Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Freiheit
Wir sind so frei: Was wir wollen, wofür wir streiten, was wir riskieren

18. September 2015

Neonazis: Freiheit für Rechtsaußen

 Von 
Sogar in der Nationalen Volksarmee registrierte die Stasi zwischen 1965 und 1980 laut Aktenlage 700 neofaschistische Vorfälle.  Foto: imago / Sven Simon

Auch in der DDR gab es Neonazis – im Untergrund. Sie waren kein versprengter Haufen, sondern eine gut organisierte Szene, die mehr als 15.000 Anhänger zählte. Nach der Wende bekamen sie mit Hilfe aus dem Westen schnell Oberwasser.

Drucken per Mail

Was in jener Oktobernacht in Ost-Berlin passierte, hätte für die Staatsführung so etwas wie der letzte Warnschuss sein können. Mehr als 1000 Musikfans verfolgen gerade ein illegales Konzert der DDR-Punkband „Die Firma“ und der Westberliner „Element of Crime“ in der Zionskirche, das Oppositionskreise organisiert hatten, da stürmen Skinheads den Saal.

Gut 30 Kahlgeschorene, viele gekleidet in Bomberjacken und Springerstiefeln, bewaffnet mit Knüppeln, skandieren „Juden raus aus deutschen Kirchen!“, „Kommunistenschweine!“ und „Sieg Heil!“, attackieren die Konzertbesucher, verletzen viele. Fliehende werden draußen weiter verprügelt, eine Volkspolizei-Streife steht hilflos daneben.

Szenen wie diese wiederholen sich in den 90er Jahren in ganz Ostdeutschland wieder und wieder, doch diese ereignete sich zwei Jahre vor dem Mauerfall, am 17. Oktober 1987. Es ist bei weitem nicht der einzige öffentliche Auftritt rechtsextremer Schläger in der DDR, den die Stasi registrierte, doch der erste so massive, so erkennbar organisierte und so öffentliche.

DDR-Geheimdienst ausgebremst

Aus heutiger Sicht warfen in dieser Nacht Ereignisse ihren Schatten voraus, die Deutschland nach 1990 erschütterten: Die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen; die Morde des NSU-Terrortrios; die Ost-Wahlerfolge von NPD und DVU; auch die Brandanschläge auf Asylunterkünfte und die aggressiven Proteste gegen Flüchtlinge im Osten, die das Jahr 2015 mitbestimmen und von Neonazis angeheizt werden. Und als hätte es die jahrelangen Debatten um die Wurzeln rechtsradikaler Einstellungen nicht gegeben, übt sich Deutschland auch in diesem Jahr in Schuldzuweisungen. Sind Neonazis ein Ost-Problem? Trägt dennoch der Westen Schuld?

Ein Blick zurück in die DDR hilft bei Differenzierungen. Hatte das SED-Regime diese doch von Anfang an als „antifaschistischen Staat“ ausgerufen, seine eigene Entnazifizierung aber recht bald eingestellt. Spätestens in den 70er Jahren wurde klar, dass sich Antifaschismus nicht staatlich verordnen lässt.

Da erkannte die Stasi bereits, dass unter „Fußball-Rowdys“ zunehmend „neofaschistische“ Einstellungen auftraten, die sich auch in Gewalt gegen Vertragsarbeiter aus Afrika und Asien zeigte. Sogar in der Nationalen Volksarmee registrierte die Stasi zwischen 1965 und 1980 laut Aktenlage 700 neofaschistische Vorfälle.

Der DDR-Geheimdienst verfolgte die Tendenzen, wurde aber von seinem Chef Erich Mielke und der übrigen Staatsführung ausgebremst. Obwohl Mitte der 80er bereits jede vierte Stasi-Ermittlung wegen „staatsfeindlicher Hetze“ dem Nazi-Milieu galt, spielte die SED das Problem herunter. Aufmüpfige Jugendliche seien das, angeleitet vom Westen. Dabei gründeten sich in den 80ern längst klandestine Neonazi-Zirkel wie die „Lichtenberger Front“ in Ost-Berlin, die „Wotansbrüder“ in Halberstadt, die „SS-Division Wolgast“ oder die „Weimarer Front“.

Insofern war der Überfall auf die Zionskirche 1987 ein Wendepunkt. Die DDR-Führung sah ein, dass sie den Vorfall weder vertuschen, noch intern auf sich beruhen lassen konnte. Bis Januar 1988 wurden 40 Ermittlungsverfahren gegen 108 Skinheads eingeleitet, viele wurden verurteilt, auch einige Zionskirchen-Täter. Doch die DDR-Presse thematisierte das nur kurz, sprach weiter von „Rowdys“.

Selbst als das Westfernsehen 1988 Interviews mit DDR-Neonazis ausstrahlte, kommentierte die FDJ-Zeitung „Junge Welt“: „Ohne Westimporte – von der Ideologie bis zu den Stahlkappen an den Schuhen – kommt kein Nachahmer in der DDR aus.“

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit nahm sich das Innenministerium aber der rechten Umtriebe an. Es gründete bei der Kriminalpolizei eine „Arbeitsgruppe Skinhead“ unter der Leitung von Oberstleutnant Bernd Wagner, der eine düstere Analyse vorlegte: Die wachsende Opposition gegen den DDR-Staat war nicht immer bürgerrechts- oder friedensbewegt, sondern zunehmend rechtsradikal.

Nazi-Szene nutzt Untätigkeit

Die Neonazis in der DDR waren kein versprengter Haufen, sondern eine gut organisierte Szene, die mehr als 15.000 Anhänger zählte, darunter 1000 „gewaltbereite“. Seit 1983 hatte sich die Zahl rechtsextremer Gewalttaten verfünffacht. Es gab Sprengstoffanschläge durch Neonazis auf Betriebe, Mordanschläge auf Ausländer in der ganzen DDR, Schändungen jüdischer Friedhöfe, Hakenkreuzschmierereien. Einzelne Kontakte zu Nazi-Parteien aus der BRD bestanden, vor allem in Berlin. Doch lebensfähig war die Szene auch ohne Westhilfe.

Das Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung ermittelte, dass sechs Prozent der DDR-Jugend sich zur Skinszene bekannten oder mit ihr sympathisierten, 30 Prozent hießen rechte Aktionen gut. Jeder achte Jugendliche fand, „der Faschismus hatte auch gute Seiten“.

Die DDR-Führung war schockiert – und verschloss die Erkenntnisse im Giftschrank, löste die „AG Skinhead“ auf. Neonazis erhielten wieder mal freie Fahrt.

Es war nicht das letzte Mal. Als 1989 die Mauer fiel, waren unter den ersten Aufbauhelfern, die nach Osten kamen, Funktionäre westdeutscher Neonazi-Parteien. Sie fanden einen fruchtbaren Acker, den sie mit reichlich organisatorischer und finanzieller Hilfe erfolgreich bestellten. Der Westen brachte Geld und Erfahrung, der Osten die Fußtruppen für die Kameradschaften – und die Wähler.

Umso frappierender war die Reaktion bundesdeutscher Sicherheitsbehörden, als der ehemalige „AG Skinhead“-Leiter Wagner ihnen nach der Wende die Lage im Osten schilderte. Auch sie hielten seine Zahlen für übertrieben und blieben untätig – während die Nazi-Strukturen sich festigten. „Ostdeutschland brauchte Investoren“, sagte Wagner später, „da störten Berichte über militante Nazis.“

Die Nazi-Szene nutzte die Untätigkeit, um in die Zivilgesellschaft vorzudringen. Mit Projekten für Kinder, Jugendliche, Arbeitslose fand sie im Osten ein Publikum, vor allem dort, wo man mit der neuen Freiheit keine Erfolgserlebnisse, sondern eher wirtschaftlichen und sozialen Abstieg verband.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

FR-Schwerpunkt

Wir sind so frei

Wie frei wollen, sollen, dürfen wir sein? Was wir wollen, wofür wir streiten, was wir riskieren. Das Online-Dossier mit Auszügen aus unserem Schwerpunkt. Alle Texte lesen Sie mit dem vergünstigten Digital- und Zeitungsabonnement.

Anzeige