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Arbeitsmarkt-Index FRAX
Frankfurter Rundschau und Forschungsinstitut Wifor stellen den FR-Arbeitsmarktindex vor, kurz FRAX. Er erlaubt einen genauen Blick auf unsere Arbeitswelt.

25. Oktober 2015

Fehlzeiten: Zahl der Krankheitstage steigt

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Die These, dass bei einer besseren Wirtschafts- und Beschäftigungslage auch die Fehlzeiten zunehmen, weil die Arbeitnehmer eher mal zu Hause bleiben, lässt sich aus den Daten nicht herauslesen.  Foto: Imago

Arbeitnehmer melden sich immer häufiger krank - im Durchschnitt inzwischen fast 19 Tage pro Jahr. Eine der Hauptursachen sind laut einer Studie psychische Erkrankungen.

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Die Veränderungen sind so gering, dass sie kaum auffallen. Aber bekanntlich höhlt steter Tropfen den Stein. Und so wird aus vielen kleinen Veränderungen irgendwann eine große Veränderung, in diesem Fall ein nicht unerheblicher Anstieg der krankheitsbedingten Fehlzeiten: Immer häufiger fehlen die Arbeitnehmer am Arbeitsplatz. Im Durchschnitt nun 18,9 Tage pro Jahr, wie aus dem Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkassen hervorgeht. Der entsprechende Indikator des Arbeitsmarktindex FRAX ist nun 27 Quartale in Folge gefallen – fast sieben Jahre lang.

Die These, dass bei einer besseren Wirtschafts- und Beschäftigungslage auch die Fehlzeiten zunehmen, weil die Arbeitnehmer eher mal zu Hause bleiben, lässt sich aus den Daten jedoch nicht herauslesen. Denn dann hätten die Fehlzeiten in den Jahren der krisenbedingten Unsicherheit (2007 bis 2009) nicht weiter steigen dürfen. Woran also liegt es, dass der Krankenstand langsam, aber stetig zunimmt?

Helmut Schröder, Autor des Fehlzeiten-Reports, nennt die psychischen Erkrankungen als Hauptursache. Sie sind seit Jahren auf dem Vormarsch. Gründe dafür können zum Beispiel Arbeitsverdichtung, Flexibilisierung oder schwierige Führungskräfte sein. Da psychische Erkrankungen in der Dienstleistungsbranche häufiger vorkommen, kann auch der Strukturwandel der deutschen Wirtschaft eine Rolle spielen. In der Dienstleistungsbranche sind in den vergangenen Jahren Millionen Arbeitsplätze entstanden.

Im vergangenen Jahr nahmen die psychischen Erkrankungen dem langjährigen Trend folgend um 9,7 Prozent zu. Inzwischen sind sie so verbreitet, dass sie auch die Fehlzeiten insgesamt nach oben treiben können. Das hängt auch entscheidend damit zusammen, dass psychisch kranke Menschen besonders lange am Arbeitsplatz fehlen. Zum Vergleich: Dauert eine Krankschrei-bung üblicherweise im Schnitt 11,9 Tage, so liegt sie bei psychischen Erkrankungen im Durchschnitt mit 25,2 Tagen mehr als doppelt so hoch.

Experte Schröder zufolge haben die Firmen psychische Erkrankungen inzwischen als besonderes Problemfeld erkannt. „In vielen Betrieben ist die Erkenntnis angekommen, dass im betrieblichen Gesundheitsma-nagement auch psychische Erkrankungen vermieden werden sollten“, so Schröder.

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Ein weiterer Grund dafür, dass die Fehlzeiten steigen, kann die Alterung der Arbeitnehmerschaft sein. Ältere Beschäftigte werden zwar seltener krank als jüngere, aber wenn sie krank werden, fehlen sie länger. Schröder geht davon aus, dass eine um die Alterung bereinigte Statistik einen etwas geringeren Anstieg der Fehlzeiten zeigen würde.

Auch wenn die Fehlzeiten seit 2007 wieder steigen – was nach einem jahrelangen Rückgang eine Trendumkehr ist –, die Höchststände der Jahre 1996 und 1997 sind noch nicht wieder erreicht. Damals waren die Beschäftigten im Schnitt an 5,9 Prozent ihrer Arbeitstage krankheitsbedingt abwesend, auch zur Jahrtausendwende lagen die Abwesenheiten mit 5,4 Prozent noch höher als heute (5,2 Prozent). Allerdings könnte letztere Marke schon bald wieder er-reicht werden, wenn sich der Trend fortsetzt.

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Rubrik

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor stellen den FR-Arbeitsmarkt-Index vor, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die offiziellen Zahlen.

Methodik

Beschäftigungsentwicklung, Zugangschancen, Ausbildung, Einkommensverteilung und Arbeitsbedingungen - das sind die Eckpfeiler für den FRAX. Die Details.

Hintergrund

So funktioniert der FRAX

Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) ist eine Neuentwicklung der Frankfurter Rundschau und des Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor. Er wurde über mehrere Monate hinweg in enger Abstimmung zwischen Journalisten und Wissenschaftlern erarbeitet.

Grundgedanke des neuen Arbeitsmarktindex ist, dass alleine die Arbeitslosen- und Erwerbstätigenzahlen keine sinnvolle Bewertung des deutschen Arbeitsmarktes ermöglichen. Es kommt ebenfalls auf die Qualität der Arbeit an, darauf, dass die Menschen von ihrem Lohn leben können, dass Jugendliche gut ausgebildet werden und dass auch Ältere oder Langzeitarbeitslose Chancen haben, eine Stelle zu finden.

In fünf Kategorien analysiert der FRAX deshalb den deutschen Arbeitsmarkt. Dazu gehören die Beschäftigungsentwicklung, die Zugangschancen, die Einkommensverteilung, die Ausbildungssituation sowie die Arbeitsbedingungen.

Hinter jeder Kategorie verbergen sich mehrere Indikatoren. Ein Indikator ist zum Beispiel die Entwicklung der Real-löhne (in der Kategorie Einkommensverteilung), ein anderer die emotionale Verbundenheit mit dem Arbeitgeber (Kategorie Arbeitsbedingungen). Insgesamt hat der FRAX 18 Indikatoren.

Bei der Auswahl der Daten wurde besonderer Wert auf die Qualität gelegt. Stellte sich im Zuge der Entwicklung des Index heraus, dass für einen geplanten Indikator keine qualitativ hochwertigen, regelmäßig erfassten Daten verfügbar sind, haben wir auf diesen Indikator verzichtet.

Die Quellen für die Daten sind das Statistische Bundesamt, die Bundesagentur für Arbeit (BA), das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der BA, das Bundesinstitut für berufliche Bildung, das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen, die Gesetzliche Unfallversicherung sowie das Meinungsforschungsinstitut Gallup.

Das Startjahr des FRAX ist 2007, weil für einige wichtige Indikatoren erst ab diesem Jahr Daten verfügbar sind. Der FRAX wird vierteljährlich berechnet und veröffentlicht.

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Analyse

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Stefanie Eiden.

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