Die Rolle der Frankfurter Rundschau? Hängt an unzähligen Haustüren, könnte man sagen, manchmal grün, manchmal weiß, oft aus Plastik und immer ziert sie ein gestanzter Schriftzug, der klarmacht, was hier hineingestopft gehört und was nicht. Irgendwann knattert dann ein einsames Moped durch die Stille heran, schiebt einer die Frankfurter Rundschau in die Rolle. So fängt es jeden Morgen an.
Im Depot am Karl-Gerold-Platz in Sachsenhausen ist es noch ruhig so früh am Tag, nur der Pförtner ist da, die Monitore im Newsroom sind aus, nichts flackert, niemand flüstert. Doch nicht lange, nachdem im Frankfurter Nordend, am Wiesbadener Neroberg oder im Darmstädter Watzeviertel einer die Zeitung in die Rolle gestopft hat, stehen schon die ersten Fahrräder im Ständer am Depot.
Schon früh am Morgen beginnen die ersten Redakteure, die aktuelle Nachrichtenlage für das Internetangebot der FR aufzubereiten, andere sortieren den beginnenden Tag im Kopf vor, führen erste Telefonate mit Politikern oder Informanten, treffen Verabredungen für den Tag. Die Redaktion Frankfurt & Rhein-Main ist zuständig für die Nahaufnahmen der FR, dafür versammelt sie Spezialisten, für Bauprojekte, Bildungspolitik, Soziales oder Verbrechensbekämpfung. Eine Stadt im Kleinen, die sich pünktlich um zehn Uhr zur Konferenz trifft. Um den Grundstein zu legen einer jeden Lokalausgabe für Frankfurt, die Stadt, die täglich zur Millionenmetropole anschwillt.
Mehr als 300.000 Pendler machen sie dazu, wie auch Darmstadt, Offenbach und Wiesbaden jeden Morgen mit dem Strom des Berufsverkehrs wachsen. Allesamt sind sie traditionsreiche und allemal selbstbewusste Städte, doch erst gemeinsam als Metropolregion Rhein-Main gewinnen sie Bedeutung.
Fast jeder zweite Berufstätige in der Region pendelt, auch in der Freizeit geht es zu Kultur und Erholung quer durchs Rhein-Main-Gebiet mobil weiter – und zigtausende FR-Leser sind immer mittendrin. Für die Redaktion bedeutet das, täglich einen Spagat zu schaffen: Sie muss die Nahaufnahmen aus der Stadt liefern und gleichzeitig die gesamte Region im Blick haben.
Die Besatzungsmacht steht am Anfang. Zu den Aufgaben, die sich die Alliierten nach dem Sieg über den Nationalsozialismus setzen, gehört die Gründung freier Zeitungen mit demokratisch gesinnten Redakteuren im Nachkriegsdeutschland. Im April 1945 bereits gibt das US-Militär die Frankfurter Neuesten Nachrichten heraus. Die Blätter in der amerikanischen Zone werden von einer Agentur des US-Militärs mit Nachrichten beliefert, den German News Services, die in Bad Nauheim ihren Sitz hat.
Immer wieder auch den Weitwinkel aufgeschraubt hat deshalb Stefan Kuhn. Der Redaktionsleiter sitzt mitten im Zentrum des Newsrooms im Depot, von dort aus koordiniert und komponiert er neben der Stadtausgabe auch den Regionalteil in fünf verschiedenen Varianten.
Seine Spezialisten dafür hat Kuhn allerdings nicht alle um sich geschart; sie sind auch weit verteilt. Neuigkeiten und Themen erreichen ihn und die Kollegen am zentralen Newsdesk aus den Büros in Wiesbaden, Offenbach, Bad Homburg, Bad Vilbel, Hofheim und Hanau sowie von den Korrespondenten in Kassel, Marburg und dem Landtag. Eine Informationsflut von morgens bis abends.
Kuhn ist stolz darauf, den Lesern jeden Tag aufs Neue einen kompakten Überblick über die Metropolregion zu verschaffen und zugleich das Wichtigste über das lokale Leben vor der Haustür zu liefern. „Wir müssen sehr viel filtern“, sagt Kuhn, „denn wir haben an jedem Tag den Anspruch, neben einer kompletten und kompetenten landespolitischen Berichterstattung auch das Leben in der Region abzubilden“.
Nach der morgendlichen Konferenz sitzen Kuhn und sein Stellvertreter Georg Leppert mit Chefredakteur Arnd Festerling und den Blattmachern zusammen, um die Seiten abzusprechen, die Themen zu koordinieren. Was wird Thema des Tages? Wovon handeln die Kommentare? Wie viel Platz bekommt das Bauvorhaben am Frankfurter Industriehof, wie viel die Demonstration in Wiesbaden, wie viel der S-Bahn-Unfall in Darmstadt? „Die Absprache und Komposition ist am wichtigsten“, sagt Redaktionsleiter Kuhn, „damit der Schulanfang im Blatt nicht dreimal vorkommt.“ Und gleichzeitig wird alles mit den Machern der Digitalen Redaktion abgesprochen, damit aktuelle Ereignisse auch möglichst schnell ihren Weg ins Internetangebot und die App der FR finden.
„Die Frankfurter Rundschau muss eine Zukunft haben. Das ist wichtig für unsere Stadt, wichtig für die Meinungsvielfalt in Frankfurt und der Republik und wichtig für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer des Verlages. Der Insolvenzantrag darf jedenfalls nicht das letzte Wort sein.
Die FR hat mich mein Leben lang begleitet. Sie hat eine große publizistische Tradition, die Frankfurt und das ganze Land geprägt hat. Sie war die zweite deutsche Tageszeitung nach dem Zweiten Weltkrieg und zählte über Jahrzehnte zu den bundesweit meinungsbildenden Organen.
Schon deshalb muss alles unternommen werden, um einem neuen Investor den Einstieg zu ermöglichen. Ich freue mich über die große Resonanz bei den Frankfurtern, den vielen Abonnenten und den vielen anderen Menschen aus dem ganzen Land. Der Schock und die Bestürzung über die Insolvenz-Nachricht waren nachvollziehbar. Gefreut haben mich aber die vielen Solidarerklärungen bis heute.
Die Rundschau erfährt gerade große Unterstützung. Dieser Rückenwind muss genutzt werden, um eine wetterfeste neue Zukunft für die FR aufzubauen.“
Peter Feldmann ist Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main
Foto: dapdMit diesem Aufwand hat es die FR geschafft, zur Nr. 1 der Tageszeitungen in Frankfurt/Rhein-Main zu werden. Vom ausgebombten Haus in der Schillerstraße ist die Redaktion bald in den Stammsitz am Eschenheimer Turm gezogen und über einen Zwischenstopp am Deutschherrnufer vor zwei Jahren im Sachsenhäuser Depot angekommen. Neben dem täglichen Aufwand, der in der Redaktion betrieben wird, um die Rolle der Rundschau in Stadt und Region mit Leben zu füllen, tragen dazu auch regelmäßige Treffen bei, die früher in dieser Form noch unvorstellbar waren.
Während im Newsroom die Seiten von Stadt- und Regionalausgaben allmählich gefüllt werden, treffen sich Redaktionsleiter Kuhn und Chefredakteur Festerling in den oberen Etagen des Depots regelmäßig mit Ralf Walther, dem Chef der Marketingabteilung. Gemeinsam bereiten sie etwa die nächsten Stadtgespräche im Foyer des Depots vor.
Hier vollzieht sich, was lange geplant war: der Schritt von der Zeitungsredaktion zum Medienhaus. „Es gab da früher unheimlich Berührungsängste zwischen Redaktion und Verlag“, sagt Walther. „Heute entwickeln wir gemeinsam das Depot zu einer Institution, zum Treffpunkt im Herzen von Stadt und Region.“ Fast 50 Stadtgespräche und andere Veranstaltungen wurden so in den vergangenen Jahren schon auf die Beine gestellt und haben die FR „auch zum Handelnden gemacht“.
Seit die Frankfurter Rundschau beim Amtsgericht einen Insolvenzantrag gestellt hat, erleben wir eine Welle der Solidarität - zahlreiche Abo-Bestellungen und Extra-Anzeigen zeugen davon. Eine ganze Stadt kämpft für das Weiterbestehen ihrer Zeitung. Sehen Sie selbst.
Foto: Andreas ArnoldDas ist neu in der Rolle der FR. Nur in einem Bereich war die Zeitung schon immer auch Handelnde: bei der Altenhilfe. Im Erdgeschoss sitzt Gina Lülves in einem Büro voller Grünpflanzen; sie steuert eines der größten Sozialprojekte, die eine deutsche Tageszeitung unterhält. 980.000 Euro aus Spendeneinnahmen hat die Altenhilfe allein im vergangenen Jahr für bedürftige alte Menschen aufgewendet, als direkte Beihilfen oder für Projekte. „Es ist ein Traumjob“, sagt Lülves, „weil ich unheimlich viel zurückbekomme von den Menschen“.
So gesehen schließt sich bei Lülves der Kreis, wird die Rolle der Rundschau offenbar. Weil sie eben nicht nur eine Plastikröhre ist, in die im Morgengrauen eine Zeitung gestopft wird.
Die Frankfurter Rundschau stellt einen Insolvenz-Antrag - die Zeitung erscheint weiter. Das Spezial.

Die Zukunft der Frankfurter Rundschau ist gesichert. Die Eigentümer betonen, es gibt keinen Einfluss auf das gewachsene politische Profil. Chefredakteur Festerling blickt nach vorne: "Wir haben einiges vor."
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