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08. Oktober 2015

Neurowissenschaft: Die vorbereitete Entscheidung

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Nichts lieber wünschst sich der Mensch, als in sein eigenes Gehirn gucken zu können. Ob man dort vielleicht irgendwo einen freien Willen lokalisieren kann, versuchen Neurowissenschaftler mit Experimenten herauszufinden.  Foto: REUTERS

Unser Gehirn ist oft schneller als unser Bewusstsein, sagt Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes. Er und sein Team hatten die Hirnaktivität von Testpersonen gemessen - mit erstaunlichen Befunden.

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Mit seinem freien Willen kann der Mensch sich über rein naturhaftes Geschehen erheben. Er kann sein Handeln selbst bestimmen und dessen mögliche Folgen abschätzen. Oder nicht? Sind wir vielleicht doch nur Marionetten, die zwar glauben, das Heft in der Hand zu halten, tatsächlich aber nur das ausführen, was die chemischen Prozesse im Gehirn vorgeben? Wenn es um die Frage nach dem freien Willen geht, scheint die Position der Hirnforscher klar zu sein: Sie halten ihn für ein Hirngespinst – so das gängige Klischee. Und viele Äußerungen renommierter Neurowissenschaftlern zielen ja auch in diese Richtung, Dutzende Zitate dazu finden sich allein bei flüchtiger Recherche im Internet.

Doch die Vorstellung, dass Hirnforscher per se dem Determinismus – in diesem Fall der Vorherbestimmtheit unseres Handels durch Prozesse in unserem Gehirn – huldigen und grundsätzlich die Freiheit des Geistes negierten, sei verkürzt, sagt John-Dylan Haynes, Professor für Theorie und Analyse weiträumiger Hirnsignale an der Charité-Universitätsmedizin und der Humboldt Universität in Berlin. Die Frage, ob Menschen frei in ihren Entscheidungen seien, tauge nicht für „Schwarz-Weiß-Denken“. Das Thema sei vielschichtig und differenziert zu betrachten: „Die Debatte um die Willensfreiheit währt schon seit zweieinhalbtausend Jahren. Wir sollten die Möglichkeiten der modernen Neurowissenschaften nicht überschätzen.“

Der in England geborene Hirnforscher, der auch Psychologie und Philosophie studiert hat, leistete vor sieben Jahren mit einer Studie zum Prozess der neuronalen Entscheidungsfindung selbst einen bedeutenden und viel diskutierten Beitrag zu diesem Thema. Er verfeinerte ein früheres Experiment des US-amerikanischen Physiologen Benjamin Libet, das 1979 für viel Aufregung und heftige Kritik vor allem bei Geisteswissenschaftlern gesorgt hatte. Libet hatte bei den Teilnehmern die Aktivität des Gehirns vor und während einer körperlichen Bewegung gemessen und herausgefunden, dass das Hirn sie anbahnt, noch bevor jemand sie bewusst ausführt.

Knapp 30 Jahre später schickte das Team um John-Dylan Haynes Testpersonen in einen Kernspintomographen, um ihre Hirnaktivität bei einem ähnlichen Versuch aufzuzeichnen. Mit den modernen Geräten und ihrer hohen räumlichen Auflösung ließe sich sehr gut abbilden, was sich im Gehirn abspiele, erklärt der Neurowissenschaftler. In die rechte und die linke Hand bekamen die Teilnehmer einen Knopf. Die Wissenschaftler forderten sie auf, sich zu einem beliebigen Zeitpunkt für eine Seite zu entscheiden und den entsprechenden Knopf zu drücken. Parallel dazu sahen die Probanden auf einem Bildschirm Buchstaben, die alle halbe Sekunde wechselten. Die Teilnehmer sollten sich merken, welcher Buchstabe in dem Moment erschienen war, als sie ihre Wahl trafen. Auf diese Weise bekamen die Forscher einen zeitlichen Anhaltspunkt, um sich die Hirnaktivität anzuschauen, die der bewussten Entscheidung für die linke oder rechte Seite vorgegangen war. Sie verwendeten dafür eine spezielle Software, die Gehirnmuster erkennen kann.

Auf der Basis der vom Computer aufgezeichneten Daten versuchten die Wissenschaftler im nächsten Schritt zu prognostizieren, welche Taste ein Teilnehmer drücken würde. Das Ergebnis: Bereits sieben Sekunden, bevor die Probanden ihre Entscheidung bewusst trafen, konnten die Forscher anhand der gemessenen Hirnaktivität vorhersagen, was jemand tun würde. Rechnet man noch die drei bis vier Sekunden Verzögerung bei der Darstellung des Kernspintomografen dazu, so vergehen zwischen der unbewussten Entscheidung im Gehirn und dem Augenblick, in dem das Bewusstsein ins Spiel kommt, tatsächlich rund zehn Sekunden. Die Trefferquote beim Vorhersagen der Entscheidung lag zwischen 60 und 70 Prozent – und damit deutlich über einem Zufallsbefund. Warum sich die Forscher trotzdem manchmal getäuscht haben? „Es besteht auch die Möglichkeit, dass das Gehirn nur eine Richtung vorgibt, die Entscheidung aber tatsächlich noch nicht vollständig getroffen ist“, erklärt Haynes. „Es stellt sich nun also die Frage, ob die Würfel gefallen sind und die Prozesse wie beim Domino nach dem Fallen des ersten Steins nicht mehr aufzuhalten sind oder aber ob nur eine Tendenz vorgegeben wird und wir uns danach noch umentscheiden können.“

Haynes persönlich tendiert zur Annahme, „dass wir auch nach dem ersten Hirnsignal zu einem späteren Zeitpunkt noch eingreifen können“. Er spricht von „unbewussten Vorbereitungsprozessen“, die in einem bestimmten Moment in eine bewusste Entscheidung übergehen. Warum die Natur das so geregelt haben könnte? „Das ist sinnvoll. So müssen wir uns nicht mit jedem kleinen Detail befassen.“ Noch ungewiss ist außerdem, ob es einen „Point of no return“ gibt, wo eine im Unterbewussten angebahnte Entscheidung nicht mehr umzukehren ist; dieser Frage widmet sich der deutsch-britische Professor derzeit in einem aktuellen Forschungsprojekt an der Technischen Universität Berlin.

Ebenfalls nicht restlos geklärt ist die Rolle bestimmter Bereiche des Gehirns bei diesen Vorgängen: „Denn in diesem Fall sind die gleichen Regionen im präfrontalen Cortex für die Prozesse unter und über der Bewusstseinsschwelle zuständig. Das ist außergewöhnlich, und wir verstehen noch nicht genau, warum es sich so verhält.“

Zur Person

John-Dylan Haynes kam 1971 als Sohn einer deutschen Mutter und eines englischen Vaters in Großbritannien zur Welt, wo er die ersten sieben Lebensjahre verbrachte. In Bremen studierte er Psychologie und Philosophie. 2005 wurde er Leiter einer Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Seit 2006 ist er Professor für Theorie und Analyse weiträumiger Hirnsignale am Bernstein Center for Computational Neuroscience und am Berlin Center for Advanced Neuroimaging der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Humboldt Universität zu Berlin in Berlin.

Was diese Erkenntnisse für die Existenz oder die Nicht-Existenz eines freien Willens bedeuten? „Die Testpersonen unseres Experiments hatten vor der bewussten Entscheidung das Gefühl, dass noch nicht feststeht, welche Taste sie drücken würden. Dabei war es bereits im Gehirn zu einem gewissen Grad vorprogrammiert“, sagt Haynes. „Insofern ist eine bestimmte Vorstellung, wie frei wir in unserem Willen sind, falsch. Unsere Handlungen sind oft viel stärker im Unbewussten vorbereitet als wir denken.“ Eine mögliche Umkehrbarkeit der Vorgabe aus dem Unbewussten würde diese Einschränkung des freien Willens gleichwohl auch wieder relativieren.

Und außerdem, gibt der Neurowissenschaftler zu bedenken: „All das kommt ja aus unserem Gehirn – und unser Gehirn, das sind ja wir selbst, es wird geformt auch durch unsere Erfahrungen, wir können es deshalb nicht als von unserer Persönlichkeit getrennt betrachten.“

Überdies müsse berücksichtigt werden, dass es bei seinem Versuch um eine „spontane Entscheidung“ gegangen sei, bei der es nicht viele Alternativen gebe und die – ganz wichtig – „wertfrei“ sei. Bei planvollen, langfristig wirkenden Entscheidungen hingegen seien ganz andere Netzwerke im Gehirn beteiligt. Hier sei es eher vorstellbar, dass ein freier Wille am Werk sei,. „Es ist eine Frage der Definition: Meinen wir mit freiem Willen etwas, über das wir lange nachgedacht haben oder meinen wir eine spontane Entscheidung? Bei letzterer bin ich in Hinblick auf den freien Willen eher skeptisch.“

Eine einfache Antwort mag der Hirnforscher jedenfalls nicht liefern. Dafür seien diese Prozesse in unserem Inneren zu komplex – und sie vollständig zu durchschauen, davon sei die Wissenschaft noch weit entfernt. Aus diesem Grund sieht John-Dylan Haynes auch „Gedankenlesemaschinen“ bislang als „utopisch“ an; dass solche Geräte in absehbarer Zeit entwickelt werden könnten, war nach Experimenten wie dem seinigen spekuliert worden. „Man kann nur etwas im Gehirn erkennen, wenn es gut einzugrenzen ist. Einfache Alternativen lassen sich dechiffrieren, die Vielfalt der Gedanken jedoch nicht – zum Glück, denn ein Eindringen in die mentale Privatsphäre wäre die schlimmste Form von Hausfriedensbruch.“ In dieser Hinsicht bleiben die Gedanken also – zumindest auf absehbare Zeit – frei.

„Freiheit kann man je nach Definition auch als Abwesenheit von Manipulation ansehen“, sagt der Neurowissenschaftler und gibt in dieser Hinsicht „Entwarnung“: „Man kann ein Gehirn stimulieren, aber umprogrammieren kann man es nicht, das ist Science Fiction. Um ein Gehirn zu manipulieren, müsste man Aktivitätsmuster sehr präzise hineinschreiben können. Das funktioniert nicht.“ Aus diesem Grund seien beispielsweise auch Kaufentscheidungen zwar durch Psychotechniken zu beeinflussen, aber doch keineswegs direkt über das Gehirn, wie sich das Unternehmen vielleicht wünschen würden.

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Hayes sieht eher ein anderes Problem, das die jüngsten Erkenntnisse auch seiner eigenen Hirnforschung aufwerfen – es hat mit der Frage zu tun, wann der freie Wille anfängt: „Die Abgrenzung von unbewussten und bewussten Vorgängen ist schwierig, auch in Bezug auf den Begriff der Schuld. Muss ich jemand für seine unbewussten Hirnprozesse verantwortlich machen?“ Darüber müsste es künftig eine ethische Debatte geben, die nicht alleine von Neurowissenschaftlern geführt werden könne. „Das zu klären – für mich eine Kernfrage.“

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