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Dirk Darmstaedter: Zweifelnder Troubadour

Der Hamburger Songwriter Dirk Darmstaedter kehrt auf seiner neuen Platte „Appearances“ zu seiner musikalischen Prägezeit in den USA zurück.

Je älter die Pophistorie, desto mehr Jubiläen gibt es zu feiern. Dirk Darmstaedter etwa begeht mit seinem Hamburger Indie-Label Tapete dieser Tage den zehnten Geburtstag. Eine Leistung in Zeiten, in denen sich fast täglich Plattenfirmen aus dem Rennen verabschieden.

Tapete hatte der Hamburger Songschreiber gegründet, um nicht nur für sich selbst und sein Bandprojekt Me And Cassity einen Heimathafen zu haben. Hier veröffentlichen auch andere verdiente Songschreiber, für die es bei Major-Plattenfirmen keinen Platz mehr gibt: Bernd Begemann, Niels Frevert oder auch Lloyd Cole haben bei Darmstaedter angedockt.

Der Hausherr selbst hat nach langer Pause ebenfalls wieder eine Platte gemacht. „Appearances“ heißt das vierte Album von Me And Cassity, auf dem der Hamburger die Rolle des solistischen Troubadours eintauscht gegen die des Bandleaders. In dem Dutzend Songs umgibt er sich mit goldgetönten Americana-Klängen von Slide-Gitarren, Violine, Vibraphon, Banjo und vielstimmigen Chören. Zu seinen Gästen zählen Musiker wie Multiinstrumentalist Martin Wenk, Calexico-Geigerin Anne de Wolff oder Sänger Kristofer Aström − Begleiter, die Darmstaedter als Geistesverwandte bezeichnet.

Die prächtige Instrumentierung geht einher mit nachdenklichen Gedanken über persönliche Irrungen. Leise klingt Resignation an angesichts einer aufgeregten Welt der Finanz- und sonstigen Dauerkrisen: „Stupid World“ heißt so einer der Songs.Der allgemeinen Verrücktheit kehrt Darmstaedter den Rücken. Dann doch lieber der losgelöste Troubadour sein. In dem Stück „The Last Troubadour“ klingt Selbstironie an, wenn es heißt: „He’s on the way out, travelling light, ain’t got no money, but that’s allright.“

„Zweifeln gehört zum Tagesgeschäft“, sagt Darmstaedter. „Jeden Tag geht es darum, dem Monster des inneren Widerstandes, des ,Lass mal gut sein‘ entgegenzutreten und ihm in die Eier zu treten.“ Stattdessen hält er die Fahne des Melancholikers hoch: „Darin liegt für mich die große Kraft des ,trotzdem Weitermachens‘.“

Der Hamburger mit dem geschmeidigen Timbre, der in New Jersey aufwuchs, landete Ende der 80er mit seinem Britpop-Trio The Jeremy Days ein paar Hits. Jetzt ist der 47-Jährige auf seine musikalische Prägezeit in den USA zurückgekommen. Auf die Schulzeit mit amerikanischem Frühstücksradio, Baseball-Begeisterung und einem Plattenschrank mit Klassikern von Bob Dylan oder Leonard Cohen.

„Mein Verhältnis zu Amerika war jahrelang geprägt von dem der Entbehrung, des Verlangens, der Hoffnung und der Sehnsucht“, sagt er. „Ich bin ja mit zwölf mit meinen Eltern nach Deutschland gezogen, was keine gute Zeit war, um von einem Kontinent zum nächsten umgesiedelt zu werden, Freunde, Sportarten, letztlich ein Leben verlassen zu müssen.“

Geheilt habe ihn später eine Phase des Straßenmusizierens quer durch Europas Hauptstädte − mit Interrail-Ticket, Gitarre und Skateboard. Durch „Appearances“ ziehen sich auch Anklänge an die klassischen Pop-Melodien und die Beatles, insbesondere Paul McCartney. Doch vor allem zelebriert der Norddeutsche US-Folksongs − die runden Arrangements und der sonnige Grundton würden sich sehr gut einfügen in das US-Radioprogramm. So fühlt sich „Appearances“ letztlich an wie ein glückliches Ankommen auf vertrautem Boden.

Dirk Darmstaedter, Me And Cassity, 22.2., 20.30 Uhr, Frankfurt, Das Bett, Schmidtstraße 12, Kartentelefon 069/60 62 98 73 Solokonzert, 3.3., 20 Uhr, Darmstadt, Künstlerkeller im Schloss, Karten: www.dirkdarmstaedter.com

Autor:  Ulrike Rechel
Datum:  22 | 2 | 2012
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