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Freiheit
Wir sind so frei: Was wir wollen, wofür wir streiten, was wir riskieren

18. September 2015

Freiheit: Der Traum vom dritten Weg

 Von 
Hunderttausende Bürger beteiligten sich an einer Demonstration am 04. November 1989, zu der Ost-Berliner Kunst- und Kulturschaffende eingeladen hatten. Nach der Protestdemonstration durch das Zentrum von Ost-Berlin ergriff auch Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi (r) das Wort.  Foto: picture alliance / Andreas Altwe

Befreit von der SED-Herrschaft lehnten viele Bürgerrechtler die Wiedervereinigung ab. Stattdessen setzten sie sich für eine Alternative zur DDR wie zur BRD ein.

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Aus heutiger Sicht stellt sich der Weg vom Aufbegehren vieler DDR-Bürger im Herbst 1989 über den Fall der Mauer bis zur deutschen Einheit nicht einmal ein Jahr später wie ein schnurgerader, fast zwangsläufig verlaufener Prozess dar. Doch das täuscht. Vor allem in den Wochen nach der Öffnung der Grenze, auf dem Höhepunkt der friedlichen Revolution, ist die Richtung der Entwicklung noch völlig unklar. Und so sehr die meisten Menschen in der DDR, auch SED-Mitglieder, das Ende der realitätsfernen, undemokratischen Parteiherrschaft bejubeln, so groß ist bei vielen doch der Wunsch, nun nicht alles aufzugeben und sich der bundesdeutschen Übermacht vollkommen zu unterwerfen. Warum sollte es nicht auch in Zukunft noch zwei deutsche Staaten geben? Die Überlegung erscheint auch vielen Bundesbürgern zunächst durchaus sympathisch.

Es ist eine Zeit, in der der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind, alles scheint möglich, nachdem der mehr als 40 Jahre zementierte Zustand plötzlich aufgebrochen ist. Die Vorstellung, einen dritten Weg zwischen dem gescheiterten staatssozialistischen und dem kapitalistischen Modell zu finden, gehört dazu. Allerdings tauchen nun auch häufiger Parolen auf, in denen aus der Revolutionslosung „Wir sind das Volk“ die nationale Wendung: „Wir sind ein Volk“ wird. Die westdeutsche Entgegnung: „Wir auch“ hat da eher satirischen Charakter.

Und so sammelt sich Mitte November 1989 in Ost-Berlin eine Gruppe Intellektueller, ironischerweise auf Initiative eines linken niederländischen Theologen, um einen Appell gegen den wachsenden Trend zur Wiedervereinigung zu setzen. Es gibt zunächst drei Entwürfe von je einem Vertreter der drei für wesentlich erachteten gesellschaftlichen Strömungen. Der Ost-Berliner Generalsuperintendent Günter Krusche schreibt im Namen der DDR-treuen Kirchen-Anhänger, Konrad Weiß von „Demokratie jetzt“ für die Bürgerrechtsbewegung und der Soziologe Dieter Klein für den Reformerflügel der SED.

Als Christa Wolf bei einem Besuch in Leipzig von der Losung „Deutschland, einig Vaterland“ hört, die auf der Montagsdemonstration mit 200.000 Teilnehmern wenige Tage zuvor gezeigt wurde, gewinnen die Autoren des Aufrufs eine prominente Mitstreiterin. Nach einer intensiven Diskussion der Entwürfe am 25. und 26. November an der Ost-Berliner Humboldt-Universität übernimmt die Schriftstellerin die Formulierung der endgültigen Fassung des Aufrufs, der nun den Titel „Für unser Land“ trägt.

Die entscheidende Passage lautet:

„Entweder

können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind.

Oder

wir müssen dulden, dass, veranlasst durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflußreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik vereinnahmt wird.

Lasst uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind. Alle Bürgerinnen und Bürger, die unsere Hoffnung und unsere Sorge teilen, rufen wir auf, sich diesem Appell durch ihre Unterschrift anzuschließen.“

Zu den Erstunterzeichnern gehören der Regisseur Frank Beyer, die Bürgerrechtler Ulrike Poppe, Sebastian Pflugbeil und Friedrich Schorlemmer sowie die in der DDR sehr populäre Rocksängerin Tamara Danz, dazu Christa Wolf und der Schriftsteller Stefan Heym, der den Aufruf am 28. November auf einer Pressekonferenz im Internationalen Pressezentrum vorstellt – im gleichen Saal, in dem das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski keine drei Wochen zuvor die folgenreiche Mitteilung über die Öffnung der Grenze bekanntgegeben hatte.

Fast zeitgleich präsentiert Bundeskanzler Helmut Kohl an diesem 28. November vor dem Bundestag in Bonn sein „Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“. Es ist die erste offizielle Erklärung der Bundesregierung, dass sie einen gemeinsamen deutschen Staat anstrebt. Der Appell „Für unser Land“ wird dadurch unversehens aktuell. Heym greift Kohls Worte auf und bezeichnet sie als „Ouvertüre zur Vereinnahmung der DDR“.

Die Initiatoren haben absichtsvoll dafür gesorgt, dass sich zu den Erstunterzeichnern keine Prominenz der noch regierenden SED oder andere DDR-Offizielle gesellen. Sie können aber nach der Veröffentlichung nicht verhindern, dass auch der noch amtierende SED-Generalsekretär Egon Krenz und Ministerpräsident Hans Modrow ihre Namen unter den Aufruf setzen, gemeinsam mit vielen anderen SED-Kadern. Sogar der Chef der in Amt für Nationale Sicherheit umbenannten Stasi erklärt, seine Mitarbeiter ständen hinter dem Appell. Kaum weniger kurios ist die Unterschrift des Vorsitzenden der Ost-CDU, Lothar de Maizière, der sich somit auch für eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik ausspricht.

Bis zum Ende der Frist am 19. Januar 1990 setzen fast 1,2 Millionen DDR-Bürger ihren Namen unter den Aufruf. Es ist die erste demokratische Volksabstimmung in der DDR, die über Wochen von einer Diskussion in den Medien und verschiedensten Foren begleitet wird. Es ist eine Phase lebendiger Demokratie in der DDR, deren nahendes Ende gleichwohl immer deutlicher wird. Es zeigt sich, dass der Traum vom dritten Weg in der DDR eben ein Traum bleiben wird, dessen geistige Heimat ausgerechnet, aber nicht zufällig die SED-Nachfolgepartei PDS bildet. Sie überdauert die DDR und prägt bis heute als Partei Die Linke das politische Leben des vereinigten Deutschland mit – noch immer auf der Suche nach einem dritten Weg. Sie ist eine, wenn nicht die langlebigste Hinterlassenschaft des untergegangenen zweiten deutschen Staates.

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