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Frankfurter Rundschau
Die Frankfurter Rundschau stellt den Insolvenz-Antrag - die Zeitung erscheint weiter

15. November 2012

Krautzberger erfolgreich saniert: Insolvenz: Die Chance genutzt

 Von Peter Dietz
Mit Druckluftpistolen ist Krautzberger seit Langem erfolgreich.Foto: Krautzberger

Eine Insolvenz bedeutet nicht automatisch das Ende eines Unternehmens. Wenn er möglichst früh gestellt wird, kann die Wende mit Einsatz, Kreativität und Hartnäckigkeit gelingen. Das zeigt der Mittelständler Krautzberger.

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Am Dienstag hat die Frankfurter Rundschau Insolvenz angemeldet. Das bedeutet nicht automatisch das Aus für die Zeitung. Es gibt viele Beispiele dafür, dass eine Insolvenz auch die Chance für einen erfolgreichen Neuanfang birgt. Ein Beispiel ist die mittelständische Firma Krautzberger aus dem hessischen Eltville.

Der Tiefpunkt ist im Januar 2009 erreicht. Die Lage ist so ernst, dass Holger und Thomas Weidmann ihren Leuten keinen Lohn mehr zahlen können. Im Sog der Wirtschaftskrise brechen die Umsätze weg, in den Büchern steht nicht mal mehr ein Drittel der Aufträge wie in den Jahren davor. In der Flaute investiert die Industrie nicht in neue Spritzanlagen, die Kunden warten lieber ab. Weidmann reagiert, doch selbst Kündigungen und Kurzarbeit bringen keinen Spielraum mehr. Dem Traditionsunternehmen Krautzberger droht das Aus – fast 107 Jahre nach Gründung.

Albert Krautzberger gilt als Erfinder der Spritzpistole. Am 9. Oktober 1902 meldet er ein Patent für ein durch Druckluft betriebenes Malgerät an. Dadurch geht das Lackieren großer Flächen wesentlich leichter von der Hand. Eine Erfindung mit Zukunft: Noch heute arbeitet die Mehrzahl der verwendeten Druckluftspritzpistolen nach dem von Albert Krautzberger entwickelten Prinzip.

Brüdern fehlt langfristige Finanzierung

Bis zum Zweiten Weltkrieg fertigt das Unternehmen in Holzhausen bei Leipzig Kompressoren, Geräte und Anlagen für die Behandlung von Oberflächen. Nach dem Zusammenbruch aber verlässt die Familie den Osten Deutschlands und siedelt nach Eltville im Rheingau über. Am neuen Standort arbeiten in Spitzenzeiten mehr als 100 Menschen für den Anlagenbauer. Der Laden brummt – bis zu 13 Millionen Euro setzt der Betrieb in guten Jahren um. Kunden sind Handwerker und Zulieferer von Autobauern sowie die Holz und Kunststoff verarbeitende Industrie.

Seit Gründung ist die Firma in Händen der Familie Krautzberger. Doch nun droht den Brüdern Holger und Thomas Weidmann das Erbe zu entgleiten. Neben der Krise macht ihnen auch der Rückkauf der früheren Betriebsstätte in Leipzig zu schaffen. Das Geschäft war zu kurzfristig finanziert; jährlich mussten Verlustübernahmen von bis zu einer Million Euro verkraftet werden. Letzter Ausweg: der Gang zum Amtsgericht. Mit einem sogenannten Planinsolvenzverfahren wollen die Weidmanns retten, was noch zu retten ist.

Für diesen Schritt werden die Brüder heute gelobt. „Die Chancen einer nachhaltigen Sanierung sind dann am größten, wenn der Insolvenzantrag, wie bei Krautzberger, möglichst frühzeitig gestellt wird“, sagt der Sanierungsexperte Jürgen Blersch aus Wiesbaden. Das sei nicht nur mutig und vorbildhaft, sondern auch verantwortungsvoll den Mitarbeitern und Gläubigern gegenüber. Die Realität zeige, dass viele Unternehmer den Gang zum Insolvenzgericht erst dann antreten, wenn bereits alle Reserven verbraucht seien und nur noch die Liquidation möglich ist.

Rettung hoffnungsloser Fälle

Die Rettung von Krautzberger gelingt – aber nicht ohne Opfer. Die Gläubiger verzichten auf einen großen Teil ihrer Forderungen. Und ein Drittel der damals 90 Mitarbeiter verliert den Job. Die Sparpläne gehen so weit, dass die verbliebenen Beschäftigten Arbeitsplätze und Toiletten selbst reinigen müssen.

Die bittere Medizin wirkt. Schon 2010 wird das Insolvenzverfahren abgeschlossen, unterm Strich steht ein Gewinn von zwei Millionen Euro. Ende März 2012 zahlt die Firma die letzte Rate der Verwertungsquote an die Gläubiger. Krautzberger zeige, dass die Wende mit Einsatz und Kreativität, Hartnäckigkeit und Durchsetzungswillen auch bei scheinbar hoffnungslosen Fällen möglich sei, sagt der Wirtschaftsprüfer Arno Probst. Zu intelligenten Konzepten müsse aber auch der Mut des Unternehmers kommen.

Fürs laufende Jahr peilt der Betrieb einen Umsatz von 10,5 Millionen an. Holger Weidmann sieht das Unternehmen auf gutem Weg. „Wir focussieren uns aufs Kerngeschäft, haben die Kosten im Griff“, sagt er. Die Budgets etwa für Messen und Werbung würden heute öfter auf den Prüfstand gestellt. Stimmen die Planzahlen nicht, dann werde gespart. Krautzberger hat seine Chance genutzt.

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