Mancher Isländer wird aufatmen: Endlich ist das Gerede über Trolle und Elfen und ihre Wirkung auf die Literatur und Kultur zu Ende, die Buchmesse in Frankfurt hat geschlossen. Man muss nicht mehr befürchten, dass der werbeträchtige Mythos vom jungen, rauen und herben, also nach aller traditionellen Zivilisationskritik auch sauberen und ehrlichen Land aufgebrochen wird. Etwa durch fiese Hinweise darauf, dass Island schon seit mehr als tausend Jahren ein Nationalstaat ist – Deutschland hingegen erst seit 140 Jahren. Und dass dieser Nationalstaat schon seit ziemlich genau 1011 Jahren das Christentum als Staatsreligion hat.
Damals, im Jahr 1000 nämlich, entschieden sich die Bauern am Thingplatz in Þingvellir für den Religionswechsel von Thor, Freya und Odion zu jenem seltsamen Gott, der es als Zeichen der Stärke betrachtete, seinen Sohn ans Kreuz auszuliefern. Man dachte wohl rational: Der Rest Europas ist christlich, da passen wir uns schon aus ökonomischen Gründen besser aus eigenem Willen an, bevor uns jemand zwingt.
Die Erinnerung an diesen Massenübertritt kam auf, als kürzlich in Haithabu bei Schleswig eine von dem Architekten Peter Hense entworfene Memoria für den Heiligen Ansgar enthüllt wurde. Haithabu war im Frühmittelalter Zentrum des Handels zwischen Nord und Süd. Memorien sind Gedächtniskirchen für Heilige. Der neue Gedenkstein, schöner schwedischer Granit mit Schriftzeilen in deutscher, dänischer und lateinischer Sprache, steht am Rand einer weiten Wiese. Eine mächtige Eiche ragt an ihrem Rand auf, wirkt sehr heidnisch.
In ihrer Nähe wird heute wieder im Haddebyer Noor getauft. Wie damals im Jahr 846, als der dänische König dem Bischof von Hamburg und Bremen, eben Ansgar, den Bau eines Kirchleins in Haithabu erlaubte. Sehr klein war es, wie die meisten Häuser aus Holzplanken errichtet, mit Lehmboden. Der Überlieferung nach die erste Gemeindekirche im Norden. Dänische Deutsche und deutsche Dänen, deutschsprachige Deutsche, Schweden und Katholiken waren zur Einweihung der Memoria gekommen. Es gab einen Posaunenchor und Kaffee von der Pfadfindergrupe „Die Erben Ansgars“.
Glaubensschwäche der Moderne? Hier war sie nicht zu spüren. Ein Kirchenhistoriker predigte in der romanischen St. Andreas-Kirche, die wohl ungefähr am Ort der Kirche Ansgars steht, über das dramatische Leben des katholischen Heiligen. Der sollte im Auftrag des Kaisers Ludwig des Frommen und des Papstes die Wikinger zu Europäern machen. Bis hoch ins heute schwedische Birka reiste er dafür.
Es geht um die Etablierung eines weiteren Schutzpatrons für Europa. Das Ansehen des Heiligen Jakobus in Spanien ist belastet durch antiislamische Propaganda. Das des Heiligen Bonifazius in Fulda leidet unter dem Treiben seiner erzkonservativen Nachfolger. Ansgar hingegen erscheint geradezu als Ideal-Heiliger des nordischen Wohlfahrtsstaats: Bildungsbeflissen und nett zu Kindern und Frauen, focht er für Geldwertstabilität, Vertragstreue und Frieden zwischen den Wikingern und Europa. Was Wunder, dass der für den Weltfrieden streitende Erzbischof von Uppsala, Nathan Söderblom, 1929 eine regelrechte Pilgerreise zu den Ansgar-Stätten West-Europas unternahm. Und das die katholische Kirche im Berliner Hansaviertel, dieses Symbol einer sozial verantwortlichen, luftigen Moderne der 1950er-Jahre, eben St. Ansgar als Titularheiligen führt.
Ansgar profitierte damals, um 850, übrigens von einer Tugend, die dem Christentum wie allen monotheistischen Religionen eher fremd ist: Toleranz. Er sehnte sich zwar danach, standesgemäß Märtyrer zu sein, die Krone des Lebens im Sterben für den Glauben zu finden. Doch die sonst so wilden Wikinger weigerten sich, zuzuschlagen. Heiden haben meist keine Probleme, wenn ein neuer Gott ankommt. Ansgar hat sich sicherlich oft über diese Ignoranz geärgert. Aber er starb 860 ganz friedlich in Bremen. Und selbst als die Isländer 140 Jahre später den Pfaden des „Apostels des Nordens“ folgten, wirkte noch die heidnische Toleranz: Der christliche Glaube wurde zwar zur Staatsreligion erklärt, aber was die Menschen in ihren Häusern anbeteten, beschloss der Allthing, sei ihre Privatsache. Auch deswegen können die Elfen bis heute ihr Wesen treiben.
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