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08. März 2016

Geschlechterklischees : Zwischen Prinzessin und Topmodel

 Von 
Heidi Klum - die Eisprinzessin für weibliche Teenies?  Foto: REUTERS

Die Heldinnen und Helden aus Film und Fernsehen bevölkern die Kinderzimmer. Von „Die Eiskönigin“ bis „Germany's Next Topmodel“: über die Rollenklischees im deutschen Fernsehen.

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Elsa und Anna, die schönen Schwestern – wer Töchter im Kita- oder Grundschulalter hat, kommt derzeit an dem attraktiven Pärchen aus dem Disney-Film „Die Eiskönigin“ nicht vorbei. Wenn gewünscht, können die Kleinen morgens ihr Müsli von Elsa-Anna-Tellern essen, sich dann in Elsa-Anna-Kleidchen werfen, die Haare mit einer Elsa-Anna-Bürste kämmen, mit dem Elsa-Anna-Rucksack samt Brotdose und Trinkflasche in den Kindergarten gehen… – und abends in der Elsa-Anna-Bettwäsche einschlafen.

Die Allgegenwart der Disney-Prinzessinnen ist nur ein Beispiel dafür, in welchem Ausmaß die Helden und Heldinnen aus Film und Fernsehen die Kinderzimmer bevölkern – und letztlich ganze Generationen prägen. Nun wird, wer als Kind alle Pippi Langstrumpf-Filme gesehen hat, als Erwachsener nicht zwangsläufig mit den Füßen auf dem Kopfkissen schlafen. Doch Wissenschaftler sind sich einig, dass Medien bei der Konstruktion der eigenen Identität von Kindern und Jugendlichen neben Elternhaus und Freunden eine entscheidende Rolle spielen. Insofern lohnt es, sich anzuschauen, welche Rollenbilder von Jungen und Mädchen denn vermittelt werden, wenn sie Kika schauen – oder eben die „Eisprinzessin“

Maya Götz forscht dazu seit Jahren, und ihre Ergebnisse sind in ihrer Eindeutigkeit überraschend – und irritierend. Die Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) hat in mehreren Studien Tausende Hauptfiguren im weltweiten Kinderfernsehen untersucht. Demnach sind Mädchen- und Frauenfiguren nicht nur deutlich unterrepräsentiert (32 Prozent), sie werden auch viel stärker sexualisiert dargestellt als männliche Figuren. Erotisch aufgeladene Körperteile wie Brust und Po werden betont, die Kleidung wird freizügiger, die Taille schmaler. Forscherin Götz fand heraus, dass jedes zweite Zeichentrickmädchen beim Verhältnis Hüfte zu Taille sogar den Wert von Barbie-Puppen unterschritt – einen Wert, den Frauenkörper in der Natur gar nicht erreichen. Auch Disneys Elsa passt mit nacktem Dekolleté, Wespentaille, überlangen Beinen und Püppchengesicht ins Schema.

Allgegenwärtig: Eisprinzessin Elsa, hier allerdings ohne ihre Schwester Anna. Dafür aber mit Prinz an der Seite. Ausstellungstück in Anaheim, Kalifornien.  Foto: imago/ZUMA Press

Wer so aussieht, kann kaum Abenteuer bestehen ohne die schützende Hand eines starken Helden. Insofern könnte man fast sagen, es passt, wenn weibliche Figuren aus Kinderfilmen und -fernsehen seltener aktiv sind, weniger mit ihren Fähigkeiten inszeniert werden und seltener Verantwortung übernehmen. Wenn sie eher lästern als hauen, eher nach der großen Liebe suchen als nach der Lösung für ein Problem. Eiskönigin-Schwester Anna küsst am Ende ihren Kristof, Bob der Baumeister schafft was. Und wenn ein Mädchen sich doch mal in die Rolle der Anführerin aufschwingt, dann hat es garantiert rote Haare. So einfach, so klischeehaft.

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„Das Problem dabei ist, dass Fernsehen und Film Normen setzen, nach denen wir dann die Realität abgleichen“, sagt IZI-Leiterin Götz. „Wenn die Kandidatinnen bei Germany’s Next Topmodel als normal angesehen werden, sind 99,9998 Prozent der Frauen körperlich defizitär, denn nur eine unter 40 000 Frauen hat die Körpermaße eines Laufstegmodels. Nutzen Mädchen und Frauen im Fernsehen keine Technik, können sich Mädchen hier zu Lande auch gar nicht vorstellen, dass Technik Spaß macht und könnten sich auch keine berufliche Zukunft in dem Bereich vorstellen.“

„Gestaltungsobjekt Körper“

Von Elsa zu „Germany’s Next Topmodel“ – die Castingshow von Ex-Model Heidi Klum haben im vergangenen Jahr gut 42 Prozent aller Mädchen und jungen Frauen zwischen zwölf und 22 Jahren angeschaut. Sie dürfte bei weiblichen Teenies ähnlich prägend sein wie „Die Eisprinzessin“ bei den Kleinen. Eine IZI-Studie von 2015 erklärt die Attraktivität der Sendung damit, dass sie „wie keine andere Sendung junge Frauen und ihre Entwicklung in den Mittelpunkt“ stellt. „Gestaltungsobjekt ist dabei der eigene Körper, Orientierung und Wertmaßstab sind aber nicht etwa Individualität oder Lebensglück, sondern neoliberale Werte des Erfolgs.“ Die Autorinnen haben 241 junge Menschen mit Essstörungen nach dem Einfluss der Medien auf ihre Krankheit gefragt. Die bezeichneten die Sendung am häufigsten als das Format, das ihre Krankheit „sehr stark“ beeinflusst habe. Die US-Medienwissenschaftlerin Rebecca Hains stellte schon 2007 bei der Befragung von jungen Mädchen fest, dass diese sich und ihre Freundinnen an dem unerreichbaren, aber ständig präsentierten Körperideal messen.

Wer als Kind alle Pippi Langstrumpf-Filme gesehen hat, wird als Erwachsener nicht zwangsläufig mit den Füßen auf dem Kissen schlafen - oder den Hausaffen auf dem Kopf transportieren.  Foto: imago/United Archives

„Mädchen und Frauen sind im deutschen Fernsehen oft nur in bestimmten, sehr enggesteckten Schönheitsnormen zu sehen“, kritisiert auch Maya Götz. „Wir brauchen mehr und vielfältigere Mädchen und Frauen im Fernsehen, die zumindest ansatzweise die Vielfältigkeit, in der Frauen in der Realität vorkommen und unsere Gesellschaft prägen, widerspiegelt“, fordert sie.

Für die Eltern der Alltagsheldinnen von morgen bleibt derweil nur, auf genderpolitisch unverdächtige Dauerbrenner wie Biene Maja und Wickie zu setzen – und im Zweifel den Konzernen und Sendern kontra zu geben. Als Disney seine rothaarige Heldin Merida 2013 für die hauseigene Puppenkollektion umformte, die wilden Locken zähmte, die Taille verschlankte, Pfeil und Bogen durch eine Schärpe und das Jagdkleid durch eine tief dekolletierte Robe ersetzte, regte sich massiver Widerstand. Die Onlinepetition gegen das „Makeover“ hatte 260 000 Unterstützer – und Merida durfte ein wildes Mädchen bleiben.

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