Wer bin ich? Und wer bist Du dann? Simone Simonini, ein 67-jähriger Italiener, erwacht eines Morgens mit dem totalen Blackout. Nicht gut für einen Fälscher und Spion in Diensten wechselnder Geheimdienste. Um sein löchriges Gedächtnis zu reaktivieren, versucht er, sich an die Stationen seines Lebens zu erinnern. Offenbar verwesen da einige Leichen im Keller, genauer in der Kloake unter seiner Pariser Wohnung, und das ist hier weniger ein Fall für die Polizei als für den Seelenklempner. Dr. Froide, ein zugegebenermaßen jüdischer Arzt aus Wien, hat da ein paar nützliche Theorien und Praxiserfahrungen bereit.
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Umberto Eco: Der Friedhof in Prag. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. Hanser, München, 2011. 528 Seiten, 29 Euro.
Simoninis schriftliche Rekonstruktion der ziemlich allerverworrendsten Ereignisse wird noch dadurch verkompliziert, dass seine Gedächtnislücken durch einen mysteriösen Mitautor gefüllt werden. Dieser Abbé Dalla Piccola, der weiß, was Simonini verdrängt, schleicht sich herein, wenn Simonini schläft und vervollständigt die Story mit besserwisserischen Kommentaren und unangenehmen Details. Die beiden Figuren, die selber argwöhnen, dass sie die gespaltenen Teile einer einzigen Person sind, hausen in zwei Wohnungen, die durch einen Korridor verbunden sind, der einen ganzen Kostümfundus samt falschen Bärten und Perücken für ihre Verkleidungen und Maskeraden bereithält. Nur Schizophrenie wär ja auch zu simpel.Wer Umberto Ecos Romane liebt, der verliert sich mit Genuss auf den labyrinthischen Irrwegen, fällt gierig auf alle Verschleierungstaktiken herein und folgt wie ein begriffsstutziger Detektiv den verzwicktesten Verwicklungen. Und wer daran keinen Spaß hat, der wird schon auf den ersten Seiten hinausgeworfen. Um ins Ganovenmilieu zu Simonini zu gelangen, muss man sich durch ein Gewirr von übelriechenden Gassen schlagen, mit Glück entdeckt man dann das staubige Schaufenster eines Trödlerladens voll wackliger Tische und schiefer Regale, die mit Unmengen nutzlosem Ramsch und „antiquarischen Missbildungen“ vollgerümpelt sind. Über die Stufen einer knarzigen Wendeltreppe erreicht man den oberen Stock, in dem einem ein bizarres Ensemble geschmackloser und teurer Objekte die Orientierung rauben. Und hier sitzt im Morgenrock unser Erzähler.
Von da an aber gehts Schlag auf Schlag. Wen hasse ich? fragt Simonini gleich zu Beginn seiner Aufzeichnungen. Die Juden sowieso, „jenes schleimige Lächeln, jene hyänengleich über die Zähne zurückgezogenen Lippen, jene schweren, verderbten, verrohten Blicke, jene vom Hals eingegrabenen Falten zwischen Nase und Lippen, die niemals zur Ruhe kommen, jene Hakennase gleich dem Schnabel eines exotischen Vogels...Und das Auge, ah, das Auge... Fiebrig rollt es mit seiner Pupille in der Farbe gerösteten Brotes und enthüllt Krankheiten der von den Sekreten eines achtzehn Jahrhunderte währenden Hasses zerfressenen Leber...“ Klar, dass solch kulinarisch rassistische Fabulierlust den Vorwurf des Antisemitismus geradezu provozierte. „Voyeurismus des Bösen“ attestierte die Vatikanzeitung L’osservatore Romano Ecos Roman, als dieser im letzten Oktober, 30 Jahre nach „Der Namen der Rose“ in Italien erschien.
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Tatsächlich aber wollte Eco mit diesem Protagonisten nicht weniger als die „vielleicht zynischste und unsympathischste Figur der ganzen Literaturgeschichte“ schaffen. Das ist ihm so meisterhaft gelungen, dass man Simoninis Intrigen mit diebischem Vergnügen und, ja schon, Empathie verfolgt. Wer freilich Rollenprosa mit der Meinung des Autors verwechselt, hat einfach nichts von Literatur verstanden.
Und dabei hasst Simonini beileibe nicht bloß die Juden. „Die Deutschen: die denkbar niedrigste Stufe der Menschheit. Ein Deutscher produziert im Durchschnitt doppelt soviel Fäkalien wie ein Franzose.“ Die Spanier: eitel, die Kroaten: ignorant, die Malteser: undankbar, die Zigeuner: unverschämt, die Engländer: dreckig, die Kalmücken: schmierig, die Preußen: herrisch, die Piemontesen: lästerlich. Und die Franzosen? Faul, betrügerisch, nachtragend, eifersüchtig, maßlos eingebildet. Schier endlos blubbert und köchelt Simoninis Sermon der Vorurteile, keiner wird verschont, von den zwielichtigen Levantinern, den verschwitzten Arabern und degenerierten Ostgoten schimpft er sich zu den trägen Sarazenen und wilden Schwaben, selbst noch der Italiener ist treulos, verlogen feige und verräterisch. Der Meister der „unendlichen Liste“ (Umberto Eco, soeben erschienen bei dtv, 440 S., 24,90 Euro) legt hier in seinem souverän geschwätzigen Furor den allerherrlichsten Schimpfkanon der Weltliteratur vor. Wer aber ist nun dieser gehässige Eiferer Simoni? Bei Garibaldis Eroberung Siziliens hat er mitgemauschelt, überlebt dann in Paris den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und die Pariser Kommune, er spielt Freimaurer, Jesuiten, Republikaner, Anarchisten und Revolutionäre gegeneinander aus, organisiert auch schon mal ein Bombenattentat, mischt maßgeblich bei der Dreyfus-Affaire mit. Er ist ein Intrigant, ein Mörder, Lügner, ein käuflicher und gewissenloser Agent, ein Bösewicht, der sogar geweihte Hostien für satanische Messen verkauft.
Sein Meisterwerk jedoch ist die Kompilation eines perfiden Dokuments, das die „jüdische Weltverschwörung“ beweisen soll: „Die Protokolle der Weisen von Zion“, zuerst 1905 in St. Petersburg erschienen, wurden zwar schnell als Fälschung und Plagiat verschiedener dubioser Quellen entlarvt, was aber ihrem Siegeszug bei Antisemiten von Hitler über die Hamas bis zu einigen arabischen Herrschern (die Protokolle wurden beispielsweise 2005 auf der Frankfurter Buchmesse am Stand des Iran angeboten) überhaupt keinen Abbruch tat. Das Fantastische an Ecos Erfindung des Urhebers jener Protokolle ist, dass alles wahr ist – außer Simonini selber. Die vielen auftretenden Akteure, die zwielichtigen Spione und Geheimdienstler der sich konstituierenden Nationen, die Verschwörer, die Politiker, die mächtigen Kirchenleute und dubiosen Geheimbündler, die Rosenkreuzer, Mystiker,die intellektuellen Sektierer und Weltverbesserer, alle hat es wirklich gegeben. Eco lässt keinen Trick der Authentizitätssimulation aus. Mit Briefen, Literaturzitaten, Dokumenten und Quellen, politischen Fakten, Illustrationen und sogar Rezepten – etwa des Kochbuchverfassers Alexander Dumas – gibt er seinem Ungeheuer eine so lebendige Plausibilität, dass man in das Reich seiner Fiktion eintaucht wie in einen Film.
Zumal Ecos Geschichte dieses hinterlistigen Verschwörungserfinders nur so strotzt von schaurigen Szenen, anrüchigen Sittengemälden, geheimen Botschaften und sowieso spannend ist wie ein lustvoll trivialer Mantel- und Degenroman. Da ist es unwichtig, dass man bei all den durcheinander um Macht und Einfluss ringenden historischen Figuren schon mal den Überblick verlieren kann. Hauptsache Simonini – oder eben Abbé Dalla Piccola – ziehen die Strippen und können bei all den ausgefuchst kombinierten Metaebenen noch Plot und Story auseinanderhalten.
Und die Juden? Für dieses „durchböste, durchgiftete, durchteufelte Ding“ – so Luther – hat schon der sabbernde Unterspion Goedsche, ein Deutscher, was sonst, in seinem antisemitischen Roman „Biarritz“, die Endlösung gefordert. Oder war es Osman Bey, der Albaner oder Serbe, der für Russland die Alliance Israélite in Paris ausspionierte? Oder geht es vielleicht gar nicht um die Juden und ihre angebliche Weltverschwörung? Geht es vielmehr um die gewaltige Wirkung von Fiktionen – wie sie die Protokolle der Weisen von Zion sind und wie Ecos historischer Roman eine ist? Dass Eco mit seinem Geniestreich den mit allen Tricks der Unterhaltung verführten Leser davor warnen wollte, sich den Fiktionen hinzugeben, das würde der Hinterlist die postmoderne Kappe aufsetzen. Auch die bekanntermaßen gefälschten „Protokolle“ haben ja ihre magische Anziehungskraft nicht eingebüßt. Und was haben die Illuminati in unsere aufgeklärten Kultur verloren? Wer glauben will, der findet noch in der Aufdeckung des Fakes den Beweis für die Unterdrückung der Wahrheit.
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