hatte ich es im Vergleich zu früheren Literaturverfilmungen viel leichter. Denn diesmal waren die Vorlagen Comics. Dass wir uns nicht missverstehen: Für mich sind die „Tim und Struppi“-Comics Literatur, aber eben eine besondere – es sind „graphic novels“, graphische Romane eben. Das kommt einem Filmemacher sehr entgegen. Vor allem, weil der Schöpfer von „Tim und Struppi“, der belgische Zeichner Hergé, seine Abenteuer-Geschichten immer sehr filmisch angelegt hat. Seine Bilder-Sequenzen sind wie Story-Boards angelegt, jene gezeichneten Drehbuch-Skizzen, die die Einstellungen eines Films und einer Kamera visualisieren. All das war praktisch in den Comics schon vorgezeichnet. Im Grunde arbeitete Hergé wie ein Drehbuchautor mit einem Zeichenstift. Er hat seine Ideen ganz unnachahmlich im Stil seiner berühmten „ligne claire“ visualisiert, dieser klaren, reduzierten Linienführung. Darüber hinaus verstand er es meisterhaft, seine Bild-Sequenzen auf den Seiten so kunstvoll zu montieren, dass man fast meinen könnte, er würde eine Kamerafahrt vorzeichnen. Im Grunde musste ich mich nur auf Hergés gigantische Schultern stellen.

Ich bin mir sicher, dass dieser große belgische Comic-Künstler ein hervorragender Filmregisseur gewesen wäre. Was die Dramaturgie und den Plot betrifft, sind seine Alben stringent und klar erzählt. Seine Figuren sind glaubwürdig, keine Person gleicht einer anderen. Jede hat eine ganz eigene Einfärbung und Typisierung, was in der Welt des Comics sehr selten ist.

Hergés Affinität zum Film hat mir enorm geholfen. Aber es gab auch Schwierigkeiten: Ein einzelner „Tim und Struppi“-Band bietet nur Erzählstoff für etwa 20 bis 25 Minuten Film. Deshalb wollte ich drei Comic-Alben für einen Film zusammenfügen. Ich wollte unbedingt zeigen, wie der globetrottende Reporter Tim zum ersten Mal auf den fluchenden Kapitän Haddock trifft. Dieses so ungleiche Paar – das sich dann doch auf wundersame Weise wie Yin und Yang ergänzt. Deshalb habe ich mich für „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“, „Das Geheimnis der Einhorn“ und „Der Schatz Rackham des Roten“ entschieden. Die beiden letzten Abenteuer waren von Hergé selbst als Fortsetzungsgeschichten konzipiert, das andere war allerdings vorher erschienen und hatte keinen direkten inhaltlichen Bezug zu den anderen beiden.

Die große künstlerische Herausforderung bestand darin, aus diesen drei Geschichten einen Film aus einem Guss zu machen.

Das hat mich den größten Teil der vergangenen drei Jahre beschäftigt. Und ohne die großzügige Unterstützung von Hergés Witwe und Nachlassverwalterin Fanny Rodwell hätte dieser Film nie das Licht der Leinwand erblickt. Sie war es auch, die das Drehbuch schließlich freigab mit allen Änderungen, Streichungen oder Ergänzungen, die für den Film nun mal notwendig waren.

Auf zum nächsten Abenteuer: Tim und Struppi. Die Comicverfilmung ist Spielbergs neuestes Werk.
Auf zum nächsten Abenteuer: Tim und Struppi. Die Comicverfilmung ist Spielbergs neuestes Werk.
Foto: dpa

Ich bin Hergé leider nie persönlich begegnet. Er starb im März 1983, kurz bevor wir endlich vereinbart hatten, uns erstmals zu treffen. Aber wir hatten uns zuvor intensiv ausgetauscht, wir schrieben uns, telefonierten immer wieder mal miteinander. Bei unseren Telefongesprächen war ich immer wieder erstaunt, wie gut er meine Filme kannte. Das hat mir viel bedeutet. Mein erster „Indiana Jones“-Film, „Jäger des verlorenen Schatzes“, hat ihm besonders gefallen. „Mir scheint“, sagte er mir, „dass Indiana Jones sehr stark von Tim inspiriert wurde.“

Da musste ich ihm dann allerdings widersprechen. Denn als ich den ersten „Indiana Jones“ drehte, kannte ich seine Comic-Serie noch gar nicht. Tatsächlich habe ich „Tim und Struppi“ erst sehr spät, als Erwachsener entdeckt – kurioserweise in einer französischen Kritik zu „Indiana Jones“. Ich weiß noch, wie mich beim Lesen des Artikels diese sehr oft verwendete, seltsame Buchstabenkombination faszinierte: T-I-N-T-I-N. Wer oder was in aller Welt war denn T-I-N-T-I-N? Es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, dass Tim im französischen Original Tintin heißt. Ich besorgte mir dann alle 24 „Tim und Struppi“-Bände auf Französisch. Mit meinen drei Jahren High-School-Französisch kam ich jedoch nicht weit. Also las ich mit dem Comic in der einen und dem Wörterbuch in der anderen Hand. Auch wenn mir die meisten Worte fremd blieben, habe ich die Story, dank der Bilder und der Panel-Reihungen, immer sofort begriffen.

1983 habe ich mich dann erstmals ernsthaft damit beschäftigt, Hergés Comics für einen Film zu bearbeiten. Meine ersten Drehbuch-Entwürfe konnte ich sogar noch mit ihm am Telefon besprechen. Nach seinem Tod kam das Projekt dann ins Stocken. Der Hauptgrund dafür waren die damals noch sehr unzureichenden technischen Voraussetzungen bei der Umsetzung dieser graphischen Literatur in das Medium Film. Um Hergés Charakteren ein modernes, passendes Gesicht geben zu können, musste ich noch viele Jahre warten. Ich hätte es nie gewagt, „Tim und Struppi“ zu verfilmen, wenn wir Hergés grandiose Landschaftspanoramen im Studio hätten nachbauen müssen. Oder wenn wir die Schauspieler mit Gummimasken oder Prothesen ausstaffiert hätten, wie das bei der Verfilmung des Comics „Dick Tracy“ gemacht wurde.

Literatur lässt Bilder im Kopf entstehen, die Schriftsteller sind dem Leser dabei oft mit sehr plastischen, lebendigen Beschreibungen behilflich: Michael Crichton beispielsweise hat in „Jurassic Park“ die Velociraptoren oder den T-Rex sehr genau beschrieben. Aber die realen Bilder zu diesen Urzeit-Giganten habe ich geschaffen. Und es waren Bilder, die vorher so noch nie auf der Leinwand zu sehen waren. Das war mir nur möglich gewesen, weil sich 1993 die Computer-Animation so revolutionär weiterentwickelt hatte. Seitdem haben Film-Studios wie Pixar, Disney und DreamWorks die Entwicklung der am Computer generierten Bilder (CGI) abermals maßgeblich verbessert und weiter verfeinert.
Aber der Quantensprung fand erst in den letzten Jahren statt, mit der sogenannten Performance-Capture-Technologie. Damit war es zum ersten Mal möglich, die Bewegungen und die Mimik eines realen Schauspielers auf die Figuren im Computer zu übertragen. Erst jetzt konnte ich Hergés 2D-Comic-Universum in einen dreidimensionalen Farbfilm umwandeln. Nur so konnte ich die DNA von Hergés Design beibehalten. Es scheint tatsächlich so, als hätten sich seine Zeichnungen materialisiert, als wären sie zum Leben erwacht.

Auch wenn es wichtig ist, das literarische Werk genau zu kennen, seine Essenz zu bannen, nehme ich mir als Regisseur bei Literaturverfilmungen immer große Freiheiten heraus. Letztlich interpretiere ich das, was der Autor geschrieben hat, in meiner eigenen Sprache, mit meinen eigenen Bildern und Visionen. Ich lasse mich dabei auch von anderen Quellen inspirieren. Bei „Tim und Struppi“ beispielsweise habe ich mir vom Film Noir und vom Brechtschen Theater etwas abgeguckt. Vom Film Noir habe ich die Lichtsetzung, mit seinen harten Schatten und scharfen Kontrasten übernommen, die das Mysteriöse betonen. Bei Brechts Theater-Inszenierungen hat mich schon immer die Raumaufteilung und die Bühnen-Architektur fasziniert. Wenn er beispielsweise eine Zimmerdecke an den Bühnenseiten den Boden berühren ließ, entstanden interessante perspektivische Verzerrungen – sowas habe ich auch für diesen Film benutzt.

Im Idealfall sind Literaturverfilmungen eine Art Liebesbrief an den Literaten, den der Regisseur mit seiner eigenen visuellen Sprache verfasst. Ich erinnere mich noch sehr gut an mein letztes Telefonat mit Hergé. Am Ende sagte er mir: „Wissen Sie, Mr. Spielberg, sollten meine ,Tim und Struppi’-Abenteuer verfilmt werden, wünsche ich mir, dass Sie das machen.“ Das hat mich so bewegt, dass ich minutenlang kein Wort herausbrachte.

Aufgezeichnet von Ulrich Lössl

Datum:  10 | 10 | 2011
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