Indien - Gewalt gegen Frauen
Eine Vergewaltigung in Indien löst eine nationale Debatte aus.

03. Januar 2013

Leitartikel: Nicht nur in Indien

 Von Arno Widmann
Indische Frauen üben sich in Selbstverteidigung. Foto: dpa

Frauenverachtung ist keine indische Spezialität. Inzwischen bedroht sie – bewaffnet mit der Hightech der Pränataldiagnostik – die ganze Menschheit.

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Auf dem Umschlag der neuesten Ausgabe von „Outlook India“, des indischen Spiegel, steht unter der Zeichnung des Kopfes einer jungen Frau: „Jagruti – Die Frau des Jahres“. Das 23-jährige Opfer einer Vergewaltiger-Gang habe die Nation auf den Schrecken aufmerksam gemacht, den Kinder, Mädchen und Frauen täglich still erleiden. „Unsere Jagruti ist ein Kämpfer, eine Inspiration, ein Katalysator für Veränderungen“. Vergangenen Samstag starb sie in einem Krankenhaus in Singapur an den Folgen der mehrfachen Vergewaltigung.

Tausende waren nach dem 16. Dezember auf den Straßen der großen indischen Städte und demonstrierten. Sie wollten sagen, dass sie auf der Seite der jungen Frau stehen, dass Schluss sein muss mit der Straflosigkeit für Vergewaltiger, dass Schluss sein muss mit der Gewalt gegen Frauen. Sie demonstrierten und demonstrieren auch gegen eine Gesellschaft, die die Lage kennt, die aber nichts dagegen unternimmt und gegen die vielen, die nicht nur in dem Bus in Neu Delhi, sondern auch in den Zehntausenden Dörfern den Vergewaltigern nicht entgegentreten, sondern zurückweichen.

Kulturell erlaubt

Dass indische Dörfer immer wieder von Gangs der örtlichen Jeunesse dorée, von Söhnen der Großgrundbesitzer und Verwaltungsbeamten, überfallen werden, ist nichts Neues. Dass die Bauern an den Fluss getrieben, die Frauen vergewaltigt werden – darüber ist immer wieder berichtet worden. Auch darüber, wie wenig die örtliche Polizei dagegen unternimmt.

Die indische Autorin und Bürgerrechtlerin Arundhati Roy („Der Gott der kleinen Dinge“, „Aus der Werkstatt der Demokratie“) hat immer wieder darauf hingewiesen, dass in Indien Vergewaltigung kulturell erlaubt sei. Indien sei, so erklärt sie in der ihr eigenen Klarheit und Schärfe, eine Vergewaltigungs-Kultur.

24.206 Vergewaltigungen kamen 2011 zur Anzeige. Niemanden überrascht diese Zahl. Es ist ein winziger Bruchteil der wirklich stattfindenden Vergewaltigungen. Die indische Armee vergewaltigt in Kaschmir, die Frauen ethnischer oder religiöser Minoritäten werden vergewaltigt wie zum Beispiel Dalit-Frauen von Hindus oder in Gujarat muslimische Frauen von Hindu-Männern. Von den zahllosen Vergewaltigungen in den Ehen und Familien gar nicht zu reden. Das ist seit Jahrzehnten bekannt. Eben so lange wird dagegen gekämpft. Mal publizistisch, mal mit der Waffe in der Hand wie die „Banditenchefin“ Phoolan Devi es tat. Kaum etwas hat sich geändert.

Die Vorstellung, es handele sich bei der Gewalt gegen Frauen um Überreste einer patriarchalisch-archaischen Kultur, die nach und nach der Modernisierung werde weichen müssen, ist offensichtlich falsch. Ganz gleich, wo und wann sich der Wahn entwickelte, Frauen hätten zu tun, was Männer ihnen sagen, er scheint sich bestens anpassen zu können. Auch an die GPS-gesteuerte Moderne. Die Vergewaltigungen spielen sich nicht nur in den Dörfern, in den Schlafzimmern der Wohnungen ab. Die Vergewaltiger sind nicht nur „bildungsfernes“, arbeitsloses Prekariat. Es sind auch bestens ausgebildete, in mehreren Sprachen sich artikulierende alte und junge Männer der Mittelschicht, die auch junge, gut ausgebildete Frauen der Mittelschicht als ihnen zustehende Beute betrachten.

Jeder wusste das, nichts geschah

Gewalt gegen Frauen ist kein Nebenprodukt einer sozialen Lage, einer politischen Konstellation. Man kann sie nicht zum Beispiel durch die Schaffung von Arbeitsplätzen bekämpfen oder durch Koedukation. Man muss sie selbst bekämpfen. In Indien hat es nie an selbstbewussten Frauen, an Vorbildern gefehlt. Auch nicht an Feministinnen. Eine indische Frauenbewegung gibt es, seit es eine Frauenbewegung gibt, und immer wieder hat sie durch Fälle wie den jetzt in Neu Delhi ihre Schwäche und ihre Notwendigkeit neu erkennen müssen.

Es gab Jahre, in denen man keine Zeitung in Neu Delhi aufschlagen konnte, ohne auf Anzeigen zu stoßen, in denen eine trauernde Familie darauf hinwies, dass die Gattin, die Schwiegertochter, die Mutter bei einem Unfall in der Küche verbrannte. Es waren eben diese Familien, die die „die Gattin, die Schwiegertochter, die Mutter“ getötet hatten, weil sie keine Mitgift mehr brachte. Jeder wusste das. Nichts geschah.

Frauenverachtung ist keine indische Spezialität. Inzwischen bedroht sie – bewaffnet mit der Hightech der Pränataldiagnostik – die ganze Menschheit. Es werden weltweit immer weniger Mädchen geboren. Nicht etwa nur in den entlegenen Dörfern Indiens und Chinas, sondern vor allem bei den aufstrebenden Mittelschichten der aus dem Boden schießenden Städte in Asien und Afrika.

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