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Zukunftsvision: Markt und Technik sollen es richten

Was kommt nach dem Atomzeitalter? Jeremy Rifkins Zukunftsvision „Die dritte industrielle Revolution“ wagt einen Ausblick.

Solaranlage in Spanien – ist das die wirtschaftlich attraktive Lösung?
Solaranlage in Spanien – ist das die wirtschaftlich attraktive Lösung?
Foto: afp

Jeremy Rifkin ist ein weit gereister Mann. Der amerikanische Soziologe beschäftigt sich mit den drängenden Problemen der Zeit. Und in seiner Eigenschaft als Berater verschiedener Regierungen und sogar der EU-Kommissionen, verfügt er über beste Kontakte zu den Mächtigen dieser Welt. In seinem neuesten Buch über die „Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter“ liest sich das dann so: „Beim Entwurf der Blaupause für Europas dritte industrielle Revolution hatte ich die Ehre, mit vielen von Europas führenden Politikern zusammenzuarbeiten, darunter Kanzlerin Angela Merkel, den Premierministern von Italien und Spanien…“ Mit anderen Worten, der Mann ist wichtig und gut im Geschäft.

Dies lässt er uns bereits auf den ersten Seiten wissen und erinnert uns im Weiteren immer wieder daran – nun ja, ein wenig nervt das eitle Tamtam schon. Zur Kunst der Selbstvermarktung gehören immer auch kräftige Thesen. Unterhalb einer Revolution macht es Rifkin in der Regel nicht. Das war schon so bei seinen Büchern über das „Ende der Arbeit“ in unseren postindustriellen Gesellschaften, über den „Zugang“ zu Ideen, Gütern und Dienstleistungen als neuen Leitbegriff der Globalisierung oder über die „H2 -Revolution“ unserer überkommenen, da kohlenstoffbetriebenen Wirtschaft. Sein neues Buch schließt eben hier an und handelt von der „dritten industriellen Revolution“.

Das Buch

Jeremy Rifkin: Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter. Übersetzt von Bernhard Schmid. Campus, Frankfurt am Main 2011. 304 Seiten, 24,99 Euro.

Rifkin vermutet, dass „uns unsere Nachfahren nach den fossilen Brennstoffen definieren und unsere Periode die Kohlenstoffzeit nennen (werden), so wie wir heute von einer Bronze- oder Eisenzeit sprechen“. Von der Sache her hat er selbstverständlich Recht, unsere Kohle- und Erdölreserven gehen unwiederbringlich zuneige, die durch sie befeuerte zweite industrielle Revolution erschöpft sich zunehmend. Volkswirtschaften, die sich darauf nicht einstellen, werden verschwinden. Wie aber verhindert werden kann, dass in den nächsten Jahrzehnten der weltweit wachsende Energiehunger hunderte von neuen Atomkraftwerken entstehen lässt, muss uns Rifkin erklären.

Der Amerikaner hält sich nicht besonders mit ökologischen Argumenten auf, etwa in Hinblick auf die nach wie vor ungelöste Frage, wo der radioaktive Müll endgelagert werden soll. Rifkin behandelt unsere Energiezukunft vielmehr als ökonomisches Problem: Gibt es wirtschaftlich attraktive Alternativen zur nuklearen Alternative? Könnte es sogar im wohlverstandenen Eigeninteresse der Wirtschaft liegen, auf Kernenergie zu verzichten? Eine Energiewende zum Besseren, so Rifkin, lässt sich nicht staatlich verordnen, sondern kann nur gelingen, wenn sie sich als ökonomisch sinnvoll erweist, also mit bezahlbaren und zuverlässigen Technologien verbunden ist.

Alles kommt also auf die Wirtschaft an. Der allerdings fehlt ein „neues Narrativ“, konstatiert Rifkin, eine neue Erzählung, in der die vielen einzelnen, über die ganze Welt verteilten, zumeist nicht miteinander vernetzten Pilotprojekte und Einzelmaßnahmen in einer großen Bewegung zusammengefasst sind. Unsere wirtschaftlichen Probleme, geht Rifkin noch einen Schritt weiter, haben weder mit restriktiven Umweltauflagen noch mit unsere Abhängigkeit vom Erdöl zu tun, sondern damit, dass es unseren Politikern und Wirtschaftslenkern an einer kraftvollen und zukunftsfreudigen Ideologie mangelt: Die grünen Technologien sind zwar da, aber niemand weiß mit ihnen, so richtig etwas anzufangen.

Politik und Wirtschaft sind mental noch gar nicht in der Gegenwart ankommen. Wir organisieren unsere Energie immer noch in jenen unflexiblen, da hierarchischen und zentralistischen Großeinheiten, die in der Kohlenstoffära erfolgreich waren, nun aber nach dem Vorbild des Internets „in der heraufkommenden Ära grüner Industrie dezentralen und kollaborativen Beziehungen weichen“ müssen. Rifkins „neues Narrativ“ handelt also von einem globalen Energie- und Informationsnetzwerk, in dem alle Teilnehmer voneinander abhängig sind und sich gegenseitig kontrollieren, in dem keine monopolistischen Strukturen mehr herrschen und damit einhergehend sich die ganze Gesellschaft verändert.

Und dann legt Rifkin mit seiner Vision los: Die Wirtschaft stellt sich konsequent auf erneuerbare Energie um. Grüner Strom ist der Hauptantrieb der dritten industriellen Revolution. Darüber hinaus „gibt es in der EU geschätzte 190 Millionen Gebäude. Jedes dieser Gebäude ist ein potenzielles Mikrokraftwerk, das die erneuerbaren Energien vor Ort aufsaugen könnte – die Sonne auf dem Dach, den Wind, der um die Außenmauern streicht, die Abwässer aus dem Haus, die Erdwärme unter dem Gebäude und so weiter“. Die 190 Millionen Mikrokraftwerke sind in einem „intelligenten Netzwerk“ verbunden, in dem lokale Überschüsse der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden.

Die Trias von Kraftwerksneu-, Gebäudeum- und Netzausbau, ist sich Rifkin sicher, kurbelt die Bauwirtschaft ordentlich an, Arbeitsplätze entstehen, in den Hochtechnologiebranchen sowieso. Wasserstoffspeicher in den Gebäuden und an den großen Knotenpunkten lösen zudem das Problem der Energiespeicherung bei der naturgemäß unregelmäßigen Energieeinspeisung der vielen Tausend lokalen Erzeuger. Der Personen- und Güterverkehr schließlich besteht nur noch aus Steckdosen- oder Wasserstofffahrzeugen. Was davon heute noch nicht existiert, gibt sich Rifkin optimistisch, wird es demnächst geben, denn die grüne Technologien entwickeln sich ohnehin schneller als wir gedacht haben.

Energieregime wirken auf das Wesen von Kulturen. Fossile Brennstoffe „sind elitäre Energien aus dem einfachen Grund, dass man sie nur an bestimmten Orten findet“. Kohle, Öl und Erdgas zu erschließen, auszubeuten, zu transportieren und zu verarbeiten, möglicherweise militärisch zu sichern – all das ist teuer, stellt Rifkin fest, und an mächtige Organisationen und Bürokratien gebunden. Die Einführung erneuerbarer Energieformen wird demgegenüber auf eine „Demokratisierung von Energie“ hinauslaufen, was auch „die Verteilung ökonomischer, politischer und sozialer Macht im 21. Jahrhundert verändern dürfte“. Rifkin nennt diese lichte Zukunft den „dezentralen Kapitalismus“.

Ob das wohl gut geht? Immerhin müsste die Macht der großen Energiekonzerne ordentlich beschnitten werden. Rifkin schwebt eine Rückkehr von der „Globalisierung zur Kontinentalisierung“ vor: Unter der Leitung der neuen Energiedoktrin ordnen sich auch die sozialen und politischen Systeme nur noch innerhalb kontinentaler Grenzen; der globale Energietransfer und mit ihm die globalisierte Wirtschaft muss wegen ihrer ruinösen Verschwendung und Zerstörung lebenswichtiger Ressourcen verschwinden. Für Rifkin ist klar, dass uns die Wirtschaft, sobald sie über ihr wohlverstandenes Eigeninteresse aufgeklärt wurde, den richtigen Weg weisen wird.

Rifkins unbändiger Markt- und Technikoptimismus verschafft ihm durchaus Gehör bei den wirtschaftsgläubigen Eliten. Aber mit welchem Erfolg? Bei dem zu Beginn erwähnten Treffen mit den europäischen Regierungschefs hieß der italienische Ministerpräsident noch Romano Prodi; der hatte dieses Amt bis 2008 inne, das sind rund 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Trotz intensiver Beratung durch Rifkin beschlossen Angela Merkel und das allmächtige Politbüro der Atomlobby dann doch den Wiedereinstieg in die Atomkraft. Erst die Kernschmelze von Fukushima belehrte sie eines Besseren. Tja, auf die Mächtigen ist nicht immer Verlass.

Und Rifkin, der selbstbewusste wie geschmeidige Propagandist der Revolution, wird noch lange in aller Welt unterwegs sein.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  11 | 10 | 2011
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