Der Frau Ursula von Rätin ist übel, sagt sie, vom vielen Ruckeln und Rattern des Zugs. Was sie aber keineswegs hindert, in einem fortwährenden Wortschwall über ihr Liebesleben und vieles mehr aus ihrem – ziemlich menschlichen – Alltag zu plaudern. Cornelia Fritzsche, der Frau mit dem Arm in der Ratte, ist die Anstrengung anzusehen, wenn man für einen kurzen Moment einen Blick auf ihr gerötetes Gesicht hinter der überlebensgroßen Schaumstoffpuppe erhascht. Die Dresdnerin absolviert mit ihrem Kabarettprogramm „Rattenscharf“ gerade einen Auftritt in einer der wohl außergewöhnlichsten Spielstätten Deutschlands: Sie steht auf einer improvisierten Bühne in einem fahrenden Zug aus den 30er Jahren auf dem Weg von Bad Nauheim nach Münzenberg und wieder zurück. Pianist Konrad Möhwald hat die Tür zur Garderobe direkt im Rücken.
Es ist die ehemalige Toilette und so winzig, dass sich ein erwachsener Mensch kaum darin umziehen kann. Dennoch ist die Wand hinter dem einstigen Lokus voll mit Erinnerungen von Künstlern, die für dieses besondere Erlebnis offenbar gerne jede Unbequemlichkeit in Kauf nahmen.
Der Kleinkunstzug fährt von Bad Nauheim bis Münzenberg und wieder zurück. Die 20 Kilometer lange Strecke wird ausschließlich von den Eisenbahnfreunden genutzt. Start ist um 19 Uhr am Bahnhof Bad Nauheim Nord, Abfahrt um 19.30 Uhr, Rückkehr meist gegen 22.30 Uhr.
Frühzeitig reservieren ist empfehlenswert, das es nur 45 Plätze gibt. Nächster Termin: das Münchner Frauenkabarett „Primatonnen“ (9. März). Weitere Vorstellungen: der Comedian Tom Greder (14. April) und die Comedy-Diva Daphne de Luxe (13. Mai).
Karten gibt es bei allen bekannten Vorverkaufsstellen, in Frankfurt unter anderem beim Kartenservice der Frankfurter Rundschau.
Reservierung: 0180/5040300.
Weitere Infos: kultur-ist-leben.de.
Ein Zugabteil als Bühne
Auch die Zuschauer haben ein zwar nicht unbedingt luxuriöses, aber doch exklusives Vergnügen: Sie sitzen auf langen Holzbänken (die während der zweistündigen Fahrt ziemlich hart werden können...) in einem knapp 30 Quadratmeter großen Waggon. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die sogenannte „Donnerbüchse“ in der Tschechoslowakei unterwegs, heute steht sie in Diensten der Eisenbahnfreunde Wetterau aus Bad Nauheim, die sie in ihrer Freizeit mit viel Liebe zum originalgetreuen Detail in ein Theater mit 45 Plätzen umgebaut haben.
Seit Anfang vergangenen Jahres ist der alte Waggon mehrmals im Jahr Schauplatz für die Kleinkunstreihe „Zugluft“; veranstaltet wird sie von den Bad Nauheimer Bahnfreaks und dem Schönecker Kulturbüro von Holger Baake. Der Vorsitzende der Eisenbahnfreunde, Stefan John, und der Kulturmann kennen einander schon länger, so entstand die Idee, den Museumszug zum mobilen Musentempel umzugestalten. Das Gesamtkunstwerk auf Schienen umfasst mehrere Abteile: neben dem Bühnenwaggon einen normalen Personenwagen, eine Bar, ein mit Holz vertäfeltes Bistro und einen Speisewagen, wo in der Pause, während die Lok für die Rückfahrt gewechselt wird, ein örtlicher Metzger ein Buffet serviert. Das Publikum steigt am Bahnhof Nord in Bad Nauheim zu, stilvoll über einen von brennenden Fackeln gesäumten roten Teppich und nimmt zur Einstimmung einen Sekt zu sich. Doch Vorsicht: Ein Gläschen zu viel könnte sich rächen; nicht allein wegen der zuweilen holprigen Fahrt, sondern auch wegen des möglichen Drucks auf der Blase als Folge.
Souveränes Auftreten nötig
Denn der Gang zur Toilette ist wahrhaft stilecht und für sanitär Pingelige ein eher zweifelhaftes Vergnügen. Nicht zu vergessen: Das stille Örtchen darf nur während der Fahrt besucht werden; der Weg vom Theaterwagen ist weit und zugig. Dieser Gedanke hat einen prominenten Gast offenbar bereits vor dem Start in Panik versetzt – und den Zuschauern einen unvergesslichen Auftritt verschafft: Denn durch die Zugfenster sahen sie Travestiestar Lilo Wanders in voller Montur über den Bahnsteig rennen, um schnell noch einmal die Toilette aufzusuchen. Auch die „Primatonnen“ hatten es mit Figur und Robe nicht leicht in der Enge – und doch kommen die drei Münchner Kabarettistinnen 2012 wieder. „Für unsere Künstler ist das eine positiv grenzwertige Erfahrung“, sagt Baake. Durchweg Profis lässt er bei „Zugluft“ auftreten, Leute mit souveränem Auftreten auch angesichts mancher Imponderabilien. Der Veranstalter weiß, wie wichtig Qualität besonders in diesem kleinen Rahmen ist: Das Publikum sieht alles, ein vorzeitiges Entrinnen gibt es nicht.
Trotz fehlenden Komforts und Einschränkungen bei der Bühnentechnik ist eine „Zugluft“-Vorstellung für alle ein unvergessliches Erlebnis. Ein Auftritt dort beschert Momente, wie sie an keinem gewöhnlichen Theater möglich wären: Der Jongleur, der es auf wackeligem Grund schafft, alles aufzufangen, bekommt gleich doppelt so viel Applaus.
Und das Rattenkabarett von Cornelia Fritzsche wird ungewollt – aber höchst unterhaltsam – zum Mitmachtheater, wenn der Frau von Rätin in einer Kurve die Utensilien vom Tisch plumpsen und eine beflissene Dame aus der ersten Reihe sie aufhebt. Was wiederum zeigt: so nah ist man als Zuschauer selten dran.
Eine Herausforderung ist die fahrende Spielstätte auch deshalb, weil die Künstler mehr als sonst um die Aufmerksamkeit buhlen müssen: Zwischendurch pfeift und rattert und zischt es, knacken Achsfedern, erschüttern Schienenstöße den Waggon, fesseln vorbeiziehende Autobahnen, Gebäude oder hell erleuchtete Wohnungen die Blicke. „Das ist ungewohnt“, sagt Rattenspielerin Cornelia Fritzsche, „aber ein schönes Abenteuer“.