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Zum Tod des Schriftstellers Arnošt Lustig: Wer als Letzter spricht

Er erstickte nicht an einer „Schuld“ des Überlebens, er sprach als Zeuge bis zuletzt: Der Auschwitz-Überlebende Arnošt Lustig verlor als Jugendlicher sein Weltvertrauen für immer. Seine Drehbücher und Romane zeugen von dem tabuisierten Grauen. Nun ist er in seiner Geburtsstadt Prag mit 84 Jahren gestorben.

Arnošt Lustig, Schriftsteller und Überlebender der Konzentrationslager.
Arnošt Lustig, Schriftsteller und Überlebender der Konzentrationslager.
Foto: Rene Volfik / dapd

Arnošt Lustig hat in den Abgrund des „Nichtsein“ geblickt, von dem er wusste, dass er sich nicht wieder schließen würde. Wer den Geruch von Auschwitz eingeatmet hat, wird ihn nicht mehr los. Die Ganzheit seines Lebens blieb von diesem Weltschrecken umschlossen.

Arnošt Lustig, geboren am 21. Dezember 1926 in Prag, wurde als Jude im November 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Mit Auschwitz-Birkenau und der Verlegung als jugendlicher Arbeitssklave nach Buchenwald ging sein Weltvertrauen für immer verloren. 1945 gelang ihm auf dem Todesmarsch nach Dachau die Flucht. Seine Familie wurde ermordet. Rastloses Leben in Prag nach Kriegsende wird zum Versuch beschleunigter Selbstvergewisserung. Nach Abbruch des Studiums arbeitet Lustig als Journalist. Er berichtet 1948 vom ersten israelisch-arabischen Krieg. Erst in den späten fünfziger Jahren nähert er sich als Drehbuchautor seinem Lebensthema.

Die Erzählbände „Nacht und Hoffnung“ und „Diamanten der Nacht“ entstehen aus Filmvorhaben. Vor dem Hintergrund der Debatte über das umstrittene Handeln der Brand/Kastner-Gruppe vom Budapester Judenrat zur Rettung ungarischer Juden erschien 1964 sein Roman „Ein Gebet für Katharina Horowitzová“ (dt. 1991). Ein Tabuthema: Errettung als Tauschhandel. Nach ihren Schweizer Bankkonten ausgewählte Juden sollen sich freikaufen können. Vor diesem Buch verstummt jede kritische Wertung. Autobiographischer ist der Roman „Finsternis wirft keine Schatten“ (dt.1994). Zwei jüdischen Jungen gelingt die Flucht auf einem KZ-Transport. Ihre Grunderfahrung spiegelt ein Rabbiner-Wort: „Es gibt nur zwei Rassen auf der Welt: Anständige und Unanständige.“ Tabuisiertes Grauen durchzieht den Roman „Deine grünen Augen“ (dt. 2007). Das Schicksal einer minderjährigen Jüdin, die in Auschwitz für ein Feldbordell ausgewählt wird, lässt den Atem stocken.

Arnošt Lustig bezahlte 1968 das Engagement für den Prager Frühling mit neuer Heimatlosigkeit. Seit 1970 unterrichtete er in Washington Film und Literatur, seit 2003 wohnte er wieder in seiner Geburtsstadt, die ihn mit dem Franz-Kafka-Preis ehrte. Am Samstag starb Arnošt Lustig. Er erstickte nicht an einer „Schuld“ des Überlebens, er sprach als Zeuge bis zuletzt.

Autor:  Jürgen Verdofsky
Datum:  27 | 2 | 2011
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