Horst Koske fängt an zu weinen. „Ich bin so froh, wenn ich den Moment hinter mich gebracht habe“, sagt der 88-Jährige und zieht ein Stofftaschentuch aus seinem blauen Anzug hervor. Der alte Mann ist mit seinem Sohn zur Buchmesse gekommen, um sein Trauma endlich zu überwinden. „Am liebsten möchte ich den Kerl einfach nur in den Arm nehmen“, sagt Koske.
Mit dem Kerl meint er Sigurdur Gudmundsson, jenen Isländer, der vor über 70 Jahren Matrose auf dem isländischen Passagierschiff Godafoss war, das durch ein deutsches U-Boot in der Hafeneinfahrt von Reykjavik versenkt wurde. Koske war damals Funkmaat auf dem U-Boot. 24 Menschen kamen beim Angriff auf das isländische Schiff ums Leben, 18 überlebten. Die Deutschen hatten aus Versehen das Schiff des neutralen Staates mit Torpedos beschossen, weil das Passagierschiff grau aussah wie ein typisches Konvoischiff der Alliierten.
Das war im November 1944, kurz nachdem der britische Premierminister Winston Churchill den U-Boot-Krieg der Deutschen für praktisch beendet erklärt hatte. Auf Island waren zu dieser Zeit 45.000 Soldaten der Alliierten stationiert, und niemand rechnete noch damit, dass sich ein U-Boot so nah an die Küste herantrauen würde.
Der Torpedo des deutschen Bootes traf am 10. November 1944 um 13:02 die Backbordseite der Godafoss, das Schiff legte sich sofort auf die Seite, wurde von Wasser durchflutet, und jeder, der sich im Maschinenraum befand, starb sofort.
Die Versenkung der Godafoss wurde fortan zum nationalen Trauma für die Isländer, und trotz intensiver Suche hat bis heute niemand das Wrack gefunden.
Dafür haben sich die beiden ehemaligen Polizeireporter Stefan Krücken und Ottar Sveinsson gefunden. Sie haben mit Horst Koske und Sigurdur Gudmundsson die letzten Überlebenden der Katastrophe zum Sprechen gebracht und daraus ein bewegendes Buch gemacht. Eine Grundlage dafür sind die Aufzeichnungen von Horst Koske, in denen er seinen Kindern und Enkelkindern schildert, wie es damals wirklich war. „Man hat uns vorgeworfen, wir hätten ein neutrales Schiff versenkt“, sagt Koske. Ihm war es wichtig aufzuschreiben, dass die Godafoss nicht die Zeichen eines neutralen Schiffes getragen hat. An die Kinder und Frauen, die gestorben sind, denkt er lieber nicht. Er hat mit seinen ehemaligen U-Boot-Genossen später über alles geredet, nur nicht über den Krieg. Aber Koske hat jahrelang denselben Traum gehabt. Immer wieder hat er darin versucht, einen Sandberg hochzukommen, und ist dabei immer tiefer eingesunken. Der Traum hat erst aufgehört, als er seine Aufzeichnungen beendet hat. Der letzte Schritt war die Begegnung mit dem Isländer, mit dem er so schicksalhaft verbunden ist.
Gestern war es so weit. „Die Zeit heilt alle Wunden“, hat der isländische Außenminister im isländischen Pavillon gesagt, bevor sich die letzten Überlebenden der Katastrophe gegenüberstanden. Eine Viertelsekunde ist die Zeit stehengeblieben, dann hat Gudmundsson zu Koske gesagt: „I don’t hate you.“ Und dann hat der deutsche alte Mann den isländischen alten Mann einfach in den Arm genommen.
Godafoss, hrsg. von Ottar Sveinsson mit Stefan Krücken. Ankerherz Verlag, 192 Seiten, 29,90 Euro.
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