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Sport: Der Kranich ächzt

Nur Anfänger glauben, Tai Chi habe mit Entspannung zu tun. Unsere Autorin weiß es besser. Den Tai Chi ist eigentlich eine Kampfform, eben nur eine langsame.

Tai Chi im Freien.
Tai Chi im Freien.
Foto: FR/Oeser

Womit hat es vor sieben, acht Jahren eigentlich angefangen? Mit diesem Ziepen in der Schulter? Mit dem Reißen in der unteren Wirbelsäule? Mit der zunehmenden Steifheit? Oder stand doch mehr der allgemeine Stress im Vordergrund bei der Entscheidung, es mal mit Tai Chi zu versuchen? Die Feststellung, dass die Arbeit, der Alltag, die Ausgaben mehr und mehr Besitz vom eigenen Kopf ergriffen haben? Dass das Pflichtprogramm immer mehr Speicherplatz im Gehirn beansprucht und die Kür − Literatur, Lebensfreude, Larifari −sich zunehmend in eine kleiner werdende Ecke verzieht? Wohl doch eher Letzteres.

Ein bisschen klischeehaft war das natürlich schon − nach dem Motto: Die Asiaten gelten doch immer als so ausgeglichen (Buddhismus, Zen, Tibet und so weiter), die werden schon wissen, was gut ist.

Meinen ersten Tai-Chi-Kurs belegte ich bei der FTG Bockenheim − an den Namen der Lehrerin erinnere ich mich nicht mehr, nur noch daran, dass die Chinesin uns den Yang-Stil beibrachte. Dazu muss man wissen, dass es fünf Stile im Tai Chi gibt, das der Chinese eigentlich Taijiquan nennt: Yang-, Chen-, Wu-(Wu-/Hao-), Lee- und Sun-Stil. Die darin gelehrte mehrteilige Form aus einzelnen Bildern („einzelne Peitsche“, „Vogelschwanz umschlingen“) weicht in Ablauf und Ausführung voneinander ab. Das ist der Unterschied.

Der Kurs war immerhin so gut, dass er mein Interesse, vielleicht sogar meine Begeisterung weckte und mir gleichzeitig bewusst machte, dass so ein Zehn-Stunden-Kurs ja eigentlich zu nichts führt.

Also meldete ich mich in einer Tai-Chi-Schule an. Einmal pro Woche stolperten sich dort an die 30 Schüler gegenseitig über die Füße, was der Lehrer und Schulenbesitzer damit rechtfertigte, „dass Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse ja aufeinander aufbauen und erfahrungsgemäß immer mehr Leute wegbleiben“. Man müsse also mit 30 Schülern anfangen, wenn am Ende zehn Stammschüler bleiben sollen.

Nun ja. Bei mir ging diese Rechnung auf: Immer wenn ich eine Frage stellte, veralberte der gute Mann diese, ohne sie zu beantworten. Vermutlich um Zeit zu sparen und das Fragenstellen bei diesem Massenbetrieb nicht auch noch zu befördern. Tschüss Schule.

Doch ich ließ nicht locker. Wendete mich wieder der FTG Bockenheim zu, wo ein wunderbarer Lehrer nun schon seit vielen Jahren drei Zehn-Stunden-Kurse pro Jahr im Wu-Stil gibt.

Ein Tai-Chi-Star werde ich so wohl nicht werden. Experten aus China versichern nämlich, dass man jede einzelne Figur der Form hunderte Male wiederholen und genau einüben muss, bis man von sich behaupten kann, man könne sie ein ganz kleines bisschen. Ist nicht so ganz leicht, in einem Vollzeit-Berufsleben eine Form, die aus Dutzenden Figuren mit so komplizierten Namen wie „Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus“ besteht, hunderte Male zu wiederholen − allein das Aussprechen dauert ja schon eine halbe Minute.

Das größte Missverständnis dabei ist, dass viele Anfänger meinen, Tai Chi habe irgendwas mit Entspannung zu tun. Üben Sie mal eine Stunde lang Wolkenhände: Da schreien die Oberschenkelmuskeln, es schmerzen die Arme, es reißt im Rücken. Denn Tai Chi ist eigentlich eine Kampfkunst. Der unscharfe Begriff „Schattenboxen“ hat schon was. Schließlich lernen wir − in extrem verlangsamtem Tempo − fiese Figuren, die einem Gegner, rasant ausgeführt, glatt das Nasenbein ins Hirn rammen und ihm so die Lichter ausblasen würden.

Und da ist es schon nützlich, wenn man zunächst einmal einen festen Stand hat − den man damit erreicht, dass man − bei entsprechender Schrittweite − sehr deutlich in die Knie geht, immer auf einen geraden Rücken achtet und mit den erhobenen Armen den Gegner in Schach hält. Das ist der Grund, warum sich sonst wenig beanspruchte Muskeln hier plötzlich in Erinnerung rufen. Ansonsten gibt es für Rücken und Muskulatur natürlich nichts Gesünderes als Tai Chi. Anstrengend ist Tai Chi auch deshalb, weil man sich die ganze Zeit konzentrieren muss.

Und doch fühle ich mich nach jeder Stunde so, als könnte ich Bäume ausreißen (oder jemandem das Nasenbein…, aber − Bauchatmung − dazu denke ich viel zu positiv). Kurz nach dem Tai Chi jedenfalls.

Autor:  Frauke Haß
Datum:  8 | 11 | 2010
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