Das Endresultat hatte viel mit dem Anfang zu tun. Was 1975 das Licht der Welt erblickte, ist ohne die Medienpolitik der Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg kaum denkbar. Gemeint ist die „Karl-Gerold-Stiftung“, deren Namensgeber am 15. April 1946 von der US-Militärregierung die Lizenz erhielt, einer Gruppe beizutreten, die vom 1. August 1945 an die Frankfurter Rundschau herausgeben durfte. Und der dann seine später am „Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH“ entstandenen Anteile in eine rechtsfähige Stiftung des Bürgerlichen Rechts einbrachte.
Rückblende 1945: Die FR war im amerikanischen Sektor so etwas wie ein Pilotprojekt unter spartanischen Konditionen. Papier war knapp und wurde zugeteilt. Setz- und Druckmaschinen sowie ein Teil des technischen Personals stammten vorwiegend aus der 1943 von den Nazis verbotenen Frankfurter Zeitung. Manches Gerät musste zuerst von Trümmerschutt befreit werden.
Anfangs erschien die FR zweimal in der Woche mit vier Seiten, samstags sechs. Erst von Juli 1948 an erreichte das Blatt die Leser täglich. Sieben Lizenzträger gehörten zum Gründerteam.
Die Besatzungsmacht steht am Anfang. Zu den Aufgaben, die sich die Alliierten nach dem Sieg über den Nationalsozialismus setzen, gehört die Gründung freier Zeitungen mit demokratisch gesinnten Redakteuren im Nachkriegsdeutschland. Im April 1945 bereits gibt das US-Militär die Frankfurter Neuesten Nachrichten heraus. Die Blätter in der amerikanischen Zone werden von einer Agentur des US-Militärs mit Nachrichten beliefert, den German News Services, die in Bad Nauheim ihren Sitz hat.
„Die Frankfurter Rundschau muss eine Zukunft haben. Das ist wichtig für unsere Stadt, wichtig für die Meinungsvielfalt in Frankfurt und der Republik und wichtig für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer des Verlages. Der Insolvenzantrag darf jedenfalls nicht das letzte Wort sein.
Die FR hat mich mein Leben lang begleitet. Sie hat eine große publizistische Tradition, die Frankfurt und das ganze Land geprägt hat. Sie war die zweite deutsche Tageszeitung nach dem Zweiten Weltkrieg und zählte über Jahrzehnte zu den bundesweit meinungsbildenden Organen.
Schon deshalb muss alles unternommen werden, um einem neuen Investor den Einstieg zu ermöglichen. Ich freue mich über die große Resonanz bei den Frankfurtern, den vielen Abonnenten und den vielen anderen Menschen aus dem ganzen Land. Der Schock und die Bestürzung über die Insolvenz-Nachricht waren nachvollziehbar. Gefreut haben mich aber die vielen Solidarerklärungen bis heute.
Die Rundschau erfährt gerade große Unterstützung. Dieser Rückenwind muss genutzt werden, um eine wetterfeste neue Zukunft für die FR aufzubauen.“
Peter Feldmann ist Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main
Foto: dapdPriorität hatte für ihn die Nähe zur Redaktion. Mittendrin, an einem schmalen Flur im 2. Stock des Verlagsgebäudes in der Großen Eschenheimer Str. 16-18, lag sein Büro, dort schrieb er die meisten seiner Kommentare – direkte, meist ungeschminkte, oft deftige Einmischungen ins politische Geschehen. Die Leser dankten es ihm. So viel zustimmende Post wie er hat nie einer in der Rundschau erhalten.
Rückblende: Je mehr sich das Militär aus der Zeitungskontrolle zurückzog, je mehr sich quasi durch schleichende Eigentumsübertragung Besitz- und Machtverhältnisse änderten, desto logischer war die Frage, welche Rechtsform das Lizenzmodell ablösen sollte. Noch zu Reichsmark-Zeiten wurde deshalb das „Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main“ gegründet. Kurz danach, 1949, gab es bereits Überlegungen, Zeitung und Verlag in eine Stiftung einzubringen. Warum daraus nichts wurde, ist unklar.
Seit die Frankfurter Rundschau beim Amtsgericht einen Insolvenzantrag gestellt hat, erleben wir eine Welle der Solidarität - zahlreiche Abo-Bestellungen und Extra-Anzeigen zeugen davon. Eine ganze Stadt kämpft für das Weiterbestehen ihrer Zeitung. Sehen Sie selbst.
Foto: Andreas Arnold1968 folgte der zweite Anlauf. Mehrheitsgesellschafter Gerold legte testamentarisch fest, dass seine auf zwei Drittel angewachsenen Anteile am Unternehmen einer Stiftung mit seinem Namen zugeführt werden sollten. Die Stiftungsverfassung war ausformuliert, als er am 28. Februar 1973 starb. Im Juli 1975 wurde dann vom hessischen Innenminister die „Karl-Gerold-Stiftung“ als rechtsfähig anerkannt.
Arno Ruderts Anteile am Verlag (ein Drittel) kamen 1984 durch Zukauf von den Erben dazu. Nach dem Tod von Elsy Gerold-Lang 1988, der ersten Vorsitzenden des Kuratoriums der Stiftung, floss auch ihr Vermögen in Gerolds Projekt, das – einer politischen Grundhaltung verpflichtet – die Förderung des journalistischen Nachwuchses finanziert.
Dieser Schwerpunkt des Auftrags erfüllt sich in der Vergabe von Stipendien an Männer oder Frauen, die sich an Hoch- und Fachschulen zu Journalisten ausbilden lassen, und an Nachwuchskräfte in Zeitungen, die sich erfolgreich für ein Ausbildungs- oder Reisestipendium bewerben.
Gefördert werden darüber hinaus als gemeinnützig anerkannte Ausbildungseinrichtungen. Bisher konnte knapp 500 jungen Frauen und Männern finanziell unter die Arme gegriffen werden.
Vertreter des Projekts sind ein geschäftsführender Vorstand (seit 2005 Dr. Wolfgang Lauth) und ein fünfköpfiges Kuratorium, das vor allem über die Vergabe der Fördermittel entscheidet.
Das Postulat in der Stiftungsverfassung, „weder insgesamt noch teilweise“ Geschäftsanteile zu veräußern, konnte angesichts einer fundamentalen Krise 2004 nicht mehr aufrechterhalten werden.
90 Prozent der Anteile am Unternehmen gingen an die SPD-Medienholding DDVG, nachdem die Stiftungsaufsicht in Darmstadt einer Änderung der „Verfassung“ zugestimmt hatte. Zehn Prozent der Anteile am Druck- und Verlagshaus blieben bei der Karl-Gerold-Stiftung. Später wechselten 50 Prozent der Anteile von der DDVG zum Kölner Verlagshaus M. DuMont Schauberg.
Gerolds Entscheidung, seine Beteiligung am Unternehmen nicht wie einen frei verfügbaren Bestandteil seines Privatvermögens zu behandeln, hatte mehrere Gründe. Da bestand zum einen der starke Wunsch, den ideellen Teil seines Lebenswerks für die Zeit nach ihm zu sichern – also ein klassisches Stiftermotiv. Gemeint war bei ihm damit unter anderem, dass die Zeitung politisch unabhängig bleiben sollte, „sozial-liberal (links-liberal)“ positioniert, überregional verbreitet, dem Grundgesetz und den Menschenrechten verpflichtet.
Beharrlich und unbeirrbar sollten Redakteure und Redakteurinnen der Frankfurter Rundschau für soziale Gerechtigkeit eintreten. Das Erbe Gerolds: Es fand Ausdruck im „Anhang Nr. 1“ der Anstellungsverträge für FR-Redakteure, Verpflichtung für alle, das geistige Profil der Zeitung zu wahren – in dieser Form vermutlich ein Unikat in der deutschen Presselandschaft.
Roderich Reifenrath, Jahrgang 1935, war von 1992 bis 2000 Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Die Frankfurter Rundschau stellt einen Insolvenz-Antrag - die Zeitung erscheint weiter. Das Spezial.

Die Zukunft der Frankfurter Rundschau ist gesichert. Die Eigentümer betonen, es gibt keinen Einfluss auf das gewachsene politische Profil. Chefredakteur Festerling blickt nach vorne: "Wir haben einiges vor."
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