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11. Januar 2013

Alkohol-Abstinenz: Für mich einen Tee, bitte

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Unser Autor ist keine Spaßbremse. Er will einfach nur eine Bionade.  Foto: dpa

Unser Autor mag seine trinkenden Freunde, ihre lustigen Runden – nur eben keinen Alkohol im eigenen Glas. Ein Problem? Offenbar ja.

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Unser Autor mag seine trinkenden Freunde, ihre lustigen Runden – nur eben keinen Alkohol im eigenen Glas. Ein Problem? Offenbar ja.

Es graut mir mittlerweile vor der Frage: „Kommst du mit was trinken?“ Es ist eine harmlose, fast schon unschuldige Frage, jeden Tag gestellt und gerne bejaht. Menschen sind nun mal Lebewesen und Lebewesen brauchen Flüssigkeit. Und da Menschen ganz besondere Lebewesen sind, die nicht nur Gesellschaft, sondern auch stimulierende Substanzen gern haben, ist das gemeinsame Trinken, besonders das von Alkohol, ein altes Ritual, das die Bande menschlichen Miteinanders stärkt.

Und wer sagt dazu schon nein? Wer will sich freiwillig ins Abseits stellen? Niemand. Und so gehe auch ich meistens mit – auch wenn ich gar nichts trinke.

Das heißt: Natürlich trinke ich, nur eben nicht das, worauf es ankommt. Und das bereitet mir jedes Mal Unbehagen. Während die Runde also mit Biergläsern oder Gerippten anstößt, hebe ich meist meine dunkelbraune Koffeinbrause in die Höhe und schäme mich dafür, nicht dem gesellschaftlichen Konsens zu entsprechen.

Nichttrinker-Tipps

Das Wort „Anti-Alkoholiker“ sollte man meiden. Einer, der nicht trinkt, hat nicht unbedingt etwas gegen Alkohol – oder gar gegen Alkoholiker. Höchstens gegen deren Krankheit, aber dafür kann ja keiner was.

Orangensaft statt Sekt ist doof: Nicht nur entlarvend, sondern auch gefährlich, wenn beides gemischt wird und man irrtümlich zum falschen Glas greift. Besser ist etwas, das ähnlich aussieht, etwa Ginger Ale.

„Ich muss noch fahren“ ist vielleicht die beste Ausrede für den Verzicht. Man sollte nur darauf achten, sich nicht in Bus oder Bahn erwischen zu lassen.

Alle Trinker sollten sich in Sachen Toleranz ein Beispiel an ihren Lebern nehmen und lästige Fragen meiden.


So sitze ich da, mitten unter Freunden, mache mit bei ihren Ritualen und fühle mich mehr als Fremdkörper, als wenn ich zu Hause geblieben wäre. Da können sich die Trinker noch so tolerant geben, früher oder später, wenn der Alkohol die Hemmschwelle überwinden hilft, kommt meist doch ein blöder Spruch, der offenbart, was längst unausgesprochen in der Luft hängt: Spielverderber!

Schon bei der Bestellung bin ich geoutet, wenn ich als einziger eine Cola ordere. Selbst die Wahl von hippen „Kultgetränken“ wie Afri-Cola, Orangina oder Bionade rettet mich nicht vor der zweiten peinlichen Frage, die ich noch mehr hasse als die erste: „Du trinkst kein Alkohol?“ – Nein, antworte ich. – „Gar nicht?“ – Ja. – „Und warum nicht?“

Jeder erwartet einen Geschichte

Ich würde nun gerne sagen, ich sei strenggläubiger Muslim. Doch das würde wohl nur weitere lästige Fragen nach sich ziehen. Oder, dass ich Hepatitis habe und meine Leber schonen muss. Beide Antworten würden mich wahrscheinlich erst recht wie einen Aussätzigen, bestenfalls wie einen komischen Kauz erscheinen lassen, der Mitleid verdient. Doch als kerngesunder, bekennender Atheist müsste ich in beiden Fällen lügen.

Ich bleibe bei der Wahrheit. Die Neugierigen erwarten meistens irgendeine Geschichte und ich hätte vielleicht auch eine zu erzählen, wenn ich weit ausholen würde. Aber je öfter mir die Frage gestellt worden ist, desto knapper werden meine Antworten. Weil ich mich nicht gerne wiederhole, sage ich mittlerweile nur noch etwas wie: „Ist nicht mein Ding.“ Hartnäckige hält das nicht ab weiter zu bohren, ob ich es denn schon mal versucht oder immer schon abstinent gelebt habe. „Aus Prinzip“, nennt man das gemeinhin, was keine Erklärung ist und einen als Moralapostel erscheinen lässt. Ich spare mir das. Ehrlich gesagt, es gibt keine Geschichte. Jedenfalls keine spektakuläre, kein tragisches Ereignis, kein Trauma.

Eines Tages, im zarten Alter von 19 Jahren, zu Beginn meines Zivildienstes, hörte ich mit dem Trinken auf. Einfach so. Es ergab sich, dass ich längere Zeit nichts getrunken hatte, und eines Tages fasste ich den Beschluss, dass ich ganz gut ohne zurecht kam: Ich brauchte weder den Geschmack von Bier, Wein oder Stärkerem, noch den Rausch, schon gar nicht den Kater am nächsten Morgen.

Im Gegenteil: Ich kam auf den Trichter, dass es besser ist Herr seiner selbst zu sein, als sich fremdbestimmen zu lassen. Damit es beim Trinken keine Hintertürchen gibt, es zu übertreiben, (was ich in meiner wilden Jugend gern tat) lasse ich es eben ganz.

So. Jetzt ist es raus. Mein Bekenntnis ein für alle mal. Das klingt jetzt vielleicht – entgegen aller Intention – unsagbar spießig. Also doch ein Prinzipienreiter, eine Spaßbremse, einer, der mit seiner Haltung missionieren geht und anderen ein schlechtes Gewissen einreden will, wenn er sagt: „Ich kann auch ohne Alkohol Spaß haben.“ Ein schrecklich entlarvender Satz, den ich mir ebenfalls spare.

Jedem seinen Droge

Nein, wenn ich eine Botschaft an die Welt habe, dann diese: Jedem seine Droge! Trinkt, solange ihr damit umgehen könnt! Ich animiere andere sogar gerne zum Picheln, was mich leider nicht überzeugender macht: „Du trinkst doch gar nicht!“ Doch ihre Freude ist meine Freude, solange sie sich nicht daran stören, dass ich nur an der Stimmung partizipiere und nicht am Rausch.

Ich selbst habe auch meine Sucht: Schwarzen Tee. Massenweise. Mindestens einen Liter am Tag, oft sogar mehr. Wenn nicht, leide ich unter Koffeinentzug, bekomme Kopfschmerzen. Insofern bin ich von meinem bescheidenen Genussmittel abhängiger als jeder Gelegenheitstrinker. Die Kaffee-Junkies wissen, was ich meine.

Den Geschmack von Alkohol und den Rausch habe ich dagegen nie vermisst. Was mir fehlt, ist nur die Wirkung meiner Abstinenz nach außen. Ich wünschte, dass die Stimmen eines Tages verstummen, dass die Verhöre aufhören, die mir das Gefühl geben, mit mir stimme etwas nicht. Ist es nicht sonderbar, dass man sich dafür rechtfertigen muss, keine Drogen zu nehmen?

Man könnte nun ins Grübeln kommen, was das über unsere Gesellschaft aussagt, dass die Abstinenz der Sonderfall ist. Immerhin wundert sich heute kaum noch einer über Vegetarier. Es gibt noch Hoffnung.

Vielleicht sollte ich zunächst meine eigene innere Stimme zum Schweigen bringen, die mir einredet, mir würde etwas fehlen, und die mich manchmal zweifeln lässt. Es gilt der alte Spruch: Ich habe kein Problem mit Alkohol – nur ohne.

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