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30. September 2015

DDR-Alltag: Flucht in die Konsumwelt

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Leere Verkaufsflächen: Die Planwirtschaft der DDR war nicht in der Lage, die Dinge des täglichen Bedarfs in ausreichender Menge zu produzieren.  Foto: Imago

1989 ging es den wenigsten DDR-Bürgern um die politische Wende. Vielmehr ging es um eine bessere Versorgungslage und ein besseres Warenangebot. Mit der Währungsunion schlugen die Ostdeutschen richtig zu.

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Es gilt, der schnöden Wahrheit ins Auge zu sehen: Der Mehrheit der DDR Bürger ging es 1989 nicht etwa um eine politische Wende. Es ging ihnen vor allem um eine bessere Versorgungslage. Das zeigen beispielsweise Umfragen, die das Leipziger Institut für Marktforschung im Dezember 1989 angestellt hat. Auf die Frage, was im begonnenen Prozess der Wende sehr wichtig sei, wünschten sich 91 Prozent ein besseres Warenangebot. Politische Reformen folgten erst auf hinteren Rängen. Das erscheint heute so, als seien die Ostdeutschen damals vor allem konsumfixiert gewesen. Angesichts des täglichen Kampfes der DDR-Bürger um so profane Dinge wie Taschentücher, Toilettenpapier oder Ketchup hatte der Wunsch nach der Konsumfreiheit allerdings nichts mit dem heutigen Shoppingrausch im Überfluss zu tun. Die DDR-Bürger verlangten zu Recht, sich vom hart erarbeiteten Geld auch etwas Vernünftiges kaufen zu können.

Die Versorgung der DDR-Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen war eine Katastrophe. Die Planwirtschaft war nicht einmal in der Lage, die Dinge des täglichen Bedarfs in ausreichender Menge zu produzieren. Ganz zu schweigen von Baumaterialen, Ersatzteilen jeder Art oder Autos: Die Wartezeit auf einen Trabant betrug zuletzt 15 Jahre. „Was macht der DDR-Bürger, wenn er eine Schlange sieht?“, war damals eine beliebte Scherzfrage. Antwort: „Er stellt sich an.“ Die Frage, was es eigentlich gebe, kam erst danach. Wer eine Schallplatte von Abba erwischte, mit der Musik aber nichts anfangen konnte, hatte fortan ein wertvolles Tauschobjekt. Denn getauscht wurde alles, was nur schwer zu bekommen war: Ungarische Salami gegen Auspufftopf, Zement gegen Jeans, Zahngold gegen Kloschüssel.

Angesichts dieser Lage war das Warenangebot im Westen eine große Verlockung. Das Westfernsehen brachte die schöne Konsumwelt direkt ins Wohnzimmer, Kataloge von Quelle und Neckermann wurden wie Heiligtümer behandelt. Wenig überraschend ist vor diesem Hintergrund, dass sich mit der Maueröffnung der Charakter der DDR-Montagsdemonstrationen änderte. Zusammen mit der Forderung für die deutschen Einheit tauchten Rufe nach der Westmark auf: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr.“ Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Es macht einen Unterschied, ob man die Produkte aus der Werbung oder dem Westpaket kennt, oder selbst durch ein vollgestopftes Warenhaus läuft. Auch Reisepläne wurden durch die offene Grenze konkreter. Nach dem 9. November fehlte für die Umsetzung nur noch eines: die D-Mark.

Die Ostdeutschen mussten allerdings nicht erst bis zur Währungsunion warten, um begehrte Westwaren zu bekommen. Findige Geschäftsleute aus dem Westen erkannten früh, dass die Ostdeutschen über viel Geld verfügten. Die Mangelgesellschaft in Kombination mit subventionierten Mieten und Fahrpreisen hatte dazu geführt, dass viele DDR-Bürger über gut gefüllte Konten verfügten. Schon bald nach der Maueröffnung bauten Handlungsreisende auf den Marktplätzen ihre Stände auf und verkauften überteuerte Südfrüchte, Süßigkeiten oder Jeans gegen Ostmark, mindestens im Verhältnis eins zu fünf. Zehn Ostmark für ein Tütchen Gummibärchen? Gingen weg wie warme Semmeln.

Kein längerer Kaufrausch

Mit der Währungsunion am 1.Juli 1990 schlugen die Ostdeutschen dann richtig zu, zumal sie sich in den Wochen zuvor in Erwartung der D-Mark mit Ausgaben zurückgehalten hatten. Gekauft wurden vor allem Pkw und Elektrogeräte wie Fernseher oder Stereoanlagen. „Von einem regelrechten, längere Zeit andauernden Kaufrausch kann aber keine Rede sein“, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Nach seinen Recherchen lag die Sparquote in Ostdeutschland nur in den Monaten Juli und August mit überschaubaren minus zehn Prozent im negativen Bereich – die DDR-Bürger gaben also etwas mehr aus als sie verdienten. Schon im September ging die Nachfrage wieder deutlich zurück. Die Sparquote erreichte mit etwas über zehn Prozent wieder die Werte vom Frühling 1990.

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Brenke führt das auf die wirtschaftliche Entwicklung im Osten zurück. Da DDR-Produkte mit der Währungsunion weder im In- noch im Ausland konkurrenzfähig waren, brach die Industrieproduktion innerhalb weniger Wochen um die Hälfte ein. Bereits Ende 1990 waren von den einst zehn Millionen Erwerbstätigen im Osten drei Millionen entweder arbeitslos, in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen untergebracht oder in den Ruhestand geschickt worden. Die unsicheren Zukunftsaussichten sorgten dafür, dass die Ostdeutschen ihr Geld zusammenhielten.

Gleichwohl verschaffte die Wiedervereinigung vielen Branchen der westdeutschen Wirtschaft wegen des großen Nachholbedarfs im Osten eine längere Boomphase. Banken und Versicherungen sowie Bau- und Möbelmärkte machten eine Zeit lang Rekordumsätze.

Die Ostdeutschen hatten auch in einem anderen Bereich großen Nachholbedarf: Sie stürmten die Sex-Shops. Auch dank ihrer Experimentierfreude erzielte der Sexkonzern von Beate Uhse 1990 einen Umsatz von mehr als 100 Millionen D-Mark.

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