Rad fahren? Bei dem ... Das Wort „Wetter“ trauen sich die meisten kaum noch in den Mund zu nehmen im Zusammenhang mit Radeln. Doch, doch, alles kein Thema – frei nach dem Motto: Es gibt kein falsches Wetter, sondern nur das falsche Rad! Das klingt jetzt, zugegeben, ein bisschen breitspurig. Denn entweder müsste man sich Fahrräder kaufen wie andere Leute Schuhe. Oder man hat das Glück, der Radel-Redakteur der Frankfurter Rundschau zu sein. Dann kommt es vor, dass zur rechten Zeit ein Pedelec ins Haus geschneit kommt.
Wobei: Im ersten Moment schien es alles andere als der rechte Zeitpunkt zu sein. Selbst als Biker, der schon so ziemlich alles gesehen hat, macht die Aussicht auf Testfahrten mit einem Mountainbike im tief verschneiten Taunus keinen Spaß. Aber warum in die Berge? Flachland geht auch. Der Hintergedanke: Durch den Schnee fahren ist anstrengend. Sehr anstrengend. Habe ich oft genug ausprobiert. Ist zwar ein Super-Konditionstraining. Auf zehn Kilometern die Kraft verpulvern, die man sonst für 40 braucht, schwitzen, bis das Wasser aus der Jacke läuft. Aber, so viel Ehrlichkeit muss sein, die richtige Freude kommt nicht auf, wenn man – gefühlt – auf der Stelle kurbelt.
250 Watt als Zusatzschub
Doch mit einem Pedelec sollte die Sache anders aussehen. Seit zwei Jahren sind die Renner auf dem Fahrradmarkt. Die mit Elektromotor aufgemotzten Räder haben eine für diesen extremen Fall perfekte Eigenschaft: Sie unterstützten beim Treten. Nur beim Treten. Den Schub liefert der fette 250-Watt-Akku ausschließlich, wenn man selbst in die Pedale keult. Also anders als E-Bikes, die wie ein Moped funktionieren, mit dem einzigen Unterschied: Statt am Gas- dreht der Fahrer am Stromgriff.
Zurück zur Versuchsanordnung, denn eine Kleinigkeit fehlt noch. Bei den aktuellen Verhältnissen ist es nicht nur mühsam, sondern es kann auch verdammt glatt sein. Also: Spikesreifen aus dem Keller holen, draufziehen und los! Mal sehen, ob das „Delite“ von der Darmstädter Edelschmiede Riese und Müller auch bei solchen Verhältnissen etwas taugt. Um es vorweg zu nehmen. Es taugt was. Und wie. (Wobei, zugegeben, das wahrscheinlich so ähnlich alle möglichen Pedelec-Modelle von anderen Herstellern hingekriegt hätten.)
Die 4000-Euro-Maschine schnurrt ab, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Im Wortsinn, denn die kalte Luft beißt ordentlich. Doch für solche Petitessen ist jetzt keine Zeit. Die Konzentration gilt einzig und allein dem Untergrund. Denn Schnee, das wusste ich von früheren Versuchen, ist nicht gleich Schnee. Es braucht gar nicht mal ein so feinfühliges Verhältnis zum weißen Stoff, wie ihn Fräulein Smilla hatte. Schon der durchschnittliche Bewohner der Rhein-Main-Region unterscheidet zwischen Matsch, Pulverschnee und Eis. Und bei den schwankenden Temperaturen kriegt man das auch alles serviert.
Genial: Tiefschnee-Surfen
Genial ist es, durch weite, unberührte Schneefelder zu gleiten – fast wie Tiefschnee fahren mit dem Snowboard. Eis? Kein Thema. Die mit 300 Spikes gespickten Stollenreifen wahlweise von Schwalbe oder Nokian, verlieren erst bei deutlicher Schräglage den Halt. Unebenheiten schlucken die 100 Millimeter Federweg auch ziemlich lässig. Ganz groß auch: Bergab schaltet man die Energie-Rückgewinnung zu und der Motor bremst automatisch runter, ohne dass blockierende Reifen ins Schliddern geraten können.
Aber Matsch, der ist nix. Spritzt hoch, setzt sich auf Kette und Ritzeln fest – und gefriert. Schalten? Geht nicht mehr. Ebenfalls ungünstig: Wenn sich am Straßenrand der zusammengeschobene Schnee hüfthoch türmt, ist kein Vorbeikommen. Knapp 25 Kilo herumzuwuchten, ist kein Vergnügen.
Es geht aber noch schlimmer. Dann, wenn man in jenes verspurte, verpresste Zeug hineingerät, das die Autos auf der Fahrbahn hinterlassen. Das ist richtig übel. Da schwimmt jeder Reifen auf oder sackt unkontrolliert ein. Die Schneehaufen und -rillen verreißen regelrecht den Lenker. Das Ganze sieht – sagt ein Kollege unsensibel – nach „Geeiere“ aus. Er hat ja recht. Aber was er nicht ahnt, das ist das anhaltende Glücksgefühl. Dieser unbeschreibliche Sieg über die weiße Materie, wenn man bei jedem Tritt wie von einer unsichtbaren Hand kräftig geschoben wird.
Da kommt im Überschwang schon das Gefühl auf: Der Schnee-Biker ist durch nichts zu stoppen. Ist er doch, wie ich heute Morgen ausprobiert habe. Einfach nur vergessen, den Akku über Nacht aufzuladen ...