Indien - Gewalt gegen Frauen
Eine Vergewaltigung in Indien löst eine nationale Debatte aus.

03. Januar 2013

Land der Gegensätze: Indiens Aufschwung ist mit Elend bezahlt

 Von Martina Doering
Vor allem Frauen und Kinder wie das Mädchen in einem Dorf im Bundesstaat Rajasthan werden Opfer der Verelendung in den ländlichen Gebieten Indiens. Foto: REUTERS

Es liegen Welten zwischen den Metropolen und den ärmsten Regionen Indiens. Die Wirtschaft Indiens boomt, jedoch wurde die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft. Es sind aber vor allem die Frauen der Unterschichten, die die Folgen tragen.

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Von Westbengalens Millionenstadt Kalkutta fahren Züge in die benachbarten Bundesstaaten Bihar, Orissa, Jharkhand und auch weiter nach Chhattisgarh. Die Fahrten in die Hauptstädte dieser Staaten – Patna, Bhubaneswar, Ranchi und Raipur – dauert einige Stunden. Aber es liegen Welten zwischen der Wirtschaftsmetropole mit ihren Hochhäusern, Banken und Shopping-Malls, den Universitäten, Kinos, Galerien – und den Kapitalen von Indien ärmsten Regionen. Über 80 Prozent der Bevölkerung leben dort von der Landwirtschaft, und es herrscht die nackte Not: In den vier Bundesstaaten nahmen sich 2007 nach offiziellen Angaben rund 17 000 Bauern infolge einer Dürre und Ernteausfällen das Leben.

Indien wird mit seinen jährliche Wachstumsraten von sechs bis acht Prozent als Wirtschaftswachstums-Wunderland gefeiert. Internationale und insbesondere US-Unternehmen verlagern Dienstleistungen auf den Subkontinent, Call-Center beschäftigen zehntausende Menschen, Unternehmen für Hard- und Softwareherstellung prosperieren, alle wichtigen internationalen Technologiefirmen haben große Niederlassungen in Indien.

Doch die wirtschaftliche Öffnung des Landes zu Beginn der 90er-Jahre, die Liberalisierung der Märkte und die Einbindung in den Globalisierungsprozess, die dieses Wirtschaftswunder ermöglichten, haben den Graben zwischen den Eliten und der städtischen Mittelschicht auf der einen, den Bauern, den Landlosen, den Wanderarbeitern und Slumbewohnern auf der anderen Seite stetig vertieft.

Mehr Arme und Wanderarbeiter

Weltweit leben auf dem Subkontinent nun zwar die meisten Millionäre und Milliardäre, doch das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen pro Jahr liegt bei nur 1 400 Dollar: 41,6 Prozent der Bevölkerung schlagen sich unterhalb der Armutsgrenze von einem Dollar pro Tag durch. Auf dem Human Development Index von 2011 rangiert Indien auf Platz 134 unter 187 erfassten Staaten. Konkret heißt das: 49 Prozent aller unterernährten Kinder weltweit leben in Indien. Nur 59 Prozent der Kinder beenden die Grundschule, fast 40 Prozent der über 14-jährigen können nicht lesen und scheiben.

Die armen Bundesstaaten im Nordwesten Indiens bekommen die Folgen der Wirtschaftsliberalisierung auf eine besonders harte Weise zu spüren: Dort lagern wertvolle Rohstoffe wie Bauxit und Uran, befinden sich reiche Holz- und Kohlevorkommen sowie Wasserreserven – und die Bewohner und Besitzer des Bodens, insbesondere die dort lebenden Stämme, werden von ihrem Land brutal vertrieben, um Platz für Staudämme, Bergwerke, Industrieanlagen indischer und internationalen Konzerne zu schaffen.

Die landlosen Männer verdingen sich als Tagelöhner, wandern in die Städte oder schließen sich Aufständischen an. Im Juli 2011 befand Indiens Oberster Gerichtshof in einer Stellungnahme zum Verbot einer Regierungsmiliz, dass Indiens neoliberales Entwicklungsmodell mitverantwortlich für den Bürgerkrieg im Nordwesten sei: „Der Neoliberalismus schadet dem Land, verstößt gegen Verfassungsgrundsätze, produziert Elend und Verzweiflung.“

Es sind aber vor allem die Frauen der Unterschichten, die die Folgen tragen: Sie bleiben in den Dörfern , sie müssen die Familien durchbringen und sich gegen Übergriffe wehren – womit sie vor Gericht kaum Chancen haben. Denn die weibliche Bevölkerung Indiens wird zum Teil noch immer als zweitklassig angesehen, ihre bürgerlichen Rechte werden durch Väter oder Ehemänner definiert. Mitgiftmorde, bei denen junge Bräute umgebracht werden weil sie zu wenig einbrachten oder eine neue Heirat lukrativer zu werden verspricht, sind dabei nur ein Teil der Statistik von Gewalttaten gegen Frauen.

Ungleichbehandlung der Frauen

Alle drei Minuten wird in Indien eine Frau Opfer einer Straftat. Alle neun Minuten wird eine Frau vom Ehemann oder einem Verwandten gequält. Alle 20 Minuten wird eine Frau vergewaltigt. Offiziell wurden 2011 in ganz Indien 24 000 Vergewaltigungen gemeldet – Urteile nur in 26 Prozent der Fälle gesprochen.

Und der Anteil der Frauen an der Gesamtbevölkerung geht in den letzten Jahren dramatisch zurück: wegen der Abtreibung weiblicher Föten, wegen der bevorzugten Ernährung und Gesundheitsfürsorge für die Söhne. In Unionsstaaten wie Haryana und Punjab, ebenfalls im Nordwesten des Landes, liegt das Verhältnis schon heute bei 927 Frauen zu 1 000 Männern.

Nach dem Vergewaltigungsfall in Neu Delhi haben Politiker aller Parteien Bedauern und Sympathien mit dem Opfer ausgedrückt. Gegen die Massenproteste aber wurde die Polizei eingesetzt – mit Tränengas, Wasserwerfern und Knüppeln. Die Demonstranten trugen Transparente „Delhis Polizei schaut weg“, „Schande, ein Inder zu sein“ oder „Gerechtigkeit für Frauen. Jetzt!“. Eine Frau hielt ein Schild mit der Aufschrift: „Du kannst vergewaltigt werden, aber nicht gegen Vergewaltigung protestieren. In der größten Demokratie der Welt.“

(Quellen: India Today, Lettre international, Bundeszentrale für Politische Bildung)

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